Karibikstaat kämpft weiter ums Überleben

Haiti zehn Jahre nach dem Erdbeben: Besuch in einem vergessenen Land

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Haiti – ein Land in Aufruhr: Das Foto entstand im Februar in Port-Au-Prince. Ein Demonstrant kniet während eines Protests gegen die Regierung vor einem Feuer auf einer Straße. Schüssel und Löffel sind ein Symbol für die schlechte Versorgungslage.

Der Karibikstaat Haiti ist kein Palmenparadies, sondern das Armenhaus der westlichen Welt. HZ-Redaktionsleiter Kai A. Struthoff war zehn Jahre nach dem Erdbeben vor Ort.

Zehn Jahre nach dem verheerenden Erdbeben blicken die Menschen in Haiti in eine ungewisse Zukunft. Politische Unruhen und immer neue Katastrophen erschüttern das Land. HZ-Redaktionsleiter Kai A. Struthoff war jetzt mit der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Es war eine Reise durch ein weithin vergessenes Land. Doch dank der Hilfe aus Deutschland, gibt es auch dort ein wenig Hoffnung. 

Man muss Haiti lieben, um es nicht zu hassen. Und man muss sehr viel Gottvertrauen haben, um hier nicht zu verzweifeln. Die Haitianer sind fromme Menschen. Überall gibt es Gotteshäuser, oft nur einfache Baracken mit Wellblechdach, dafür mit klangvollen, biblischen Namen. Bis spät in die Nacht hinein wird dort inbrünstig gesungen und gebetet – gegen Hunger, Armut, Gewalt. Nur 25 Flugminuten trennen auf der Insel Hispaniola die Hauptstädte Santo Domingo im karibischen Urlaubsparadies in der Dominikanischen Republik, und Port au Prince in Haiti. Eine Insel, zwei Welten.

Erdbeben im Januar 2010 forderte Hunderttausende Menschenleben

Am 12. Januar 2010 erschütterte ein schweres Erdbeben der Stärke 7 den ohnehin schon bitterarmen Inselstaat. Über 300.000 Menschen starben, ebensoviele wurden verletzt, fast zwei Millionen Menschen waren danach obdachlos. Fast zehn Jahre später sind die Schäden des Erdbebens notdürftig beseitigt. 

Nur der ebenfalls zerstörte, einst schneeweiße Präsidentenpalast wurde noch nicht wieder aufgebaut. Das passt irgendwie, denn auch politisch steht Haiti vor den Trümmern seiner stolzen Vergangenheit als einst reichster Kolonie Frankreichs und erster unabhängiger Republik von ehemaligen Sklaven und Mulatten.

Port au Prince - Slums bis in das Zentrum der Millionenstadt

In Port au Prince sucht man vergeblich nach repräsentativen Spuren der Vergangenheit. Kaum historische Gebäude, stattdessen verkrautete Parks, bröckelnde Monumente. Die Slums sind längst bis ins Zentrum der Millionenstadt gewachsen. In der Kathedrale von Port au Prince hausen Obdachlose. 

Ohnehin wagt sich kaum einer in die Elendsviertel der Innenstadt. Dort regiert die Gewalt. Dafür wachsen an den steilen Hängen oberhalb Hauptstadt die Armutsquartiere den Berg hinauf. Die Stadt riecht nach Feuerbrand, nach Müll und Kloake. Die löchrigen Straßen sind gesäumt von Händlern, die oft auf nackter Erde ihre wenigen Waren feilbieten – ein paar Früchte, etwas Getreide, ein paar Textilien.

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Haitianer fühlen sich vergessen von der Welt

„Die Welt hat Haiti vergessen“, klagen jene Idealisten, die sich unverdrossen für die Menschen in dem Inselstaat einsetzen. Es gibt kaum Erfolgsgeschichten. Selbst viele Diplomaten haben resigniert, hört man hinter vorgehaltener Hand. Nur wenn in Port au Prince, so wie im Februar, mal wieder die Autoreifen brennen, dann taucht Haiti in den Nachrichten auf. 

