Montagsinterview

Therapeutinnen Karen Gerlach und Sabine Ludwig: Im Dauerstress durch Corona

Die Heilpraktikerinnen für Psychotherapie Karen Gerlach und Sabine Ludwig aus Bad Hersfeld sprechen im Montagsinterview über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Psyche.

Hersfeld-Rotenburg – Die Corona-Pandemie ist nicht nur eine Bedrohung für die körperliche Gesundheit, sie belastet auch die Psyche. Darüber haben wir mit den Heilpraktikerinnen für Psychotherapie Karen Gerlach und Sabine Ludwig aus Bad Hersfeld gesprochen.

Unser Leben hat sich durch Corona verändert. Wir halten Abstand, tragen Masken, haben unsere sozialen Kontakte reduziert und arbeiten oft von zu Hause. Was macht das mit den Menschen?

Karen Gerlach: Die psychischen Folgen der Corona-Pandemie kann man nicht pauschalieren, diverse Faktoren spielen hier eine Rolle Wir sehen uns in dieser Pandemie einer Bedrohung durch das Virus ausgesetzt, die man weder wahrnehmen, noch beeinflussen noch wirklich einordnen kann (es sei denn, man ist Virologe). Auf die damit einhergehende aktuelle Unsicherheit, Ungewissheit, Hilflosigkeit und den Kontrollverlust reagieren Menschen unterschiedlich.

Wie sehen die Reaktionen aus?

Sabine Ludwig: Die meisten sind dazu in der Lage, diese besondere Situation emotional und psychisch normal zu verarbeiten, wie es bei anderen herausfordernden Lebenseinschnitten auch der Fall sein kann und zum Teil schon erlebt wurde, zum Beispiel bei Tod, Erkrankung in der Familie, Jobverlust, Trennung, Scheidung…… Manche sind jedoch nicht gut dazu in der Lage, es ängstigt sie sehr, manche sind nervös-aufgeregt, aggressiv-wütend oder fühlen sich wie gelähmt und hilflos.

Was macht den Menschen da so zu schaffen?

Karen Gerlach: Besonders der Kontrollverlust ist es, der die Ängste, Aggression oder Lähmung erzeugt. Je mehr situative, emotionale und persönliche besondere Belastungen nun hinzukommen, zum Beispiel durch soziale Isolation, die eigene Persönlichkeitsstruktur, Existenzängste, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, über die nun schon Monate andauernde Pandemie in schädlichen Dauerstress zu geraten.

Sabine Ludwig: Die Situation kann ich ja als Einzelner nur sehr bedingt beeinflussen. Ich muss sie einfach als gegeben hinnehmen. Dies ist entscheidend darüber, wie viel Stress aufgrund von Corona empfunden wird.

Und wenn ich die Gegebenheiten nicht akzeptieren kann oder will?

Sabine Ludwig: Die Unfähigkeit zur Akzeptanz erzeugt nicht nur Dauerstress, sondern treibt auch manche Menschen dazu, selbst den abstrusesten „Propheten“ zu folgen, Hauptsache, man muss sich nicht den Fakten beugen. Erst die Akzeptanz versetzt in die Lage, sich mit den gegebenen Umständen/der Situation konstruktiv auseinanderzusetzen und „das Beste daraus zu machen“. Ohne Akzeptanz bleibt nur das ängstlich abwartende Verharren in Hilflosigkeit, was die Entwicklung von Depressionen und Angsterkrankungen fördert oder die Aggression, die sich dann leider auch gegen die richten kann, die für die Gesamtsituation überhaupt nicht verantwortlich sind. Mangelnde Akzeptanz kann auch offene Rebellion erzeugen. Das kann man bei den Querdenkern erleben.

Gibt es auch psychische Corona-Risikogruppen?

Karen Gerlach: Die Folgen für die psychische und damit auch für die körperliche Gesundheit hängen unmittelbar damit zusammen, wie stark mich diese Pandemie stresst. Auch wenn man die Situation akzeptieren kann, hängt es immer noch davon ab, wie viele Faktoren auf mich einwirken, ob und wie psychisch und damit auch körperlich gesund ich in der Pandemie bleibe. Ein hohes Risiko haben zum Beispiel Alleinerziehende im Homeoffice mit kleinen Kindern. Weitere Risikofaktoren sind eine unsichere, ängstliche Persönlichkeit, wenig Freunde und Verwandte im Umkreis oder ein unsicherer Arbeitsplatz. Je mehr persönliche und situative Belastungen zutreffen, umso höher und langanhaltender ist der Stresslevel. Umso größer sind dann auch die negativen Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit oder das Immunsystem, das ja vor dem Virus schützt.

Kann man also sagen, dass Corona auch psychisch krank macht?

