Es geht ums Kartellrecht

100 Hektar-Grenze: Hessen Forst steigt beim Holzverkauf im Landkreis aus

Waldreiche Idylle: Wie Waldbesitzer künftig ihr Holz verkaufen, ist noch offen. Fest steht aber, dass Hessen Forst es für all die nicht mehr verkaufen wird, die mehr als 100 Hektar Wald besitzen. Unser Symbolbild zeigt Niedergude mit dem Alheimer im Hintergrund.

Hersfeld-Rotenburg. Kommunen im Landkreis, die über mehr als 100 Hektar Gemeindewald verfügen, müssen ihr Holz künftig selbst verkaufen. Hessen Forst tut das ab 2019 nicht mehr.

Grund ist das Kartellrecht. Es soll mehr Wettbewerb auf der Anbieterseite von Rundholz entstehen. Auch private Waldbesitzer, die über 100 Hektar Wald besitzen, müssen sich neu orientieren. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind diese in zwei Forstbetriebsgemeinschaften organisiert, denen auch Kommunen angehören.

Die Schallgrenze 100 Hektar ist für das Land Hessen jedoch noch nicht grundsätzlich in Stein gemeißelt, hieß es bei Anfrage im Umweltministerium. Dort geht man noch von einer größeren, nicht benannten Fläche aus, weil Hessen von einem höheren Anteil Laubholz geprägt ist als zum Beispiel Baden- Württemberg, in dem das Kartellrechtsverfahren seinen Anfang genommen hatte. Noch wird mit dem Kartellamt verhandelt.

Das Umweltministerium regt an, dass sich die betroffenen Kommunalwald- und Privatwaldbetriebe zu Holzverkaufsorganisationen zusammenschließen. Sie sollen auch in der Startphase finanziell unterstützt werden.

Großes Thema ist das alles noch nicht in den betroffenen Kommunen im Landkreis, berichtet Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald. Er und der Haunetaler Bürgermeister Gerd Lang stehen den am stärksten betroffenen Kommunen vor und sollten einen Arbeitskreis innerhalb der Bürgermeisterdienstversammlung dazu leiten. Mangels Interesse der übrigen Kommunen habe sich allerdings nichts getan, bedauert Grunwald. Rotenburg hat mit 1300 Hektar den größten Wald und versucht, die Vermarktung auf eigene Füße zu stellen.

Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald geht davon aus, dass die Kommunen individuelle Lösungen für die Holzvermarktung anstreben. Ein kreisweites Vorgehen sei bei seinen Amtskollegen bis jetzt nicht auf Interesse gestoßen, bedauert er. Rotenburg verfügt über den größten Waldbestand und erlöst jährlich sechsstellige Summen. Deshalb versucht man jetzt ebenfalls, eine Lösung in städtischer Regie zu finden. Einen entsprechenden Auftrag der Stadtverordnetenversammlung gibt es bereits. 

Zeit gewonnen haben alle Kommunen, weil Hessen Forst die Beförsterung des Waldes weiterführen darf und bestehende Verträge noch abgearbeitet werden. Grunwald hält es allerdings für sinnvoller, Bewirtschaftung und Vermarktung in einer Hand zu halten. Die Gemeinde Ludwigsau mit 600 Hektar Wald hat sich mit einer Absichtserklärung erst einmal festgelegt: Sie will Bewirtschaftung und Vermarktung des Kommunalwaldes an die private Center-Forst GmbH übertragen, erklärte Bürgermeister Wilfried Hagemann. Verträge gebe es allerdings noch nicht. Center-Forst mit Sitz in Lauterbach ist ein Unternehmen, das 2006 aus der Waldgesellschaft der Riedesel Freiherren zu Eisenach GbR in Lauterbach und der Fürst Wittgensteinschen Waldbesitzergesellschaft gegründet wurde.

Waldbesitzerverband: Wirtschaftlich erst ab 30.000 Festmetern

 Die Trennung von Beförsterung und Vermarktung sieht der Geschäftsführer des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Christian Raupach, aus betrieblicher Sicht kritisch: Wenn Hessen Forst das Holz bis zum nächsten Weg bringe und deren Arbeit damit abgeschlossen sei – was passiert, wenn die Kunden das Holz sehen und und umsortiert haben wollen. Hessen Forst dürfe dies nicht. Raupach hält es für sinnvoll, Zweckverbände zu gründen. Eine wirtschaftliche Vermarktung benötige etwa 30 000 Festmeter Holz – zuviel für einzelne Kommunen oder auch Forstbetriebsgemeinschaften im Landkreis. Schwierig sei zudem, dass Forstbetriebsgemeinschaften, in denen auch Kommunen organisiert seien, nicht einfach Verträge abschließen könnten, weil Kommunen dem Vergaberecht unterlägen und Aufträge ausschreiben müssten.

 Der Leiter des Rotenburger Forstamtes, Dr. Hans-Werner Führer, ist sicher, dass die neue Entwicklung für keinen Partner ein Segen ist: Weder für Hessen Forst, das eine wichtige Aufgabe verliert, noch für die Kommunen, die sich komplett neu orientieren müssen, noch für die Kunden, weil das Angebot nun zersplittert werde. Führer hofft, dass die vom Land vorgeschlagenen Holzvermarktungsorganisationen eine Lösung bieten. Der könnten zum Beispiel die Zubra-Kommunen beitreten. Sein Amt will das Dienstleistungsangebot der Beförsterung aufrechterhalten. Im Forstamt Bad Hersfeld hatte man schon zu Beginn der Kartellrechtsdebatte den Holzverkauf zwischen hessischem Staatswald und Kommunal- und Privatwald personell getrennt, berichtete Kersten Eidam, der stellvertretende Leiter. Auch in seinem Amt will man das Angebot der Beförsterung für alle Kommunen und den Privatwald aufrechterhalten.

Hintergrund

Hessen-Forst hatte Beförsterung und Holzvermarktung in den Kommunen sowie für die beiden Forstbetriebsgemeinschaften im Landkreis übernommen. Die Beförsterung kann die Behörde rein rechtlich weiterführen, den Holzverkauf nicht. In den vergangenen fünf Jahren hat sie für die Kommunen jährlich zwischen 3200 und 4900 Festmeter Laubholz sowie zwischen 11 000 und 15 000 Festmeter Nadelholz verkauft. Für die Forstbetriebsgemeinschaften lagen die Verkaufszahlen beim Laubholz zwischen 3000 (2017) und 6000 (2014) Festmetern. Im Nadelholzbereich bewegten sich die Verkäufe zwischen knapp 6000 (2017) und knapp 12 000 Festmetern. Weil ein Arbeitsbereich wegfällt, könnte es auch zu einem „sozialverträglichen“ Personalabbau bei Hessen-Forst kommen, hieß es im Ministerium.

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