Interview zum Lullusfest

„Der Geist von Lullus lebt weiter“

Verbunden durch den Geist von Lullus: Dr. Sigmar Gleiser (links), der „Vater“ der Städtefreundschaft mit dem englischen Malmesbury, und der britische Historiker Tony McAleavy, der ein Buch über das Wirken von Lullus geschrieben hat, hier im Kurpark von Bad Hersfeld. Foto: Kai A. Struthoff

Um die gemeinsame Geschichte von Bad Hersfeld und Malmesbury geht es zum Auftakt des Lullusfestes im Montagsinterview mit Dr. Sigmar Gleiser und Tony McAleavy.

Dr. Sigmar Gleiser aus Bad Hersfeld ist der geistige Vater der Partnerschaft mit dem englischen Malmesbury. Der britische Historiker Tony McAleavy hat ein Buch über den Stiftsgründer Lullus geschrieben. Beide hielten am Sonntagabend die Festrede zur Eröffnung des Lullusfests. Vorab sprach Kai A. Struthoff mit den beiden Lullus-Freunden.

Herr Dr. Gleiser, am Mittwoch wird in Bad Hersfeld der Malmesbury-Platz mit einer englischen Telefonzelle eingeweiht. Haben Sie damit Ihr Ziel erreicht?

Dr. Sigmar Gleiser: Ich bin sehr zufrieden über den Stand der gegenwärtigen Beziehungen. Und ich fühle mich auch bestätigt, dass es richtig war, damals ins Rathaus von Malmesbury zu gehen und zu fragen, ob man dort Lullus kennt. So fing alles an. Ich bin froh, dass ich hier in Bad Hersfeld eine gewisse Unterstützung im Rathaus und auch durch die Hersfelder Zeitung erfahren habe. Aber die aktuelle politische Lage in England trübt ein wenig den Blick auf das Erreichte.

Mister McAleavy, Sie haben über Lullus geforscht. Es ist natürlich spekulativ, aber wäre Lullus für oder gegen den Brexit?

Tony McAleavy (lacht): Im 8. Jahrhundert hatten Menschen wie Lullus ein sehr ausgeprägtes Gefühl für unsere gemeinsame kulturelle Identität. Es gab viele Gemeinsamkeiten und viel Solidarität. Lullus hat die Germanen wie Cousins und Cousinen gesehen, mit denen er seinen Glauben teilen wollte. Ich selbst habe wie knapp die Hälfte aller Briten für den Verbleib in der EU gestimmt – so wie alle meine Freunde. (Schmunzelt.) Und deshalb bin ich sicher, dass auch mein Freund Lullus gegen den Brexit gewesen wäre.

Wie reden die ganz normalen Leuten in Malmesbury über den Brexit – abends im Pub?

McAleavy: Unser Kreis Wiltshire steht so wie der Rest von England etwa 50:50 zum Brexit. Natürlich wird viel diskutiert. Vor allem sind viele darüber frustriert, dass alles so lange dauert. Das Referendum liegt drei Jahre zurück und immer noch reden wir über den Brexit. Dabei müssen wir andere Probleme anpacken. Und viele merken auch erst jetzt, was der Brexit bedeutet – etwa für den fragilen Frieden mit Nordirland.

Malmesbury ist das Hauptquartier von der Weltfirma Dyson, die ihren Sitz jetzt nach Singapur verlegt hat?

McAleavy: Ein No-Deal-Brexit wird furchtbar werden für England, denn die Weltwirtschaft ist eng verflochten. Ich bin sehr besorgt deshalb. Die Firma Honda beispielsweise verlässt unsere Nachbarstadt Swindon. Und Dyson hat in Malmesbury in der vergangenen Woche die Entwicklung eines Elektroautos gestoppt. Dadurch hat unsere Stadt allein 500 potenzielle Jobs verloren. Der Brexit schadet uns viel mehr, als er hilft.

Was bedeutet der Brexit für die besondere Beziehung zwischen Bad Hersfeld und Malmesbury?

