Enner, zwoon - aus: Kein Lolls 2021

Geteilte Reaktionen der Stadtpolitik auf Absage des Bad Hersfelder Lullusfests

Das Bild zeigt den Blick vom Turm der Bad Hersfelder Stadtkirche auf den Festplatz.
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Enner, zwoon, aus: Auch in diesem Jahr wird das Lullusfest in Bad Hersfeld wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden.

Das Lullusfest wird auch im Jahr 2021 nicht stattfinden. Die Enttäuschung überwiegt, aber es gibt auch Verständnis für die Entscheidung des Magistrats.

Bad Hersfeld – Das Lullusfest wird erneut nicht stattfinden. Das hat der Magistrat beschlossen. Das Gremium folgte damit nicht einer Empfehlung der Lullusfest-Kommission, die zu einer abgespeckten Version des Volksfests geraten hatten. Unsere Zeitung hat die Fraktionsvorsitzenden der Bad Hersfelder Parteien zur Absage befragt. Wir wollten wissen, was die Fraktionsvorsitzenden zu der Entscheidung sagen, welche Auswirkungen die Absage auf die ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft der Stadt hat und wie realistisch eine Art „Anderer Oktober“ ist?

SPD-Fraktionschef Karsten Vollmar: Das Lullusfest abzusagen ist eine für alle Beteiligten bittere Entscheidung, die sich keiner leicht gemacht hat. Kommunalpolitik bedeutet in erster Linie aber neben der Erfüllung von verständlichen Wünschen die Übernahme von Verantwortung. Da steht der Gesundheitsschutz der Menschen in der Stadt an erster Stelle, den wir - im Gegensatz zu nahezu allen anderen vergleichbaren Städten, die ihre Volksfeste bereits abgesagt haben - riskieren würden. Steigende Zahlen und die Pandemie-Vorhersagen für den Herbst hätten zudem für die Planungen bei einer kurzfristigen Absage einen Einnahmeausfall von mehreren hunderttausend Euro bedeutet.

Zudem: Die fehlende Planungssicherheit sowie die rechtlichen Bedingungen hätten eine normale Durchführung ohnehin nicht zugelassen, ein „Lullusfest light“ mit umzäuntem Festplatz, Besucherregulierung, Alkoholverbot, ständigen Kontrollen usw. und anderen Einschränkungen würde die Marke „Lullusfest“ nachhaltig beschädigen. Zehntausende Menschen jeden Tag würden Bad Hersfeld zu einer unkontrollierbaren Drehscheibe für eine Woche werden lassen - wer hätte für Polizei, DRK, Feuerwehr, Ordnungsamt und hunderte andere Helfer, die das hätten kontrollieren müssen, die Verantwortung übernommen? Jetzt muss der Blick nach vorne gehen, ohne die Entscheidung für politische Zwecke zu nutzen. 

Für Gastronomie und Einzelhandel ist das abermals ein Schlag in die Magengrube, genauso auch für die Schausteller, die uns allen ans Herz gewachsen sind. Mit den schon beschlossenen Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt und einer hoffentlich positiven Pandemieentwicklung hoffen wir alle, dass der Verlust zumindest abgefedert werden kann. 

Klar ist: Wir hatten einen erfolgreichen „anderen Sommer“ letztes Jahr und ich bin sicher, dass auch ein „anderer Oktober“ machbar ist - wie, das muss man sehen. Die Verwaltung hatte und hat gute Ideen, wir werden sie dabei wo immer möglich unterstützen. Das Ziel muss jetzt sein, ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.   

Jürgen Richter (FWG) Wie bedauern die Absage und hätten uns für Bad Hersfeld und unser Lullusfest eine andere Entscheidung gewünscht. Aber die aktuelle Situation mit all ihren offenen und ungeklärten Fragen, sowie die negative Prognose und Einschätzung der Fachleute in der Coronaentwicklung lassen ein Lullusfest in gewohnter Weise leider nicht zu.

Das finanzielle Risiko bei der angespannten Haushaltslage unserer Stadt ist erheblich und müsste bei einer kurzfristigen Absage komplett getragen werden. Wir werden uns aber gemeinsam mit dem Fachbereich Stadtmarketing für einen alternativen Oktober einsetzen und so versuchen die Innenstadt zu beleben, damit unser Einzelhandel, die Gastronomie und das Gewerbe trotz der sehr unglücklichen Situation Einnahmen generieren kann.

Andrea Zietz (Grüne): Mein Lollsherz blutet, weil unser Fest auch in diesem Jahr wieder abgesagt werden musste. Wir tragen aber als Fraktion die Entscheidung des Magistrats mit. Niemand kann heute sagen, welche Verordnungen im Oktober gültig sind und unter welchen Bedingungen wir feiern dürfen. Sicher ist, dass ein Fest in gewohnter Weise mit Umzug und eng gedrängtem Markttrubel nicht möglich ist. Ein abgesperrter Platz mit kleinerem Angebot, auf den zeitlich begrenzt nur ein paar Besucher dürfen, bringt mehr Frust als Freude.