Elendsquartiere: Haitis Hauptstadt Port-Au-Prince wächst unkontrolliert den Berg hinauf.

Die aktuellen Krawalle sind entbrannt, weil angeblich Geld aus dem „Petrocaribe“-Programm, das für subventionierte Energie sorgen soll, verschwunden sind. Aber auch die Opposition kocht in der aufgeheizten Stimmung ihr politisches Süppchen. Angeblich werden die Demonstranten bezahlt, um Unruhe zu stiften, heißt es aus Insiderkreisen. Wofür oder wogegen demonstriert wird, weiß keiner so recht, denn es gibt keine widerstreitenden politischen Programme, Ideale, Visionen.

Der amtierende Präsident Jovenel Moïse, ein Bananenplantagen-Besitzer aus dem Norden, gilt als schwach. Er kann sich nicht gegen sein Parlament durchsetzen, das mit korrupten Politikern durchsetzt ist. Vielleicht gibt es im Oktober Neuwahlen, vielleicht hält Moïse nicht mal solange durch. Doch egal, wer ihm folgt in der langen Reihe der Präsidenten – bislang haben alle Hoffnungsträger Haiti enttäuscht.

Wohlhabende Oberschicht lebt im Ausland oder in bewachten Wohnanlagen

Die kleine, gebildete und oft wohlhabende Oberschicht lebt in Miami, New York und Paris oder hinter hohen Mauern in bewachten Wohnanlagen in Petionville, einem Vorort oberhalb der sumpfigen Slumgebiete von Port au Prince. Dort gibt es einige Restaurants, Boutiquen und Supermärkte, die von bewaffneten Paramilitärs mit Pumpguns bewacht werden. Dort gibt es fast alles, aber zu horrenden Preisen – teuer auch für die „Expats“, die wenigen Ausländer, die in Haiti leben – darunter etwa 200 Deutsche. Auch deutsche Unternehmen engagieren sich nicht in Haiti. Das Auswärtige Amt rät ohnehin ab von Reisen nach Haiti – zu gefährlich, zu unkalkulierbar.

So sind es vor allem die internationalen Hilfsorganisationen – wie etwa die Deutsche Welthungerhilfe – die versuchen zu retten, was schon fast verloren ist. „Die NGOs sind die treibende Kraft der Entwicklung vor allem im ländlichen Raum“, sagt Rémy Julmiste, der in Jean Rabel im Norden Haitis einen Radiosender leitet – eine der wichtigen Informationsquellen in einem Land, in dem viele nicht lesen können. 

Markttag in Port-Au-Prince: In Haiti tragen viele Händler die Waren auf dem Kopf – oft kilometerweit. 

Das größte Problem Haitis sei, dass der Staat nach außen als schlechter Schüler dargestellt werde, meint der Journalist und beklagt die politische Einflussnahme speziell der USA auf die Politik in Haiti. „Ihr sagt uns immer, was wir tun sollen, aber ihr hört nicht zu.“

Die Welthungerhilfe hingegen hört genau zu bei ihrer Arbeit mit Bürgerkomitees und örtlichen Initiativen im ländlichen Raum. „Man kann eine Gesellschaft nicht von außen entwickeln, sie muss sich von innen entwickeln“, sagt Dr. Dirk Günter, der lange die Arbeit der Hilfsorganisation in Haiti geleitet hat. Seit 30 Jahren ist die Welthungerhilfe in Haiti aktiv. Mit Erfolg. Aber es ist ein mühsamer Weg in einem Land fast ohne staatliche Strukturen. Doch es ist der einzige, um den Menschen zu helfen.

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Haiti – das „bergige Land“ in der Karibik

Hispaniola mit der Dominikanischen Republik. Der Name stammt aus der Sprache der Taino-Ureinwohner und bedeutet „bergiges Land.“ Haiti ist etwa so groß wie Belgien und hat elf Millionen Einwohner, die meisten stammen von afrikanischen Sklaven ab. Haiti war einst die reichste Kolonie Frankreichs und ab 1804 das erste unabhängige Land der Karibik. Landessprachen sind Kreolisch und Französisch. Die Hälfte der Einwohner sind Analphabeten. 

