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Geschichten vom Herzen: Lesung mit Ingrid Steeger und Joern Hinkel im Kapitelsaal

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Lesung mit Lumpi: Ingrid Steegers kleiner Hund hörte brav zu, als sie und Joern Hinkel ihre sehr persönlichen Herzgeschichten im Kapitelsaal vortrugen.
Lesung mit Lumpi: Ingrid Steegers kleiner Hund hörte brav zu, als sie und Joern Hinkel ihre sehr persönlichen Herzgeschichten im Kapitelsaal vortrugen. © Steffen Sennewald

Ingrid Steeger und Intendant Joern Hinkel lasen im Rahmenprogramm der Bad Hersfelder Festspiele Herzgeschichten im Kapitelsaal.

Bad Hersfeld – Wer schreibt heute noch Briefe? Mit der Hand? Liebesbriefe gar? Mit dieser Frage ans Publikum eröffnete Festspielintendant Joern Hinkel eine außergewöhnliche und anrührende Lesung, bei der er gemeinsam mit der 75-jährigen Ingrid Steeger im Rahmenprogramm der Bad Hersfelder Festspiele „Herzgeschichten“ im Kapitelsaal des Museums zu Gehör brachte.

Nun, einige der rund 40 zumeist schon etwas reiferen Zuhörerinnen und Zuhörer im Kapitelsaal erinnern sich selbst noch gut an jene parfümierten Briefe mit gefühlvollen, vielleicht sogar gereimten Zeilen von geliebten Menschen, die bis heute wohl-gehütete, bitter-süße Erinnerung an längst vergangene Tage aus einer Zeit vor E-Mail und WhatsApp darstellen.

Wie schön Liebesbriefe auch heute noch sein können, das wird in dem 90-minütigen Programm deutlich. Ingrid Steeger hat das Programm selbst zusammengestellt und lieb gewonnene Texte und Gedichte dafür ausgewählt. Den Rahmen bildet ein Briefwechsel zwischen der Autorin Iris und dem Rezensenten Dirk, die sich über die Briefe zwar näher-, aber dann doch nicht zusammenkommen.

Darin geschickt verwoben findet sich ein literarischer Reigen von Liebesbriefen aus unterschieldichen Epochen: von Johann Wolfgang von Goethe an Christiane Vulpius, von Bertold Brecht, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, oder Joachim Ringelnatz und Erich Fried.

Behutsam führt Joern Hinkel seine Lesepartnerin durch den Abend, an dem Ingrid Steeger mit Selbstironie auch kleine Schwächen überspielt – den plötzlichen Schluckauf, das lose Glas in der Brille, die lose Brücke im Mund: „Sie wissen, der Zahn der Zeit“, sagt sie, um schon im nächsten Moment – ganz wie früher in „Klimbim“ – frech und kokett zu lächeln. Dann blitzen ihre Augen, etwa bei Erich Kästners „Ansprache einer Bardame“, die sie im heimischen Berliner Dialekt vorträgt und verschmitzt hinzufügt. „Ick war keene Bardame, ick war Go-Go-Girl“.

Was frech daher kommt, offenbart zugleich auch die Tragik ihres eigenen Lebens. Vielen galt Ingrid Steeger als deutsche Antwort auf Marilyn Monroe. Und so ist natürlich auch die große amerikanische Schauspielerin bei den Herzgeschichten dieses Abends dabei – in Texten von Peter Härtling, Ernesto Cardenal und auch von Marilyn Monroe selbst, veröffentlicht von Carl Sandburg.

Sympathisches Zweigespräch: Behutsam führte Joern Hinkel seine Lesepartnerin durch den Abend, bei dem Ingrid Steeger auch tiefe Einblicke in ihre Seele gab.
Sympathisches Zweigespräch: Behutsam führte Joern Hinkel seine Lesepartnerin durch den Abend, bei dem Ingrid Steeger auch tiefe Einblicke in ihre Seele gab. © Steffen Sennewald

„Als Frau ist sie von vielen begehrt worden, nur wenige nahmen sie ernst“, zitierte Ingrid Steiger einen auf die Monroe bezogenen Satz – und meint damit wohl auch sich selbst.

So wird es denn auch ein nachdenklicher Abend, der von einem berührten Publikum mit viel verdientem Applaus gewürdigt wird. (Kai A. Struthoff)

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