„Der Respekt geht verloren“

Gewalt in Notaufnahmen trifft auch Kliniken im Kreis Hersfeld-Rotenburg

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Hersfeld-Rotenburg – In den hessischen Notaufnahmen scheint Gewalt schon fast zum Alltag zu gehören. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hochschule Fulda.

Auch im Klinikum in Bad Hersfeld und im Kreiskrankenhaus in Rotenburg weiß man von aggressiven Patienten zu berichten, in der Regel bliebe es aber bei verbalen Angriffen wie Beleidigungen und Beschimpfungen.

„Gewalt in der Notaufnahme hat es schon immer gegeben, das ist klar“, sagt Oberarzt Dr. Urs Schöffel vom Kreiskrankenhaus. Schließlich habe man gerade dort besonders häufig mit Patienten zu tun, die unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen. Immer wieder komme es aber eben auch zu Konflikten, ohne dass Drogen oder Alkohol der Auslöser sind. „Die Anspruchshaltung und die Ausdrucksweise haben sich verändert“, berichtet Oberarzt Dr. Konstantin Schukowski, leitender Arzt der internistischen Aufnahme im KKH. „Jeder denkt nur noch an sich“, meint Schwester Marlies Girbert, Leiterin der zentralen Patientenaufnahme mit Blick auf ungeduldige Patienten. „Aber wegen einer Prellung wird mitten in der Nacht nicht der Chefarzt geholt.“ Gefühlt zu lange Wartezeiten oder der Eindruck, nicht richtig behandelt zu werden, seien meist der Grund für Ausfälligkeiten gegenüber dem Personal, so Girbert, die von bedrohlichen Situationen spricht, in denen sich die Patienten selbst oder deren Angehörige „vor einem aufbauen“. Um Gefahren aus dem Weg gehen zu können, gibt es im KKH seit rund zwei Jahren zwei „Panikräume“.

Etwas zurückhaltender äußern sich die Pflegedirektoren des Klinikums, Marcus Ries und Michael Gottbehüt. Sie wollen das Problem nicht größer machen, als es ist. Relevant und präsent sei das Thema jedoch allemal. Und auch Ries meint: „Der Respekt im Umgang mit Helfenden sinkt kontinuierlich.“ Man schule die Mitarbeiter – auch in der Notaufnahme – deshalb in Deeskalationsstrategien. 

„Viele kommen schon mit Brast hierher“

Wer in der Notaufnahme arbeitet, hätte einiges zu erzählen, da sind sich die Vertreter des Kreiskrankenhauses in Rotenburg und des Klinikums in Bad Hersfeld einig. Wobei es in ländlichen Regionen wie dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg sicher nicht so dramatisch sei wie in der Großstadt.

 Beschäftigte beider Krankenhäuser haben sich an der Fuldaer Studie zum Thema Gewalt in hessischen Notaufnahmen beteiligt. Eigene Statistiken zu Fällen von Gewalt – ob verbal, körperlich oder sexualisiert – gibt es dort jedoch nicht. „Unsere Mitarbeiter sind aber aufgerufen, jeden Fall zu melden“, sagt Marcus Ries, Pflegedirektor am Klinikum. „Gewalt findet in unterschiedlicher Art und Weise statt“, so Ries. Auch Beschimpfungen und Beleidigungen könnten demnach als Gewalt gelten. 

„Viele kommen nach mehreren Arztbesuchen schon mit Brast hierher“, versucht Schwester Marlies Girbert, Leiterin der zentralen Patientenaufnahme am Kreiskrankenhaus, das aggressive Verhalten mancher Patienten zu erklären. Sie spricht zudem von einer „unrealistischen Erwartungshaltung“. Aber auch Angst und Unsicherheit kommen als Auslöser von Gewalt in Frage, sagen die beiden Oberärzte Dr. Urs Schöffel und Dr. Konstantin Schukowski – gerade in Zeiten von „Dr. Google“. Vor allem nachts fühlen sich besonders viele Kolleginnen unsicher, so Girbert. Als Schutz dienen deshalb die sogenannten Panikräume mit Türknauf, die sich von außen nicht öffnen lassen. „Von dort könnte man dann im Falle des Falles in Ruhe die Polizei rufen.“ 

Brenzlig kann es zum Beispiel auch werden, wenn nach einer Schlägerei Patienten und Angehörige in der Notaufnahme wieder aufeinandertreffen, wobei das nur in Ausnahmefällen passiere. 

Polizei ist immer schnell vor Ort

Panikräume gibt es am Klinikum nicht, aber auch dort werde den Mitarbeitern natürlich geraten, bei Gefahr die Polizei zu rufen – lieber einmal zu viel. Pflegedirektor Michael Gottbehüt spricht in diesem Zusammenhang von einer guten und engen Zusammenarbeit. „Die Polizei ist immer schnell vor Ort“, betont er. Nachts könne darüber hinaus immer eine „Hauptnachtwache“ hinzugerufen werden, sollte es etwa in der Notaufnahme Probleme geben. 

Vor allem aber liege der Fokus auf Prävention, um schwierige Situationen gar nicht erst eskalieren zu lassen. Schon seit einigen Jahren gebe es für alle Beschäftigten die Möglichkeit, sich in Deeskalationsstrategien schulen zu lassen. Zwei Mitarbeiter sind ausgebildete Deeskalationstrainer. 

Das Sicherheitsbedürfnis der Mitarbeiter sei in den vergangenen Jahren gestiegen, wobei man über die Gründe nur spekulieren könne. „Wir haben jedenfalls immer ein offenes Ohr, wenn es konkreten Handlungsbedarf gibt“, sagen Ries und Gottbehüt.

 In zwei weiteren Dingen sind sich die Vertreter beider Krankenhäuser im Kreis übrigens ebenfalls einig: Das Thema Gewalt lasse sich nicht an einer bestimmten Personengruppe wie junge Männer festmachen, vielmehr seien verbale Attacken „quer durch die Bank“ zu beobachten. Und: Die Notfallbehandlung erfolgt immer nach Dringlichkeit, nicht zwingend nach der Reihenfolge.

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Hintergrund: 

Zu körperlicher, verbaler und sexualisierter Gewalt hat eine Gruppe des Fachbereichs Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda die Beschäftigten in 51 Notaufnahmen in Hessen befragt. Knapp 76 Prozent der 354 Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt zu haben. Von verbaler Gewalt berichteten 97 Prozent, von sexualisierter Gewalt 52 Prozent. Von den verbal attackierten, gaben immerhin 61,8 Prozent an, dies täglich oder wöchentlich zu erleben, bei den körperlichen Angriffen sagten dies 24,1 Prozent. dag

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