Gelber Schein

Ärzte skeptisch: Neue Regel zur digitalen Krankschreibung findet kaum Anwendung

Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU)
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Ein Auslaufmodell: Der gelbe Schein der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Eigentlich soll der „gelbe Schein“ erkrankter Arbeitnehmer nun digital übermittelt werden. In Hersfeld-Rotenburg setzen die Ärzte aber weiter auf Papier.

Hersfeld-Rotenburg – Seit rund zwei Wochen soll die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (kurz: AU), der „gelbe Schein“, elektronisch von den Praxen zu den Krankenkassen gelangen – eigentlich. Doch die neue Regelung für die elektronische AU (eAU) findet im Kreis Hersfeld-Rotenburg, wie auch sonst in Hessen, bislang kaum Anwendung, wie der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Karl Matthias Roth auf Nachfrage unserer Redaktion berichtet. „93 Prozent der Arztpraxen stellen noch immer keine eAU aus“, sagt er.

In einigen Praxen seien zwar die technischen Voraussetzungen mittlerweile gegeben, jedoch mangele es an der Bereitschaft, auf die rein digitale Form der Kommunikation umzusteigen, berichtet Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Gründe hierfür sieht er beispielsweise in der widersprüchlichen Gesetzeslage beim Umgang mit vertraulichen Patientendaten. Befürchtungen gibt es zudem im Hinblick auf die gezwungene Abhängigkeit von Internet und Elektronik: „Man muss Angst haben, dass bei einem Fehler in der Technik die gesamte Arbeit lahmgelegt wird“, sagt Ebel.

Gelber Schein nur selten digital: „Pflichten und Fristen nicht an die tatsächlichen Begebenheiten angepasst“

Die Pflicht für die elektronische Übermittlung des „gelben Scheins“ von den Arztpraxen an die Krankenkassen sollte ursprünglich schon ab Januar 2021 gelten, wurde aber wegen mangelnder Ausstattung und zusätzlicher Belastung durch Corona auf den 1. Oktober verschoben, informiert die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf ihrer Internetseite. Weil aber damit zu rechnen war, dass auch bis Oktober noch nicht alle über die nötige technische Ausstattung verfügen, wurde eine weitere Übergangsphase bis zum 31. Dezember eingeräumt. Ab Januar 2022 soll die Übermittlung dann vollständig elektronisch von den Praxen zu den Krankenkassen erfolgen. Den Arbeitgeber sollen die Patienten vorerst noch selbst informieren. Erst ab Juli 2022 liegt die Pflicht, die eAU an den Arbeitgeber weiterzuleiten, bei den Krankenkassen.

Kaum eine Arztpraxis im Landkreis stellt den sogenannten Gelben Schein in digitaler Form aus, so wie es eigentlich seit dem 1. Oktober vorgesehen ist. „Die Pflichten und Fristen, die vom Gesetzgeber festgelegt wurden, sind nicht an die tatsächlichen Begebenheiten in den Praxen angepasst“, sagt Karl Matthias Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen (KVH).

Gelber Schein: Praxen mit Defiziten bei Digitalisierung

Bei einer Befragung der KVH stellte sich heraus, dass 93 Prozent der Praxen noch keine elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (eAU) ausstellen, und das obwohl alle Befragten über die notwendigen KIM-Dienste (Kommunikation im Medizinwesen) verfügen würden. Über diese KIM-Dienste soll die gesamte elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen ablaufen, erklärt die KVH.

„Es bestehen noch starke Defizite“, stellt Roth fest. Dies betreffe auch die Bereitstellung der neuen elektronischen Patientenakte (ePA) sowie das elektronische Rezept (eRezept). Die Bereitschaft, auf diese digitale Form der Versorgung umzusteigen, sei weder bei Ärzten noch bei Patienten vorhanden, sagt Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis. „Viele Kollegen können, wollen aber nicht.“ Auf die Frage, wie die Umstellung bei den Patienten ankommt, sagt Ebel: „Nicht ein Patient hat mich bisher auf die eAU angesprochen, nur einige wenige auf das elektronische Rezept.“

Besonders kritisch sieht Ebel, dass die sowieso schon schlechte hausärztliche Versorgung durch den Zwang der Umstellung auf Digital noch mehr gefährdet wird, weil sich insbesondere ältere Kollegen gegen die verpflichtende Umstellung wehren.

Sonderregelung durch Corona – Telefonische Krankschreibung in diesem Jahr möglich

Sonderregelungen bei der Krankschreibung gibt es darüber hinaus auch im Hinblick auf die Corona-Pandemie. So gibt es für Patienten die Möglichkeit, sich bei leichten Erkrankungen einfach telefonisch vom Arzt krankschreiben zu lassen. Diese Sonderregelung wurde im Frühjahr 2020 eingeführt, mit dem Anliegen, die Arztpraxen während der Pandemie zu entlasten und Kontakte zwischen Patienten und Angestellten zu vermeiden, schreibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf ihrer Internetseite.

Die Sonderregelung wurde zum 31. Mai 2020 zunächst wieder aufgehoben, im Oktober letzten Jahres aber wieder eingeführt. Sie gilt noch bis zum Ende dieses Jahres. (lah)

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