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Kreishandwerkerschaft Hersfeld-Rotenburg: „Am Ende bleibt meist Optimismus“

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Schraubenschlüssel-Übergabe bei der Kreishandwerkerschaft: Hans-Wilhelm Saal (links) geht in den Ruhestand, Eugen Reinhardt und Hubert Lorenz übernehmen künftig gemeinsam die Geschäftsführung.
Schraubenschlüssel-Übergabe bei der Kreishandwerkerschaft: Hans-Wilhelm Saal (links) geht in den Ruhestand, Eugen Reinhardt und Hubert Lorenz übernehmen künftig gemeinsam die Geschäftsführung. © Kai A. Struthoff

Wir haben mit der Führung der Kreishandwerkerschaft über den Wachwechsel, stürmische Zeiten und einen tropfenden Wasserhahn gesprochen.

Bad Hersfeld – Wachwechsel bei der Kreishandwerkerschaft: Hauptgeschäftsführer Hans-Wilhelm Saal geht in den Ruhestand, als gleichberechtigte Geschäftsführer fungieren künftig Hubert Lorenz und Eugen Reinhardt. Mit den drei „Kreishandwerkern“ sprach Kai A. Struthoff.

Herr Saal, Sie verlassen die Brücke in stürmischen Zeiten. Wie ist die Stimmung in den Handwerksbetrieben des Kreises?

Saal: Die Stimmung ist gemischt. Gerade im Baubereich sind die Auftragsbücher immer noch voll. Bei den Bäckern und Metzgern zum Beispiel fehlen aber Fachkräfte, deshalb ist es schwierig, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Es wurden bereits einige Filialen geschlossen oder deren Betrieb zeitlich eingeschränkt, weil kein Personal da ist. Das treibt uns um. Aber das Handwerk ist anfangs meist etwas pessimistisch und doch ist am Ende meist Grund für Optimismus vorhanden.

Herr Lorenz, nach dem Ausscheiden von Herrn Saal gibt es keinen Hauptgeschäftsführer mehr, sondern zwei gleichberechtigte Geschäftsführer. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Lorenz: Wir haben uns schon seit einiger Zeit auf diesen Wechsel vorbereitet. Es war der Wunsch unserer Obermeister, die Strukturen etwas zu verändern. Eugen Reinhardt und ich haben uns gut aneinander gewöhnt, und wir haben bereits jetzt viel gleichberechtigt zusammengearbeitet. Durch die Aufteilung der Fachgebiete gibt es jetzt zwar unterschiedliche Zuständigkeiten, aber wir beide haben beschlossen, alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Hohe Energiepreise, Rohstoff- und Fachkräftemangel, Inflation – was kann die Kreishandwerkerschaft eigentlich konkret tun, um den Betrieben im Kreis zu helfen?

Lorenz: Monetär können wir nicht helfen, aber wir können den Betrieben beratend zu Seite stehen. Das hat sich ganz deutlich in der Corona-Zeit gezeigt. In dieser Zeit haben wir viele Fragen erhalten und durch Beratung auch sehr viel helfen können, wofür die Betriebe uns dankbar waren. Genauso war es jetzt mit der Abrechnung der neuen Energiepreispauschale. Auch da gab es einige Unklarheiten, bei denen wir helfen konnten. Auch mit unserem Mitgliederrundschreiben informieren wir regelmäßig über aktuelle Entwicklungen. Und wenn es künftig juristische, zum Beispiel arbeitsrechtliche Probleme gibt, kann Eugen Reinhardt fachkompetent helfen ...

Reinhardt: Genauso ist es: Als Jurist begegne ich solchen Herausforderungen regelmäßig. Zuvor war ich als Rechtsreferendar am Landgericht Frankfurt tätig. Ich habe Jura mit Schwerpunkt Völker- und Europarecht studiert und mich in Amsterdam mit einem Master-Abschluss im Bereich Public International Law weiterqualifiziert und habe auch bei einer deutschen Auslandsvertretung in Zentralasien gearbeitet..

Warum haben Sie sich mit diesem internationalen Hintergrund ausgerechnet für Hersfeld-Rotenburg entschieden?

