Seit 1951 nur ein Stück verpasst

Festspielfotograf Eberhard Heinemann: Nur die Titanic sank ohne ihn

Fotografieren ist seine Leidenschaft: Eberhard Heinemann hat seit den Anfängen der Bad Hersfelder Festspiele 1951 jede Aufführung fotografiert – bis auf Titanic. Foto:  Thonicke

Rotenburg/Bad Hersfeld.  Von den ersten Bad Hersfelder Festspielen 1951 bis heute hat Eberhard Heinemann  kaum ein Stück verpasst.

Er erlebte den Jubel um die Stars der ersten Stunde in der Stiftsruine, Attila Hörbiger in der Titelrolle und Lil Dagover als „Schönheit“ im „Großen Salzburger Welttheater, 1966 Theo Lingen als Malvolio, 1982 Mario Adorf als Othello und 1999 Helen Schneider als Evita. Nur das Musical Titanic im vergangenen Jahr hat Heinemann nicht gesehen.

Der 90-Jährige war nicht nur Zuschauer, sondern hat die Festspiele stets mit der Kamera begleitet, bei Proben ebenso fotografiert wie bei der Verleihung der Festspielpreise. Zunächst war das für den Journalisten, der bei der HNA in Kassel tätig war, ein Hobby. Später erschienen die Fotos auch in der Zeitung. Seinen Urlaub nutzte er, um die Festspiele zu erleben und abzulichten.

Von all den bekannten Schauspielern und Regisseuren erinnert er sich besonders gerne an Volker Lechtenbrink, der über Jahrzehnte zum Stammensemble gehörte. Kleists Prinz Friedrich von Homburg (1972) sei ihm geradezu auf den Leib geschrieben, aber auch als alter Faust hat der Schauspieler den Festspielkenner überzeugt.

Unvergessen ist ihm Käthe Gold. „Sie spielte die blutjunge Ophelia im Hamlet so überzeugend, dass man glaubte, sie sei wirklich noch ein Backfisch“, erzählt Heinemann. Das war 1955. Käthe Gold war damals 50 Jahre alt.

Eine neue „Alte Dame“

Nicht immer lief alles glatt. So brach Heidemarie Hatheyer 1987 in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ kurz vor der Premiere auf der Bühne zusammen. Die Schauspielerin Eva Kotthaus hatte die Rolle selbst schon gespielt und war eigentlich als Zuschauerin nach Bad Hersfeld gekommen, ließ sich aber überreden, einzuspringen. Damit rettete Kotthaus die Premiere. Über einen winzigen Lautsprecher im Ohr sollte sie Anweisungen der Regie erhalten, denn sie kannte ja die Inszenierung gar nicht. Erst nach dem vierten Szenenwechsel und dem vierten Nachjustieren funktionierte das Ganze, das Publikum aber bekam nichts davon mit.

Heinemann hatte die Fotos schon vor der Premiere im Kasten gehabt. Da nun aber eine andere „alte Dame“ auf der Bühne stand, musste er zur Premiere noch einmal ganz kurzfristig von Kassel aus nach Bad Hersfeld fahren, damit in der Zeitung ein Foto der richtigen Schauspielerin erscheinen konnte. In der Kasseler Redaktion war er der „Mister Festspiele“.

Schau dich an, Eva Duarte: Evita (Helen Schneider) und Ché (Ole Solomon Junge) in dem Musical „Evita“ zum Auftakt der Hersfelder Festspiele 1999. Foto: Eberhard Heinemann

14 Intendanten hat Heinemann bisher erlebt, der 13. war Dieter Wedel. „Vielleicht ist die 13 wirklich eine Unglückszahl“, überlegt er mit Blick auf die Vorwürfe sexueller Belästigung und Wedels Rücktritt. Gar nicht erst angetreten war 1998 Peter Pietzsch als designierter Intendant – ihn hatten Journalisten gefragt, ob er es richtig fände, dass der Bürgermeister die Stücke und Schauspieler auswähle. Daraufhin habe Pietzsch abgesagt und Peter Lotschak sei eingesprungen. Dieser war der einzige Intendant, zu dem er ein persönliches Verhältnis hatte, erinnert sich der Rotenburger.

Kein Blitz erwünscht

Als Fotograf hatte er selten Probleme mit Schauspielern. Eine Ausnahme war O. E. Hasse, der 1969 den Cäsar in Shaws Stück spielte. Als er Heinemann sah – mit einem Akku so groß wie eine Zigarrenkiste über die linke Schulter gehängt und in der rechten Hand die Kamera mit Blitzreflektor, der den Durchmesser eines Fußballs hatte – warnte der Schauspieler: „Ein Blitz und ich bin von der Bühne.“ Das Resultat war, dass Heinemann viele Fotos von Cleopatra (Violetta Ferrari) hatte, nicht aber von Cäsar.

In diesem Jahr ist Heinemann 90 Jahre alt geworden und nicht mehr gut zu Fuß. Er hofft, noch einmal alle Stücke sehen zu können – vielleicht auch das Musical Titanic.

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