Coronavirus im Landkreis Hersfeld-Rotenburg

Corona verdammt Schauspieler zum Nichtstun: So gehen ehemalige Festspieler damit um

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Anouschka Renzi war 2018 in „Peer Gynt“ zu sehen.

Auch viele Schauspieler trifft die Coronakrise hart. Wir haben mit ehemaligen Bad Hersfelder Festspielern (Hersfeld-Rotenburg) gesprochen.

Bad Hersfeld - Geschlossene Theater, abgesagte Produktionen und hinter den Bad Hersfelder Festspielen ein dickes Fragezeichen: Wie geht es Künstlern, die wegen Corona zum Nichtstun verdammt sind? Wir haben ehemalige Festspieler und Festspielerinnen, um kurze Situationsberichte gebeten.

Corona in Hersfeld-Rotenburg:

Sich nicht mit Freunden treffen, nicht beim Asiaten um die Ecke essen zu können, auf Yoga-Kurs und Sauna verzichten zu müssen, das empfindet Anouschka Renzischon als „sehr belastend“, weiß aber, dass sie hier „auf hohem Niveau jammert“. Allerdings: Die Schauspielerin, die in der Spielzeit 2018 in „Peer Gynt“ auf der Bühne der Stiftsruine stand, hat sich vor ein paar Tagen den kleinen Zeh dermaßen lädiert, dass selbst Spaziergänge entfallen: „Ich kann nur noch humpeln.“

Die Corona-Zwangspause hat Renzi schon drei gut bezahlte Event-Auftritte gekostet. Ab Mai soll sie eigentlich an der Ostsee für das Open-Air eines Piraten-Spektakels mit 70 Vorstellungen im Sommer proben. Wenn das nichts wird, gerät auch sie in Schwierigkeiten: „Mit der Grundsicherung kann ich mein Leben nicht finanzieren“, sagt sie.

Corona in Hersfeld-Rotenburg:

„Für mich ist Corona neben all seiner Grausamkeit und Unberechenbarkeit auch ein Geschenk“, sagt Corinna Pohlmann, die in den vergangenen Jahren zur Stammbesetzung in der Stiftsruine gehörte, zuletzt in Kafkas „Der Prozess“. Aktuell würde sie im Berliner Renaissance-Theater in dem Stück „Der Sohn“ spielen.

Corinna Pohlmann stand in Kafkas „Der Prozess“ auf der Bühne.

„Ich mag das, ganz in Ruhe daheim bleiben zu dürfen und Zeit für Dinge zu haben, die man sich vielleicht sonst nicht gönnt. Malen, basteln, musizieren zum Beispiel. Ich hoffe, dass noch mehr Balkonier auch hier in Deutschland mitmachen und singen und ihre Instrumente auspacken. Das hilft gegen die Angst. Wenn wir alle zusammenhalten – und ich glaube daran – brauchen wir auch nicht so viel Angst zu haben.“

Corona in Hersfeld-Rotenburg:

André Eisermann, der in der „Hexenjagd“ und den „Sommernachtsträumereien“ zu sehen war, denkt in diesen Tagen nicht an sich selbst, sondern an andere. „Ich bin zur Zeit in Gedanken ganz bei meinen Freunden und Familienmitgliedern aus dem Schaustellergewerbe. Allerorts werden die Volksfeste abgesagt. Viele von ihnen befinden sich in einer prekären Lage und ich mache mir wirklich große Sorgen um sehr viele von ihnen. Schausteller werden – wie übrigens andere Kulturschaffende auch – durch diese Coronakrise, eine schwere Zeit durchleben müssen.“

André Eisermann trat in „Hexenjagd“ und den „Sommernachtsträumereien“ auf.

Corona in Hersfeld-Rotenburg:

„Corona hat mein Leben insofern verändert, dass unter anderem zur Zeit leider sämtliche Vorstellungen von Miss Daisy und ihr Chauffeur am Kleinen Theater Berlin ausfallen“, sagtPierre Sanoussi-Bliss, der vor zwei Jahren in „Peer Gynt“ mitwirkte. „Für uns freischaffende Schauspieler ist das alles mit ziemlichen Umsatzeinbußen verbunden. Und es wackeln jetzt auch schon Verträge, die ich für den kommenden Sommer in Hamburg geschlossen habe. Ich hoffe das Beste für alle meine Kollegen, dass der Staat auch auf diese Situation einen Blick hat. Dem lieben Joern, den Gewerken und allen Schauspielern drücke ich natürlich für die Bad Hersfelder Festspiele die Daumen ...“

Pierre Sanoussi-Bliss wirkte in „Peer Gynt“ mit.

Für Bliss hat das Ganze auch eine sehr persönliche Note: „Schwierig ist es auch damit klarzukommen, dass meine 80-jährige Mutter schon seit drei Wochen im Krankenhaus liegt, ich sie aber nicht besuchen darf. Kein schöner Zustand für die ganze Familie.“

Und schließlich hat Pierre Sanoussi-Bliss noch einen Appell auf Lager: „Da sich der menschliche Umgang miteinander momentan hauptsächlich auf das Internet beschränken muss, würde ich mir wünschen, dass die Menschen auch dort Respekt und Anstand wahren würden, selbst wenn sie nur anonym unterwegs sind. Es scheint gerade viel Spaß zu machen, andere zu beschimpfen oder Fake News zu verbreiten. Denkt an eure gute Kinderstube Leute! Oder, wenn ihr die nicht hattet, googelt einfach mal Worte wie Respekt und Anstand. Muss ja nicht sein, dass unser IQ auf den dieses blöden Virus sinkt. Danke.“

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Hersfeld-Rotenburg gibt es im News-Ticker.*

Von Karl Schönholtz

*hersfelder-zeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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