Reinhardt: Ich habe mir immer alle Türen offengehalten. Deshalb hat mich auch die Stellenausschreibung der Kreishandwerkerschaft mit der Perspektive auf eine Führungsposition angesprochen. Ich war ja hier zunächst Bildungscoach, wobei mir mein eigener Bildungsweg dienlich war, und auch meine juristischen Kenntnisse sind hier gefragt. Und auch das Internationale kommt hier gar nicht so kurz: Wir haben hier ja mehrere Auslandsprojekte, und bei deren Betreuung haben mir sowohl meine völkerrechtlichen Kenntnisse, aber auch meine eigene Auslandserfahrung geholfen zu verstehen, wie in anderen Ländern Entscheidungsprozesse ablaufen.

Können Sie auch einen Nagel in die Wand schlagen oder einen tropfenden Wasserhahn reparieren?

Reinhardt (lacht): Ich kann schon eine Wasserwaage von einem Akkuschrauber unterscheiden. Ich habe in meiner Freizeit ein Wohnmobil ausgebaut und bin auch sonst leidenschaftlicher Heimwerker. Mit meinem privaten Maschinenpark könnte ich einen Ein-Mann-Betrieb aufziehen.

Zu Ihren wichtigsten Aufgaben als neue Geschäftsführer dürfte die Gewinnung von Auszubildenden und Fachkräften, die Integration von Flüchtlingen, aber auch die Suche nach Firmennachfolgern gehören. Das erscheint wie die Quadratur des Kreises?

Lorenz: Wir gehen mit viel Optimismus an diese Aufgaben. Gerade bei der Integration von Geflüchteten sind wir seit 2013 sehr gut unterwegs und haben 2015 in Bebra auf der Lehrbaustelle die ersten Geflüchteten freisprechen können. Damit waren wir hessenweit ganz vorn mit dabei. Wir haben sogar im Wirtschaftsministerium in Berlin über unsere Konzepte referieren können.

Reinhardt: Die Gewinnung von Azubis und Fachkräften wird natürlich sehr schwierig werden, allein schon wegen des demografischen Wandels. Wir haben einfach nicht mehr so viele junge Leute, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Die Konkurrenz ist groß, deshalb müssen wir künftig die Stärken des Handwerks noch viel mehr herausstellen.

Lorenz: Dazu nutzen wir intensiv die Berufsorientierung. Jedes Jahr kommen 300 bis 500 Schülerinnen und Schüler zu uns, um sich zu informieren. Dabei bieten wir 15 Berufsfelder an, wobei nur die Hälfte auf den klassischen Handwerksbereich entfällt und die andere Hälfte auf kaufmännische oder auch Pflegeberufe.

Herr Saal, Sie standen der Kreishandwerkerschaft sieben Jahre vor. Wie ist Ihre persönliche Bilanz?

Saal: Eigentlich bin ich schon viel länger dabei. Bereits als Schüler habe ich hier ein Praktikum im Bereich Elektrotechnik und Metallbau gemacht und kenne noch die alten Werkstätten. Ich habe nicht nur ein Studium, sondern auch einen Gesellenbrief aus dem elterlichen Betrieb. Ich habe in vielen Bereichen gearbeitet, und deshalb wollte ich zum Ende meines Berufslebens den Kreis schließen. Wir haben in den vergangenen Jahren vieles modernisiert, die Außendarstellung verbessert, den persönlichen Kontakt zu den Unternehmen intensiviert und auch die Digitalisierung vorangetrieben. Natürlich hat uns in den vergangenen zwei Jahren Corona in allen Bereichen ausgebremst. Diese Zeit war aber nicht ganz verloren, denn wir haben damit die Resilienz, die Widerstandsfähigkeit des Handwerks gerade auch in Krisen unter Beweis gestellt.

Die Bildungspartnerschaft mit Moldawien lag Ihnen immer sehr am Herzen. Wie geht es dort weiter, wo doch im Nachbarland Krieg herrscht?