Die Mehrheit der Haitianer ist katholisch, viele gehören aber auch protestantischen und Freikirchen an. Auch Voodoo wird in Haiti praktiziert. Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre und liegt auf Platz 168 von 189 auf dem Human Development Index. Die Säuglingssterblichkeit ist hoch, die medizinische Versorgung desolat. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Latrinen ist begrenzt. Die fortschreitende Abholzung und Bodenerosion belasten das Land. Hinzu kommen Naturkatastrophen wie das Erdbeben von 2010 oder Hurrikans wie „Matthew“ im Jahr 2016, die das Land immer wieder zurückwerfen.

Folgen des Klimawandels sind spürbar

Petit Lexi, im Hintergrund, und ihre Tochter. (Um das ganze Bild zu betrachten oben rechts klicken.)

Petit Lexi Franette wohnt mit ihrem Mann Charles in einem kleinen Haus mit Wellblechdach auf einem Hügel im Dorf La Valiere in der Gemeinde Jean Rabel im Norden von Haiti. Die 52-Jährige hat vier Töchter, eine davon, die 18-jährige Marie-Mikibelle, ist spastisch gelähmt. Das Mädchen mit den kleinen Zöpfen kauert in einem Kinderrollstuhl. 

Neugierig mustert sie die seltenen Gäste und streicht mit ihrer verkrüppelten Hand über die weiße Haut des Besuchers. Petit Lexi nimmt ihre Tochter in den Arm. Doch mehr als Liebe kann sie ihr nicht geben. Für Medikamente gegen die Krampfanfälle fehlt ihr das Geld. Das überfüllte und schlecht ausgestattete Krankenhaus in Jean Rabel ist Stunden entfernt. 

Feldarbeit in Haiti: Die Karotten liefern nicht nur Vitamine für den eigenen Speiseplan, sondern sie können auf dem Markt weiterverkauft werden. Wegen der anhaltenden Dürre sind die Karotten aber nur klein.

Doch Petit Lexi gibt nicht auf. „Früher war die Landwirtschaft noch leichter, es gab mehr Bäume“, erzählt Lexi. Sie spüre die Folgen des Klimawandels: Dürren, Extremwetterlagen, das Vieh verendet. Seit Lexi für die Welthungerhilfe arbeitet und dort auch an Schulungen teilnimmt, habe sich ihr Leben verbessert. Jetzt gibt es meist zwei Mahlzeiten am Tag, die Familie hat eine Ziege, Hühner scharren im Sand. „Es ist, als wäre Gott zu uns herabgestiegen“, sagt Ehemann Charles.

Welthungerhilfe bietet den Bauern eine Perspektive

Das klingt pathetisch, aber so äußern sich viele der Bauern, die durch die Unterstützung der Welthungerhilfe zumindest eine Perspektive haben. Es sind vor allem Bewässerungskanäle und Rückhaltebecken, die mit den Hilfsgeldern aus Deutschland gebaut werden. Die Agrarexperten der Welthungerhilfe unterstützen die Bauern mit Rat und Tat. Dank des Wassers gelingt es den Menschen, ein wenig Obst und Gemüse auf den ausgelaugten Böden anzubauen. 

Überall qualmen die Meiler: Mit bloßen Händen klauben die Frauen die Holzkohle hervor.

Die Bauern sind dazu in Komitees organisiert und entscheiden gemeinsam über ihr Vorgehen. „Wir versuchen, Denkweisen, Gewohnheiten und die lokalen Strukturen behutsam zu verändern“, erklärt Joseph Edner, Projektleiter der Welthungerhilfe in Jean Rabel. Ein mühsames Unterfangen. Jahrzehntelanger Raubbau an der Natur und das Abholzen der Wälder haben die Erosion vorangetrieben. 

