Quereinsteiger müssen immer häufiger einspringen

Grundschulen im Kreis Hersfeld-Rotenburg gehen die Lehrer aus

Hersfeld-Rotenburg. Bildungsforscher schlagen Alarm: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung werden an deutschen Grundschulen bis 2025 voraussichtlich 35 000 Lehrer fehlen. Auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg ist die Lage kritisch.

Zum Halbjahreswechsel waren im Kreis achteinhalb Stellen unbesetzt, teilt das Staatliche Schulamt Bebra mit. Was zunächst wenig klingt, wird zum Problem, sobald Ersatz gebraucht wird: „Der Grundschullehrermarkt ist leer gefegt“, sagt Johannes Batton, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Eine Schwangerschaft oder eine längerfristige Erkrankung reichen bei dieser dünnen Personaldecke aus, um das ganze System aus dem Gleichgewicht zu werfen“, so Batton. Von „leer gefegten Ranglisten“ spricht auch Martina Beck, zuständig für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg beim Verband Bildung und Erziehung (VBE). „Im Krankheitsfall ist keine Reserve da, junge Kolleginnen, die in Mutterschutz gehen, können kaum ersetzt werden“, so Beck.

Als Grund für den Lehrermangel nennt die Bertelsmann-Stiftung steigende Schülerzahlen und den Ausbau von Ganztagsschulen (siehe Hintergrund). Das und die Flüchtlingsbeschulung habe man im Ministerium nicht auf dem Schirm gehabt, sagt Martina Beck. Stattdessen werde nun versucht, den Mangel anderweitig zu kompensieren: „Stellen werden von Studenten und Pensionären vorübergehend übernommen“, sagt Beck. Anita Hofmann vom Staatlichen Schulamt Bebra bestätigt das: „Für befristete Verträge setzen wir zum Teil auch Personen ein, die kein Lehramt studiert haben.“

Langfristig werde sich das auf die Qualität des Unterrichts auswirken, ist sich Beck sicher: „Solange man der Meinung ist, Grundschule kann ja jeder, wird die Qualität weiter sinken – und damit auch die Motivation engagierter Lehrkräfte.“

Wenn Referendare rar sind - Fragen und Antworten zum Thema:

Wie konnte es überhaupt so weit kommen? 

„Grundschullehrer fehlen, weil das Hessische Kultusministerium falsch abgeschätzt hat, wie viele Lehrer wirklich künftig gebraucht werden“, sagt Martina Beck vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen mit Blick auf steigende Geburtenraten und die Flüchtlingsbeschulung. Anita Hofmann vom Staatlichen Schulamt in Bebra erklärt sich den Lehrermangel auch damit, dass etwa 90 Prozent der Grundschullehrkräfte mittlerweile Frauen sind: „Wir haben mehrere Grundschulen im Kreis, in denen parallele Schwangerschaften und Elternzeiten für Ausfälle, zum Teil über mehrere Jahre, sorgen.“ Dass sich für den Grundschullehrerberuf nicht ausreichend Bewerber finden, ist für die Verbände nicht verwunderlich. VBE und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind sich einig: Der Beruf Grundschullehrer ist unattraktiv geworden.

Warum gilt der Beruf als unattraktiv? 

„Junge Leute bekommen natürlich mit, wie die Belastungen ständig steigen, die Arbeitsbedingungen aber nicht angepasst werden“, sagt Martina Beck. Ganztagsangebote zum Beispiel, wie sie die Schulen umsetzen wollen, seien personell und materiell gar nicht machbar. Und auch auf die Inklusion von auffälligen Kindern habe man die Schulen nicht vorbereitet. „Das wurde uns übergestülpt“, so Beck. Auch würden Grundschullehrer zunehmend Erziehungsaufgaben übernehmen, die früher ganz klar im Elternhaus lagen.

Was verdient ein Grundschullehrer? 

„Grundschullehrkräfte werden als einzige Lehrergruppe nach A12 bezahlt“, sagt Johannes Batton von der GEW Hessen. Zum Verständnis: Die Besoldungsgruppe A12 entspricht einem Bruttogehalt von 3279,42 Euro. „Das macht monatlich mindestens 500 Euro weniger im Vergleich zu anderen Lehrkräften aus, obwohl Studium und Referendariat die gleiche Dauer umfassen“, so Batton. Hinzu komme, dass Grundschullehrkräfte trotz geringeren Gehalts die höchste Stundenverpflichtung (28,5 Stunden) haben.

Was wird gegen den Lehrermangel getan? 

„Für befristete Verträge setzen wir zum Teil auch Personen ein, die kein Lehramt haben“, heißt es vom Staatlichen Schulamt Bebra. Hauptschul-, Realschul- und Gymnasiallehrkräfte haben außerdem die Möglichkeit, per Weiterbildung auf Grundschullehramt umzuschulen. Teilweise werden Stellen aber auch vorübergehend von Studenten oder Pensionären übernommen. Für Johannes Batton von der GEW ein Armutszeugnis: „Im Februar hat das Kultusministerium bereits zum zweiten Mal Pensionäre angeschrieben, darunter eine Kollegin aus Bad Sooden-Allendorf, die vor mehr als sechs Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt werden musste und längst die Regelaltersgrenze überschritten hatte“, sagt Batton. Man habe versucht, sie mit einem zehnprozentigen Aufschlag auf das Grundgehalt zu ködern.

Leidet der Unterricht darunter? 

„Die Qualität des Unterrichts wird immer mehr darunter leiden, wenn schlecht oder gar nicht ausgebildete Vertretungskräfte den Unterricht übernehmen müssen“, heißt es vom VBE. Die jetzige Maßnahme, Gymnasial- und Realschullehrer auf Grundschule „umzuschulen“, sei auch nur ein verzweifelter Versuch, Abhilfe zu schaffen. „Nicht jeder dieser Lehrer ist auch für den Grundschulbereich geeignet, vor allem wegen Fächerkombinationen, die in der Grundschule wenig helfen“, sagt Martina Beck. Auswirkungen auf den Unterricht seien nur eine Frage der Zeit: „Es wird durch den Personalmangel zu Verschlechterungen kommen. Die vorhandenen Kollegen werden ausgebrannt, krank und können nur noch den Mangel verwalten“, sagt Beck.

Wie lautet die Lösung der Verbände? 

Sowohl der VBE als auch die GEW fordern die gleiche Bezahlung von Grundschullehrern und Lehrkräften anderer Schulformen – also einer Bezahlung nach A13, was 3918,93 Euro entspricht. „Wir benötigen außerdem eine deutliche Arbeitszeitverkürzung“, heißt es von der GEW. Martina Beck vom VBE bezweifelt, dass sich die Lage schnell bessern wird: „Das Ministerium hat zwar in Ansätzen reagiert, aber die Fehler der Planung aufzuheben wird mindestens fünf bis sechs Jahre dauern. Schade nur, dass dies immer auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird.“ (mol)

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