Saal: Eugen Reinhardt mit seinem internationalen Hintergrund wird dieses Projekt weiterführen. Wir waren schon gemeinsam in Kischinau bei allen wichtigen Stellen. Von Vorteil ist, dass Herrn Reinhardt fließend russisch spricht. Ich musste ihn deshalb nicht lange überreden, die Projekte weiterzuführen. Durch den Ukraine-Krieg liegen zwar dunkle Wolken über der Region, und der Kanonendonner ist dort deutlich zu hören. Aber die Republik Moldau hat eine starke Anbindung an West-Europa, sodass wir diese Projekte unbedingt fortführen müssen.

Sie sind jetzt 65 – im besten Mannesalter. Was werden Sie mit der vielen freien Zeit tun? Gehen Sie zurück in die Stadtpolitik?

Saal: Die Stadtpolitik ist für mich ausgeschlossen. Langeweile werde ich trotzdem nicht haben. Ich will mich um meine Familie, meine Partnerin und meine Jungs kümmern, wir haben eine Husky-Hündin, ein Haus mit Gasheizung, da gibt es einiges zu tun. Außerdem ist unser Familienbetrieb ja Anrainer des geplanten neuen Stadtarchivs, auch dort muss einiges geklärt werden. Einen Wunsch möchte ich mir erfüllen und den Motorradführerschein machen und etwas mehr reisen. Vielleicht liegt dann ja auch Kischinau an meiner Wegstrecke.

Die Handwerker werden nicht müde, für ihre Profession zu werben. Trotzdem wollen immer mehr junge Leute lieber studieren. Hat das Handwerk immer noch goldenen Boden?

Lorenz: Gerade in den vergangenen beiden Jahren haben wir, vielleicht auch bedingt durch Corona, eine positive Entwicklung bei der Ausbildungsstatistik erleben dürfen. Nach Jahren des Homeschoolings ist für viele junge Leute eine Ausbildung im Handwerk statt eines weiteren Fernstudiums interessanter geworden.

Reinhardt: Obwohl ich selber studiert habe, rate ich unbedingt zu einer Ausbildung im Handwerk. Wir haben viel zu lange eine verfehlte Bildungspolitik gehabt, in der das Studium als einziger Weg zur Karriere gepredigt wurde. Aber das ist nicht so. Auch im Handwerk kann man sehr gut Karriere machen. Die Chancen sind sehr gut, und wer dann unbedingt will, kann auch nach einer Handwerksausbildung noch studieren gehen.

Saal: Ich bedauere, dass die Wehrpflicht oder der Zivildienst als Pflichtzeit entfallen sind. Ich finde es, wichtig zu lernen, eine gewisse Struktur einhalten zu müssen. Natürlich ist ein handwerklicher Beruf immer auch eine Frage der Begabung. Aber ich kann jungen Leuten nur sagen, dass man auch über eine handwerkliche Ausbildung eine interessante und abwechslungsreiche Karriere macht. Immer ein Schritt nach dem anderen, auch wenn mal ein Schritt daneben liegt. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und dabei nicht nur nach dem Geld schauen.

Zur Person

Hans-Wilhelm Saal (65) wurde in Bad Hersfeld geboren. Er hat im Betrieb der Familie eine Ausbildung zum Raumausstatter absolviert und ist Diplom-Betriebswirt. Saal hatte bereits viele leitende Positionen inne. Er war Geschäftsführer der Vitalisklinik und Wirtschaftsförderer im Wartburgkreis. Zweimal kandidierte Saal für das Amt des Bürgermeisters in Bad Hersfeld. Saal hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit seiner Partnerin in Kohlhausen.

Hubert Lorenz wurde 1969 in Bad Hersfeld geboren. Seine Familie hat in 5. Generation eine Schreinerei. Lorenz hat in Korbach eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten absolviert und eine Weiterbildung zum Steuerfachwirt gemacht. Er hat 13 Jahre in diesem Beruf gearbeitet und ist seit 1999 bei der Kreishandwerkerschaft. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Ersrode.

Eugen Reinhardt (37) wurde in Kasachstan geboren und ist in Neustadt/Hessen aufgewachsen. Er hat in Marburg und Amsterdam Rechtswissenschaften studiert. Er lebt mit seiner Ehefrau und der 7 Monate alten Tochter noch in Baunatal und wird nach Bad Hersfeld ziehen. (kai)

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