Überall am Wegesrand rauchen die Holzkohlemeiler. Mit bloßen Händen klauben Frauen die Kohle hervor, die dann als Brennstoff auf den Märkten verkauft wird. Fast jeder kocht in Haiti auf Holzkohleherden. Der Einsatz von Gas scheitert oft daran, dass Herde und Gasflaschen viel zu teuer sind. 

Wie die Deutsche Welthungerhilfe gegen Dürreschäden und Erosion kämpft

Inzwischen sind die einst dicht bewaldeten Berge Haitis meist kahl. Jeder Regen spült die Ackerkrume hinweg. In Valliere pflanzt die Welthungerhilfe deshalb Bäume. Das Dorf liegt im haitianischen Hochland nahe der betriebsamen Kleinstadt Ouanaminthe an der streng bewachten Grenze zur Dominikanischen Republik. In einer ordentlichen Schlange stehen die Bauern in der sengenden Hitze. Oft waren sie stundenlang zu Fuß oder zu dritt auf dem Mofa unterwegs, um von der Welthungerhilfe Saatgut für Bäume und Gießkannen zu erhalten. 

Neues grün, wo Bäume gepflanzt wurden.

Einige setzen ihren Fingerabdruck unter die Liste, auf der der Empfang quittiert wird. Es sind kleine Schritte, aber sie führen zum Erfolg. Wenn Saint Louis Theomac von seiner Veranda blickt, dann sieht er zartes Grün – Haitis Farbe der Hoffnung. Der 62-jährige hat seine Parzelle ganz weit oben am Berg. Jeden Tag steigt er zu Fuß hinauf und kontrolliert seine Felder. „Durch die Aufforstung haben wir wieder landwirtschaftliche Erträge: Holz, Obstbäume und zugleich Erosionsschutz“, erklärt er. Von staatlicher Seite gebe es keine vergleichbaren Programme. Mit den Erträgen kann er seine sieben Kinder zur Schule schicken. „Sie sollen einmal besser leben können“, sagt er. 

Mit Sorge denkt Saint Louis an die Zeit, wenn die Welthungerhilfe nicht mehr im Dorf sein wird. Natürlich wolle man die Arbeit fortsetzen, „deshalb bin ich auch in dem Komitee aktiv“, erzählt er. Trotzdem hofft er, dass die Welthungerhilfe noch lange bleibt. „Wenn die Henne zu früh geht, dann leiden die Küken“, sagt er alte Bauer. 

Doch für immer will die Welthungerhilfe nicht in Haiti aktiv bleiben, darüber sprachen wir mit Dr. Dirk Guenther, Landesdirektor der Welthungerhilfe: „Man kann ein Land nicht von außen entwickeln

Welthungerhilfe seit über 30 Jahren in Haiti aktiv

Die Deutsche Welthungerhilfe e.V. ist eine nicht staatliche Hilfsorganisation mit Sitz in Bonn. Seit ihrer Gründung 1962 hat sie mit rund 3,3 Milliarden Euro über 8500 Hilfsprojekte in 70 Ländern unterstützt. In Haiti ist die Welthungerhilfe seit über 30 Jahren aktiv. Sie arbeitet dort inzwischen fast ausschließlich mit einheimischen Mitarbeitern, die dafür qualifirziert wurden. 

Derzeit werden 17 Projekte unterstützt. Dafür wurden 2017 rund 9,6 Millionen Euro eingesetzt. Davon profitierten fast 390.000 Menschen. Bei ihrer Arbeit ist die Welthungerhilfe auf Spenden angewiesen. Schon mit kleinen Summen kann eine große Wirkung erzielt werden. So kosten 20 Baumsetzlinge, etwa Mangos oder Akazien, 15 Euro. Für 56 Euro erhält eine Familie Saatgut für sieben verschiedene Gemüsesorten.

Spenden bitte an: Deutsche Welthungerhilfe Sparkasse Köln Bonn, Spendenkonto: 1115, Bankleitzahl: 370 501 98, IBAN: DE15370501980000001115, BIC: COLSDE33

www.welthungerhilfe.de

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