Die Hinrichtung als Gnade

Der Prozess: Premierenpublikum erlebt intensiven Theaterabend bei den Bad Hersfelder Festspielen

Im Zweifel: Josef K. (Ronny Miersch, links) versucht, den versierten Advokaten Huld (Dieter Laser) wieder loszuwerden – vergeblich.
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Im Zweifel: Josef K. (Ronny Miersch, links) versucht, den versierten Advokaten Huld (Dieter Laser) wieder loszuwerden – vergeblich.

Zum Auftakt der Bad Hersfelder Festspiele feierte das Kafka-Stück "Der Prozess" in der Inszenierung von Intendant Joern Hinkel Premiere - es war ein intensiver Theaterabend.

Bad Hersfeld – Es pfeift ein kalter Wind durch die Mauern der Stiftsruine, es fallen Schneeflocken, und Justitia ist hier nicht blind, sondern gleich ganz verhüllt, so dass die Inschrift „in dubio pro reo“ wie der blanke Hohn erscheint.

Auch wenn die eisige Atmosphäre künstlich erzeugt ist, sie wirkt in Joern Hinkels Inszenierung von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, den der Intendant in seiner Spielfassung auf heutige Zeiten und Verhältnisse zugeschnitten hat.

Eine Verhaftung ohne Angaben von Gründen, der Irrweg durch die Institutionen bis in einen bizarren Gerichtsapparat, dessen undurchsichtige Mechanismen wohl nur dem Selbstzweck dienen, all das steckt in der Leidensgeschichte des Bankangestellten Josef K., der ständig hinterfragt, was ihm da widerfährt, der aber nie eine Antwort bekommt.

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Intendant Joern Hinkel hat Kafkas Sprache entstaubt

Im Fokus: Fräulein Montag (Ingrid Steeger).

Hinkel hat den Stoff in die Gegenwart geholt (Kostüme: Kerstin Micheel), hat beispielsweise den Maler zum Paparazzi-Fotografen gemacht, Kafkas Sprache entstaubt und Figuren weiter entwickelt. Schon angesichts dessen, was aktuell in der Welt passiert, hätte man Hinkels Deutung nicht in Frage gestellt. Im Zusammenspiel mit dem der Premiere vorausgegangenen Festakt, bei dem der in der Türkei zu Unrecht inhaftierte Journalist Deniz Yücel die Festrede hielt, wird daraus aber ein machtvolles Statement der Festspiele gegen Willkür und Gewalt.

Ronny Miersch spielt K. als im Grunde selbstbewussten, aber auch naiven jungen Mann, der sich viel zu lange in einem bösen Traum wähnt und auf ein folgenloses Erwachen zählt. Seine Dialoge mit dem Advokaten Huld, gespielt vom jedes Wort sezierenden Dieter Laser, sind Höhepunkte des Abends, weil hier nicht nur sprachlich zwei Welten aufeinander stoßen. Huld ist Teil des Systems, dem sich K. zu verweigern versucht.

Wenn Joern Hinkel im Vorfeld der Premiere davon sprach, die leichteren Elemente aus Kafkas Text herausarbeiten zu wollen, dann konnte das missverstanden werden: Auch offensichtlich skurril angelegte Figuren wie die beiden Gerichtsbeauftragten Franz und Willem (Thomas Maximilian Held und Markus Majowski) sorgen bestenfalls für Lacher, die im Halse steckenbleiben.

Stück wurde mit viel Liebe und Akribie gestaltet

Kühle Atmosphäre: K.’s frühere Freundin Felice Bürstner (Corinna Pohlmann) singt von Gefühlen, die nicht mehr vorhanden sind.

Überhaupt fällt an diesem Abend auf, mit wieviel Liebe zum Stück und Akribie Joern Hinkel die Charaktere gestaltet hat: So ist Maria Radomski einerseits eine eiskalte Aufseherin, die ihre Untergebenen mit einem Zungenschnalzen dirigiert, und andererseits die in K. verliebte Sekretärin, die ihre Zuneigung nicht verbergen kann. 

Das gilt auch für Günter Alt, der sowohl als K.’s beflissener Onkel Albert wie als Erzähler der Torwächter-Parabel brilliert. Corinna Pohlmann spielt auf der Bühne der Stiftsruine einmal mehr als K.’s Freundin Felice die Femme fatale, die ihren Weg in der ältlichen Freundin Fräulein Montag (ganz bezaubernd: Ingrid Steeger) vorgezeichnet bekommt.

Marianne Sägebrechts ist die warmherzige Zimmerwirtin Frau Grubach und Jürgen Hartmann unter anderem die spitz gezeichnete Karikatur eines Bankdirektors. Lou Zöllkau als Hulds Geliebte Leni und Thorsten Nindel als Maler Titorelli hinterlassen in ihren Rollen ebenfalls bleibenden Eindruck.

Bad Hersfelder Festspiele: Bilder von Kafkas "Der Prozess"

Bühnenbild unterstreicht die erdrückende Atmosphäre

Jens Kilian hat ein Bühnenbild aus überdimensionalen, vielfältig wandelbaren Aktenschränken geschaffen, die auch als Türen und Garderobe dienen. Bis in die Apsis ist der Raum gestaltet und unterstreicht durch schiere Größe die erdrückende Atmosphäre. Dazu tragen auch die mitunter sphärische Musik von Jörg Gollasch und das kühle Lichtdesign von Ulrich Schneider bei.

Am Ende steht ein Todesurteil, das nicht wie im Buch gleich vollstreckt wird, sondern den Weg in die Revision offen lässt. Man fragt sich nach dem Martyrium des Josef K., ob die sofortige Hinrichtung nicht die gnädigere Lösung gewesen wäre.

Dass man jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen kann, das spürt auch das Premierenpublikum: Es spendete lange und reichlich Beifall für einen intensiven Theaterabend. Doch die Anspannung mag sich nicht gleich lösen, die Bedrückung bleibt.

Video von der Eröffnung der 69. Bad Hersfelder Festspiele

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