Das Risiko für die Schausteller wäre genauso unkalkulierbar wie die Folgen aufs pandemische Geschehen. Auch der heimischen Gastronomie bringt es nichts, wenn sie Vorräte einkauft und wir dann vielleicht in letzter Minute doch absagen müssen. Wir müssen jetzt nach vorne schauen und ausloten, welche Möglichkeiten wir für einen attraktiven Herbst haben. Hier wird eine flexible Planung nötig sein, die immer unter dem Vorbehalt der Genehmigung steht..

Andreas Rey (CDU) Wir hätten uns sehr gewünscht, dass das Lullusfest in diesem Jahr stattfinden kann und haben uns auch dementsprechend positioniert. Wir bedauern, dass der Magistrat zu einem anderen Entschluss gekommen ist und nicht der Empfehlung der Lullusfest-Kommission gefolgt ist. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es ein Lullusfest, wie wir es kennen auch bei einer Zustimmung nicht gegeben hätte. Die Problematik der mangelnden Planungssicherheit durch die unklare Entwicklung der Infektionszahlen und damit der nicht abschätzbaren rechtlichen Rahmenbedingungen ist selbstverständlich nicht von der Hand zu weisen. Uns ist bewusst, dass sich keiner die Entscheidung leicht gemacht hat und dabei stets vorrangig den Schutz der Bevölkerung im Blick hatte.

Die Absage ist definitiv ein weiteres Problem für unsere angeschlagene Wirtschaft. Wir müssen nun schauen, dass wir die Einnahmeausfälle durch geeignete Alternativen so gering wie möglich halten. Gerade für die Schausteller ist die Absage allerdings eine Katastrophe.

Bad Hersfeld hat im vergangenen Jahr Kreativität bewiesen und gezeigt, dass gute Alternativen möglich sind. Wir sind zuversichtlich, dass dies auch im Oktober gelingen kann. Es gilt jetzt, alle Möglichkeiten auszuloten und zeitnah ein tragbares Konzept zu erstellen.

Bernd Böhle (FDP) Die Absage ist leider Hals über Kopf hinter verschlossenen Magistratstüren getroffen worden und damit ein Schlag ins Gesicht für alle Bürgerinnen und Bürger, die durch ihr diszipliniertes Verhalten in den vergangenen eineinhalb Jahren maßgeblich dazu beigetragen haben, die Inzidenzwerte auf „Vor-Coronastand“ zu senken. Ebenso auch für alle Gewerbetreibenden, die Schausteller und die Gastronomie, die bis zu einem Viertel ihres Jahresumsatzes beim Lullusfest erarbeiten und unter den wirtschaftlichen Folgen massiv leiden werden. 

Vor diesem Hintergrund ist es auch absolut unverständlich, weshalb über die Ausrichtung der Bad Hersfelder Festspiele und die Festlegung des Ortes für das Weinfest, stets öffentlich in der Stadtverordnetenversammlung beraten und entschieden worden ist, aber eine Entscheidung von solcher Tragweite, über das Schicksal des Lullusfests, dem ältesten Volksfest Deutschlands, lediglich einer Handvoll Personen im Magistrat überlassen wird. Hierüber ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Der Gesundheitsschutz unserer Mitmenschen steht zweifelsohne immer an erster Stelle. Allerdings ist die heutige Situation doch überhaupt nicht mehr vergleichbar mit 2020. Die Inzidenz im Landkreis liegt aktuell bei wieder bei 0,0 und die Mehrheit der Bevölkerung hat inzwischen bereits ihr Impfangebot genutzt. Des Weiteren besteht flächendeckend die Möglichkeit für einen unkomplizierten Corona-Schnelltest, wodurch Infektionsketten schnell nachverfolgt werden können.

Auch gesetzlich gibt es aktuell keine Verordnungen, die einer Ausrichtung des Lullusfests mit Feuer, wenn auch unter Einhaltung der bekannten Schutz- und Hygienevorschriften, entgegen sprechen. Ein „entzerrter“ Festmarkt nach dem Vorbild des Hessentages oder auch die positiven Erfahrungen beim Libori in Paderborn, dem Sommerdom in Hamburg, der Kieler Woche oder dem Sommerfest in Kassel sind nur einige wenige Beispiele, wie man mit Mut, Weitsicht und Entschlossenheit die Weichen für ein sicheres Lullusfest hätte auf dem Weg bringen können. So wie es auch von der Lullusfest-Kommission empfohlen worden war. Ein Konzept für einen „alternativen Herbst“, der im letzten Jahr aus einem einzigen Stand mit gebrannten Mandeln bestanden hat, bedarf es hierfür nicht.“

Hans-Jürgen Schülbe (UBH): Die Absage macht traurig. Sie ist aber vernünftig. Den Verantwortlichen blieb keine andere Wahl. Gerade der bereits jetzt unter Corona stark leidende Einzelhandel wird erneut beeinträchtigt. Deshalb muss die Stadt einen „anderen Oktober“ entwerfen und anbieten. Außerdem sind in der Innenstadt regelmäßig -auch in der Woche- besondere Veranstaltungen für Alt und Jung anzubieten, um möglichst viele Menschen zum Bummeln, zu Café und Kuchen sowie zum Einkaufen zu animieren.

Die Partei „Die Linke“ ließ die Anfrage unserer Zeitung leider unbeantwortet.

Lesen Sie dazu auch den Ursprungsartikel aus unserer Zeitung.

Von Kai A. Struthoff

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