Der Sommer der Liebe geht weiter

Hersfelder Festspiele: Im Musical "Hair" pulsiert das pralle Hippie-Leben

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Lustig ist das Hippie-Leben: Das Musical „Hair“ ist eine mitreißende Zeitreise durch die USA. Das hochklassige Ensemble ist ständig in Bewegung.

Auch ein halbes Jahrhundert nach dem „Summer of Love“ und dem legendären Woodstock-Festival lebt die Botschaft der Blumenkinder weiter. Eine Kritik von Kai A. Struthoff.

Die Sehnsucht nach Liebe und Friede ist heute womöglich noch brennender als damals, in jenen wilden 1960er-Jahren. Die Faszination des Hippie-Life, wie es Regisseur Gil Mehmert in seiner Inszenierung des Erfolgsmusicals „Hair“ in der Bad Hersfelder Stiftsruine zeigt, wirkt weiter, und die mitreißende Musik zieht die Zuschauer in ihren Bann.

Schon beim ersten Song „Aquarius“ gibt es begeisterten Szenenapplaus und danach geht es atemlos auf eine Zeitreise durch die amerikanische Geschichte und Popkultur. Im zweiten Jahr hat sich am Musical „Hair“ nichts verändert – warum auch? Die Inszenierung ist einfach klasse. Allerdings musste Gil Mehmert einige, auch zentrale Rollen neu besetzen. Mit Erfolg. So erfüllen Merlin Fargel als Hippie-Häuptling Berger und Markus Schneider als ständig bekiffter Woof ihre Rollen mit hoher Präsenz und passen sich nahtlos in das bis in die Chorus-Line hochklassige Ensemble ein.

Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne wirbeln (Choreografie Melissa King) und selbst am Rande des Geschehens mit voller Körperspannung und ausdrucksvoller Mimik agieren. In einem Ensemble-Stück wie „Hair“ gibt es eigentlich keine Hauptrollen. Dennoch sorgt auch in diesem Jahr wieder Bettina Mönch als Sheila mit ihrem Auftritt als Janis Joplin und Joan Baez in „Personal-Fusion“ für Gänsehaut pur. Auch Christoph Messner als zwischen Hippie-Lust und Wehr-Pflicht hin- und hergerissenem „Landei“ Claude, Martina Lechner als sorglos-schwangere Jeanie und Ruth Fuchs als entrückt über die Bühne tanzende Chrissy brillieren in ihren Rollen.

Doch in dieser Inszenierung ist jeder ein Star – zum Beispiel Dance Captain Eva Zamostny, deren expressiver Tanz bezaubert und die gemeinsam mit Kathrin Müller und Tamara Pascual als Electric Blues Trio augenfällig Akzente setzt. So vielfältig wie unsere Welt sind die Hautfarben des Ensembles, das bewusst mit Klischees und Vorurteilen wie der „Angst vorm schwarzen Mann“ spielt. Umso verstörender und leider auch quälend aktuell ist es, wenn auf der Bühne der Ku-Klux-Klan mit Fackeln aufmarschiert und von den „leckeren Black Boys“ singt.

Die politischen Untertöne sind allgegenwärtig, ebenso wie die Bezüge zur amerikanischen Pop-Kultur: Liz Taylor, Andy Warhol, Clint Eastwood, Jackie Kennedy, Jimi Hendrix und Scarlett O’Hara – sie alle treten auf und machen „Hair“ zu einer bunten Unterrichtseinheit in amerikanischer Geschichte.

Gil Mehmert stellt zwar mit der Woodstock nachempfundenen Bühne, die von einer schäbigen US-Flagge verhangen ist, die Kulisse der Stiftsruine zu. Dafür agieren die Darsteller zum Greifen nah am Bühnenrand und tanzen bis hinein in die Zuschauerreihen. Auf der Woodstock-Bühne spielt die Band um Christoph Wohlleben – und jeder Song ist ein Ohrwurm. Authentisch, farbenfroh und mit Liebe zum Detail auch die Kostüme (Dagmar Morell). So tragen die Bühnenhelfer alle Motorrad-Kutten der Hells-Angels, die damals gern als Ordner eingesetzt wurden.

„Hair“ gönnt uns kein Happy End. Vielmehr endet das Stück mit einer Mahnung. In Zeiten des Terrors, neuer Kriege, des Klimawandels, von Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass ist „Hair“ so aktuell wie vor 50 Jahren.

Am Ende tanzen Zuschauer und Hippies gemeinsam zum lang-anhaltenden Applaus auf der Bühne. Die Hoffnung auf Liebe und Frieden lebt weiter.

Hippie-Life beim Musical "Hair"

Von Kai A. Struthoff

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