Anfangs ein reiner Männerbetrieb

Viele Fälle schlimmer als im Kino: Hersfelder Richter Leimbach geht in den Ruhestand 

So leer war sein Schreibtisch selten: Dieter Leimbach, Richter am Amtsgericht Bad Hersfeld, geht in den Ruhestand. 
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So leer war sein Schreibtisch selten: Dieter Leimbach, Richter am Amtsgericht Bad Hersfeld, geht in den Ruhestand. 

Als Dieter Leimbach im Juli 1985 als junger Richter zum kleinen Amtsgericht nach Bad Hersfeld kam, trafen dort zwei Welten aufeinander.

Er kam gleich nach dem Studium in Marburg und dem Referendariat. Hier der langhaarige Kriegsdienstverweigerer, dort Amtsgerichtsdirektor Rudolf Kian, ein altgedienter Jurist von preußischer Disziplin und Verfechter konservativer Tugenden.

„Er hat uns alle geprägt“, sagt Leimbach heute voller Anerkennung, denn hinter Kians Dienstauffassung stand ein großes Herz, das den Spielraum, den die Buchstaben der Gesetze ließen, immer wieder ausnutzte.

Es ist kein Zufall, dass Dieter Leimbach (64) am Ende seines Berufslebens auf den Anfang zu sprechen kommt. Nicht nur die Fülle der Aufgaben, sondern vor allem die inhaltlichen Herausforderungen waren nur mit der strukturierten, reflektierten Arbeitsauffassung zu bewältigen, die er im Kian’schen Gericht von Beginn an kennenlernte.

Im damals noch reinen Männerbetrieb – auch unter den Hersfelder Anwälten fand sich seinerzeit noch keine Frau – war Leimbach anfangs mit Strafrecht befasst, später kamen Zivilsachen hinzu. Seit 1992 aber ist Leimbach für das Betreuungsrecht zuständig. Anfangs alleine, heute verteilt auf vier Richter, kümmert er sich um die Menschen, die aus verschiedensten Gründen ihre Angelegenheiten nicht mehr ohne Hilfe regeln können.

„Das ist oft viel schlimmer als das, was man im Kino sieht“, beschreibt der gebürtige Witzenhäuser die Zustände, mit denen er immer wieder konfrontiert wurde. Menschen, die auf allen Vieren laufen und dabei bellen, oder zugemüllte Wohnungen, in denen zwischen aufgetürmtem Unrat kaum noch ein Durchkommen ist. Einmal wurde er sogar mit einer Pistole bedroht und vom Grundstück gejagt. „Ich könnte Bücher darüber schreiben“, sagt Leimbach, „aber ich wollte auch nie einen reinen Schreibtischjob haben“. Den Umgang mit der gesamten Bandbreite von Aggressivität bis zur Depression bei den Betreuungsfällen hat der Richter als Regulativ für seine Aufgaben im Zivilrecht gewertschätzt. „Das ist extrem vielschichtig, da geht es queerbeet vom Nachbarschaftsstreit bis zum Bauprozess und oft auch emotional zu.“

Fast alle Betreuten freuen sich über Hilfe

Am Ende des Tages konnte Dieter Leimbach in den allermeisten Fällen Erfolgserlebnisse verzeichnen. „Fast alle sind heilfroh, wenn ihnen ein Betreuer oder eine Betreuerin zur Seite gestellt wird und sie so etwas Stabilität im Leben erhalten.“ Nur in seltenen Fällen würde das gegen den Willen der Betroffenen geschehen, selbst wenn eine Unterbringung in der Psychiatrie erforderlich ist. Dafür spricht auch, dass etwa 80 Prozent der betreuten Personen bei den regelmäßigen Überprüfungen eine Verlängerung anstreben. Wie groß der Bedarf ist, zeigen die nackten Zahlen: 1916 Fälle umfasst im Landkreis Hersfeld-Rotenburg der Bestand, 590 Neuzugänge wurden im vergangenen Jahr registriert.

Interessiert haben Dieter Leimbach jedoch nicht nur die Ergebnisse seiner Arbeit, sondern auch die Biografien der Menschen, mit denen er zu tun hatte. Wer aus geordneten Verhältnissen kommt, könne sich oft nicht vorstellen, welchen Schicksalen die Menschen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ausgesetzt sind. Damit hat sich Leimbach nahezu 30 Jahre lang beschäftigt und schaut nun mit ein wenig Wehmut zurück: „Ich wollte hier nie wieder weg, hier kann man sich wohlfühlen.“

Im Ruhestand soll nun mehr Zeit für Unternehmungen innerhalb Deutschlands sein. Benediktbeuren ist dem Schenklengsfelder und seiner Frau zur zweiten Heimat geworden. Die nächste Reise ist längst geplant. (ks)

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