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Glöckner berührt die Herzen - viel Beifall für Uraufführung in Bad Hersfeld

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Von: Christine Zacharias

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Eindrucksvolle Bilder entstehen durch die Mapping-Technik in der Stiftsruine: Sie wird so zum Beispiel zur gotischen Kathedrale Notre Dame mit den typischen Wasserspeiern.
Eindrucksvolle Bilder entstehen durch die Mapping-Technik in der Stiftsruine: Sie wird so zum Beispiel zur gotischen Kathedrale Notre Dame mit den typischen Wasserspeiern. Die Bettler versuchen, die Kathedrale zu stürmen. Weitere Bilder gibt es auf hersfelder-zeitung.de © Steffen Sennewald

Die 71. Bad Hersfelder Festspiele sind am 1. Juli mit der Uraufführung „Notre Dame“ eröffnet worden. Dabei kam in der Stiftsruine auch erstmals computergesteuerte Mapping-Technik zum Einsatz.

Bad Hersfeld – Es sind die Bilder, die beeindrucken und in Erinnerung bleiben. Wenn zum Beispiel eine schwarz gekleidete Gestalt von hoch oben Esmeralda beim Tanzen zusieht. Oder wenn aus allen Ecken schräge Gestalten auf die Bühne geschlichen, gehumpelt oder gekrochen kommen. Vor allem aber ist es das grandiose Zusammenspiel der Mapping-Technik, die die Stiftsruine zu einer gotischen Kathedrale oder in einen heruntergekommenen Königspalast verwandelt, mit den vor dieser Kulisse agierenden Darstellern, das in Joern Hinkels Inszenierung von „Notre Dame“ immer wieder fasziniert.

Joern Hinkel und Tilman Raabke haben aus Victor Hugos Roman aus dem Jahr 1831 ein dichtes und vielschichtiges Theaterstück gemacht, das bei den Bad Hersfelder Festspielen seine Uraufführung erlebte und vom Publikum mit lang anhaltendem Beifall, Jubelrufen, Trampeln und zuletzt auch stehend gefeiert wurde. Dabei ist der Spagat zwischen Hugos Vorstellung des Mittelalters, seinen Überzeugungen aus dem 19. Jahrhundert und der Welt von heute durchaus gelungen.

Es war eine kluge Entscheidung, die komplexe Handlung mit vielen verschiedenen Personen nicht nur durch Spielszenen voranzutreiben, sondern immer wieder Erzähler auftreten zu lassen, die zwischen den Szenen überleiten, ironisch kommentieren, und Victor Hugos kraftvolle Sprache zur Geltung bringen. Mitunter ist es aber verwirrend, wenn die Erzähler von Aufruhr und wildem Geschrei berichten und auf der Bühne alles ruhig bleibt.

Es ist keine schöne Welt, die uns da vorgeführt wird. Am Schluss liegt die Bühne voller Leichen, Esmeralda, Quasimodo, Claude und Jean Frollo sind tot und das Glück, dass Mutter Paquette de Chantefleurie und Tochter Esmeralda sich wiedergefunden haben, währt nur kurz. Die Ausgrenzung andersartiger Menschen, mitleidloses Gaffen und sich weiden am Unglück anderer sind nur einige Verhaltensweisen, die damals offenbar genauso üblich waren wie heute.

Djali (Klara Sengteller und Esmeralda (Cathrine Sophie Dumont) kümmern sich um Quasimodo (Robert Nikisch).
Ein seltener Moment von Güte und Nächstenliebe: Djali (Klara Sengteller und Esmeralda (Cathrine Sophie Dumont) kümmern sich um Quasimodo (Robert Nikisch). © Steffen Sennewald

Und auch mit der Liebe ist es so eine Sache in diesem Stück. Esmeralda, die von Cathrine Sohpie Dumont sowohl stark, selbstbewusst und verführerisch als auch naiv und zerbrechlich gezeigt wird, und Quasimodo sind die einzigen, die das haben, was man ein gutes Herz nennt und selbstlos lieben. Robert Nikisch, der den missgestalteten Glöckner verkörpert, berührt mit seiner Trauer, seinem Schmerz, seiner Einsamkeit und den seltenen Glücksmomenten tief.

Pierre Gringoire, den Mathias Schlung mit großer Präsenz auf die Bühne bringt, ist dagegen ein Opportunist, der keinesfalls den eigenen Hals riskieren würde, um Esmeralda, die ihm durch Heirat das Leben gerettet hat, zu befreien. Tatsächlich liegt ihm mehr an der klugen Ziege Djali, als die sich Klara Sengteller sehr schnell in die Herzen des Publikums spielt, als an seiner Ehefrau.

Den Kirchenmann Claude Frollo, der Esmeralda besitzen möchte und sie lieber tot sieht als an der Seite eines anderen, zeigt Richy Müller als zerrissenen, seine Leidenschaft nur mühsam im Zaum haltenden, rücksichtslosen Mann.

Er will sie haben: Claude Frollo (Richy Müller) verspricht Esmeralda (Cathrine Sophie Dumont), dass er sie retten könne.
Er will sie haben: Claude Frollo (Richy Müller) verspricht Esmeralda (Cathrine Sophie Dumont), dass er sie retten könne. © Steffen Sennewald

Und dann ist da noch Phöbus, von Oliver Urbanski als egozentrischer, gefühlloser Unsympath dargestellt, der gerne nimmt, was die vor Liebe blinde Esmeralda ihm geben will, ohne für sich daraus irgendwelche Verpflichtungen abzuleiten.

Die meisten Darsteller sind in Notre Dame in mehreren Rollen zu sehen. Sie auseinanderzuhalten erleichtern die fantasievollen Kostüme von Daniela Selig. Als vielfältig einsetzbares Bühnenbild hat Jens Kilian große Metallgestelle entworfen, die je nach Bedarf hin- und hergerollt werden, allerdings leider oft die Apsis verdecken. Dafür dienen sie als Projektjonsfläche für das Mapping.

Treibende Rhythmen, wummernde Bässe und Zirkusmusik, die Jörg Gollasch zum Stück geschrieben hat, untermalen die Stimmungen und erzeugen Spannung.

Wie so oft zeichnet sich auch diese Festspiel-Inszenierung dadurch aus, dass alle Rollen stark besetzt sind. Das gilt auch für die Statisterie, die vor allem in den Zeitlupen-Kampfszenen im zweiten Teil des Stücks beeindruckt.

Nicht vergessen werden soll noch der Hinweis, auf die vielen kleinen Gags und liebevoll ausgearbeiteten Details, die während der Aufführung entdeckt werden können. (Christine Zacharias)

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