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Haager Konvention: Kaum Schutz für Kulturgüter im Kreis Hersfeld-Rotenburg

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Von: Laura Hellwig

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Das Eingangstor zur Burg Herzberg
Am Tor zur Burg Herzberg ist das blau-weiße Schild angebracht, das die Burg als Kulturdenkmal nach der Haager Konvention ausweist. © Hellwig, Laura

Gerade einmal zwei Kulturstätten im Kreis Hersfeld-Rotenburg sind in der offiziellen Liste schützenswerter Kulturgüter beim Landesamt für Denkmalpflege erfasst.

Hersfeld-Rotenburg – Verwüstete Städte, zerbombte Häuser – Szenen aus der Ukraine zeigen die zerstörerische Kraft des Krieges, der auch nicht vor bedeutenden Kulturgütern Halt macht. Als Reaktion auf die verheerenden Folgen des Zweiten Weltkrieges wurde die Haager Konvention ins Leben gerufen, um Kulturgut vor Zerstörung zu schützen. Diese Konvention gewinnt heute erneut an trauriger Aktualität.

Auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gibt es Orte und Bauwerke, die den Schutz dieses völkerrechtlichen Vertrages genießen und mit dem Schutzzeichen der Haager Konvention markiert sind. Auf Anfrage beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst listet das Landesamt für Denkmalpflege Hessen allerdings nur zwei Bauwerke im Kreis auf: Die Burg Herzberg in Breitenbach/H. und die ehemalige Mikwe in Rotenburg.

Das Füllen von Listen, welche Bauwerke in Deutschland von der Haager Konvention ausgezeichnet werden sollen, könne wegen der Kulturhoheit der Länder auch nur von diesen vorgenommen werden, heißt es vonseiten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). „Die Haager Konvention ist jahrelang nicht ernstgenommen worden“, bedauert Bernhard Preuss vom BBK. Die Listen der zu kennzeichnenden Bauwerke in Deutschland stamme aus den 1980er-Jahren und wurden weder aktualisiert, noch die erforderlichen Kennzeichnungen der Gebäude überall vorgenommen, so Preuss. Für das BBK sei es aus diesen Gründen nicht möglich aufzulösen, welche Bauwerke in die Listen aufgenommen und bereits im Sinne der Haager Konvention ausgezeichnet wurden und welche nicht.

Die Stiftsruine in Bad Hersfeld etwa trägt ebenfalls das blau-weiße Schutzschild, taucht in der Aufzählung des Landesamtes für Denkmalpflege aber nicht auf. Zum Vergleich: Der Schwalm-Eder-Kreis listet 42 Objekte.

Dass die Haager Konvention auch auf Landesebene in den Hintergrund gerückt ist, teilt Dr. Katrin Bek vom Landesamt für Denkmalpflege auf Anfrage mit: „Die Liste der Kulturdenkmäler war seit vielen Jahren nicht mehr Gegenstand des öffentlichen Interesses. Sollten sich die Nachfragen mehren, so müsste die Relevanz und Bedeutung einer derartigen Liste sicher erneut diskutiert, hinsichtlich ihrer Wirksamkeit kritisch hinterfragt und notfalls um Kulturdenkmäler jüngerer Zeitschichten ergänzt werden.“

Schutz ist überwiegend symbolisch

Zwei Bauwerke im Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind nach Auskunft des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen offiziell von der Haager Konvention als besonders schützenswerte Kulturgüter gekennzeichnet: Die Mikwe in Rotenburg und die Burg Herzberg nahe Breitenbach/H.. Doch schützt dieser völkerrechtliche Vertrag und die Kennzeichnung der entsprechenden Kulturgüter mit dem blau-weiß rautierten Zeichen tatsächlich vor einem bewaffneten Angriff?

Bernhard Preuss vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zeigt einen Zwiespalt auf: Auf der einen Seite kann das blau-weiß rautierte Schild an den betreffenden Gebäuden als Zielscheibe interpretiert werden, die es Kriegstreibern besondern einfach macht, im Sinne der psychologischen Kriegsführung die Bevölkerung zu terrorisieren. Auf der anderen Seite fungiert das Schutzzeichen auch als Warnhinweis: Es repräsentiert den besonderen Schutz des humanitären Völkerrechts aufgrund der besonderen historischen und kulturträchtigen Bedeutung eines Ortes.

Torsten Warnecke, Landrat des Kreises Hersfeld-Rotenburg, weiß den Wert der Haager Konvention zu schätzen: „Kulturgüter sind Identität, das Gedächtnis unseres Landkreises. Daher erachte ich es als äußert wichtig, diese auch als solche zu kennzeichnen“. Er merkt aber auch an, dass die Auszeichnung eher einen symbolischen Charakter hat: „Inwiefern die Kennzeichnungen jedoch die Zerstörung unserer kulturellen Güter im Kriegsfall verhindern, das wage ich zu bezweifeln“.

Die Mikwe in Rotenburg
Das ehemalige jüdische Ritualbad, die Mikwe in Rotenburg, ist eines von zwei Kulturdenkmälern im Kreis, die nach der Haager Konvention offiziell erfasst sind. © Märthe Werder

Die Mikwe, das ehemalige jüdische Ritualbad und heutige jüdische Museum in Rotenburg wurde im Jahr 2009 zum geschützten Kulturgut ausgezeichnet. In 2016 folgte die Burg Herzberg. Sie wurde 1298 erstmals urkundlich erwähnt und ist die größte Höhenburg in Hessen. Von dort ließ sich die alte Handelsstraße zwischen Frankfurt und Thüringen überwachen und schützen. „Das Schutzzeichen ist eine gute Möglichkeit, um auf die Burg aufmerksam zu machen. Man muss alles versuchen, um den Schutz der Burg zu gewährleisten“, bewertet Burgherr Jürgen Freiherr von Dörnberg die Bedeutung der Kennzeichnung.

Dr. Heinrich Nuhn vom Jüdischen Museum in der ehemaligen Mikwe ist stolz auf das blau-weiße Schutzzeichen: „Das war für uns eine herausgehobene Auszeichnung“, sagt er. Ob das Schild in Falle eines Angriffs tatsächlich schützt, sei nicht klar, es könne keine Kriegsverbrechen aufhalten oder verhindern, meint Nuhn. (Laura Hellwig)

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