Sabine Ludwig: Corona als alleinige Ursache für eine psychische Erkrankung konnten wir nicht feststellen. Wir haben keinen Patienten, der aufgrund von Corona allein psychisch labil geworden ist. Wir haben keinen vermehrten Bedarf an therapeutischer Unterstützung bei vorher psychisch völlig gesunden Menschen beobachtet. Hier ist immer das Zusammenspiel von mehreren Faktoren und persönlichen Herausforderungen ausschlaggebend. Was wir jedoch feststellen ist, dass die aktuellen Belastungen bereits vorhandene Erkrankungen verschlimmern können und bei bisher Gesunden dann dazu beitragen können, psychische Erkrankungen zu entwickeln, wenn Corona nun noch zu bereits vielfältig vorhandenen Belastungen und Herausforderungen dazukommt.

Was kann man tun, um Stress abzubauen oder gar nicht erst an sich heranzulassen?

Karen Gerlach: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sport treiben, am besten draußen in der Natur baut die Stresshormone schneller ab. Grundsätzlich hilft ein geregelter Tagesablauf, weil er Sicherheit und Zufriedenheit gibt. Wenn es den nicht durch berufliche Arbeit gibt, kann man ihn selbst etablieren. Dazu kann man auch überlegen, wie die neu gewonnene Freizeit sinnvoll genutzt werden kann und etwas anpacken, was man schon immer tun wollte oder was schon lange liegen geblieben ist. Seriöse Informationsquellen gezielt auswählen und die Informationen dosieren hilft gegen das Gefühl, von besorgniserregenden Nachrichten überrollt zu werden.

Sabine Ludwig: Stressabbau funktioniert auch über bewusste Entspannung, zum Beispiel mit Hilfe von Yoga, Achtsamkeitstraining, Thai Chi oder Meditation. Sich bewusst etwas Gutes tun – ein Bad nehmen, etwas Gutes kochen, einen schönen Film ansehen, Lieblingsmusik anhören, ein Buch lesen – kann ebenfalls helfen.

Und wenn die Ängste und Sorgen trotzdem noch da sind?

Karen Gerlach: Dann sollte man sie nicht wegdrängen, das erhöht den Stresslevel, sondern bewusst durchdenken und schriftliche Pläne machen. Was kann ich vorbereiten für den Fall, dass ich positiv getestet werde? Wer sollte welche Informationen haben, um mich zu vertreten? Wer kann mich in diesem Fall unterstützen? Welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich arbeitslos werde? Eventuell im Vorfeld sparen oder einen Plan machen, was eingespart werden könnte.

Und was mache ich, wenn ich mich einsam und isoliert fühle?

Sabine Ludwig: Der Mensch ist ein „Herdentier“, also evolutionstechnisch gesehen darauf angewiesen, im Verband mit anderen zu leben. Daher empfinden wir auch das dringende Bedürfnis nach Gemeinsamkeit. Deshalb ist es wichtig, Kontakte nach den geltenden Regeln weiter zu pflegen und zum Beispiel gemeinsam spazieren zu gehen oder zu wandern. Telefonate oder Video-Chats sind ebenfalls ein kleiner Ersatz für persönliche Begegnungen.

Zur Person

Karen Gerlach (56) und Sabine Ludwig (60) sind seit ihrer staatlichen Prüfung und Zulassung vor 17 Jahren, Heilpraktikerinnen für Psychotherapie mit eigener Praxis. Begonnen haben sie 2003 zunächst in Neuenstein - Raboldshausen, wo sie auf dem eigenen Hof die erste Praxis eröffneten. Dort boten sie auch Reittherapie an und hielten hierfür eigene Pferde. 2012 ist die Praxis nach Bad Hersfeld, zunächst an den Markt, umgezogen. Im Mai 2020 erfolgte ein weiterer Umzug in die Obere Frauenstraße. Sabine Ludwig stammt aus Düsseldorf, wo sie auch Geografie und Biologie studierte. Sie arbeitete zunächst als Vertriebsleiterin in einem Softwareunternehmen. Sie ist seit 1995 nach entsprechenden Ausbildungen bundesweit auch als Coach tätig. Karen Gerlach war ursprünglich Fremdsprachensekretärin und arbeitet seit ihrer Aus- und Weiterbildung als HP für Psychotherapie vor allem mit Kindern und Jugendlichen, wie auch bei Herausforderungen zum Thema Kommunikation. Schwerpunkt bei beiden ist die verhaltenstherapeutische- und lösungsorientierte Kurzzeittherapie. Zum Team gehört außerdem Julia Rosenberg (34), Diplom-Pädagogin und HP für Psychotherapie. (Christine Zacharias)

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