McAleavy: Da bin ich ganz optimistisch, denn diese Freundschaft ist so viel stärker als alle Politik. Der Geist von Lullus lebt weiter. Das gilt auch für die Beziehung der Deutschen und der Engländer allgemein. Der Brexit ist ja kein Votum gegen die Menschen in Europa, sondern der hilflose Versuch, einfache Lösungen für komplexe wirtschaftliche Probleme zu finden. Trotzdem bleiben wir weiter Europäer.

Gleiser: Ich glaube, dass die Kontakte zwischen beiden Städten dadurch nicht viel schwieriger werden. Gerade die einzigartige Beziehung und Kleinteiligkeit dieser persönlichen Verbindung zwischen den Menschen hier und dort trägt die Partnerschaft weiter. Trotzdem müssen wir daran arbeiten, den Kontakt zu halten und weiter auszubauen.

Herr Gleiser, in unserer globalisierten Zeit erscheinen Partnerschaften zwischen Städten ein wenig altmodisch und überholt?

Gleiser: Ich denke auch, dass die große Zeit der offiziellen Städtepartnerschaften wohl vorbei ist. Aber ich hoffe, das trifft nicht auf Bad Hersfeld und Malmesbury zu. Dafür werde ich mich mit allen Kräften einsetzen, denn unsere Beziehung ist einzigartig.

McAleavy: Beziehungen wie die zwischen Bad Hersfeld und Malmesbury haben eine andere Qualität als Reisen in einer globalisierten Welt, denn hier gibt es direkte, persönliche Kontakte zwischen speziellen Menschen.

Die „Friends of Malmesbury“ haben rund 50 Mitglieder, die „Friends of Lull“ etwas weniger. Es sind Einzelne, die mit ihrem Engagement die Kontakte pflegen. Aber die werden auch älter. Was muss passieren, um die Beziehungen dauerhaft zu stärken?

McAleavy: Das Interesse an dem Mönch aus Malmesbury, der Deutschland zum Christentum bekehrte in jener größten Epoche unserer Geschichte, ist bei uns groß. Dabei hatte ich vor zehn Jahren noch nicht einmal von Lullus gehört, obwohl ich mich wirklich mit der Geschichte Malmesburys auskenne. Dieser Mann ist ganz erstaunlich. Wegen ihm sind unsere Städte so wie Zwillinge. Beide haben eine große Abtei, die die Entwicklung der Stadt jahrhundertelang dominiert hat. Dadurch ist eine substanzielle Verbindung beider Städte entstanden, die so viel mehr bedeutet, als irgendeine willkürliche, bürokratische Partnerschaft. Es ist unsere Aufgabe, diese besondere Verbindung zu pflegen und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.

Gleiser: Wenn man bedenkt, dass man in Malmesbury erst seit knapp zehn Jahren von Lullus weiß, wir hier aber seit 1000 Jahren mit ihm leben, ihn feiern, dann haben wir gemeinsam viel erreicht. Wir haben die englischen Wurzeln dieses besonderen Menschen freigelegt – das ist eine großartige Sache. Aber wir müssen dranbleiben und das Interesse an der gemeinsamen Geschichte in den Schulen, der Jugend wachhalten und weitergeben.

Zu den Personen

Tony McAleavy (64) wurde in Liverpool geboren und hat in Oxford Geschichte studiert. Er lebt seit fast 40 Jahren in Malmesbury. Er arbeitet als Forschungsdirektor für eine gemeinnützige Bildungs-Stiftung. Seine Leidenschaft ist die Geschichte von Malmesbury. Er ist Direktor der Historischen Gesellschaft von Malmesbury. McAleavy ist verheiratet und hat drei Kinder.

Dr. Sigmar Gleiser wurde 1942 in Bad Hersfeld geboren. Er hat an mehreren Universitäten studiert und sein Diplom als Volkswirtschaftler an der Uni Mainz abgelegt. Danach war er Assistent im Bereich der Wirtschaftswissenschaften am Institut für Konjunktur, Wachstum und Verteilung. Nebenbei hat Dr. Gleiser in Philosophie promoviert. Er war in der Studentenberatung tätig und hat danach viele Jahre bei der Bundesagentur für Arbeit als Berufs- und Studienberater gearbeitet. Dort hat er unter anderem die Arbeitsmärkte für Akademiker analysiert. Sigmar Gleiser ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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