„Der Echoraum ist gefährlich“

Thorsten Nindel ist der Paparazzo im Festspiel-Stück "Der Prozess"

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Die andere Perspektive: Thorsten Nindel spielt im „Prozess“ den Fotografen Titorelli und kann dabei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Das komplette Bild sehen Sie, wenn Sie auf das Kreuzchen oben rechts klicken.

Die Rolle, die Thorsten Nindel bei den Bad Hersfelder Festspielen in „Der Prozess“ spielt, die kennt er zur Genüge – allerdings aus der entgegengesetzten Perspektive.

In der Stiftsruine tobt der 55-Jährige in Joern Hinkels Kafka-Inszenierung mit Basecap auf dem Kopf und umgehängter Kamera vor der Brust um Hauptdarsteller Ronny Miersch herum, verfolgt die Figur des Josef K. bis ins Schlafzimmer, um sie für ein Zeitungsfoto abzuschießen.

Ist dieser Titorelli im Roman ein Maler, so lässt ihn Hinkel auf der Bühne ganz heutig auftreten: als Paparazzo, als Fotograf für ein Revolverblättchen. „Damit habe ich mich erst etwas schwergetan“, gesteht Nindel, weil ihm die konkrete Anlage der Rolle nur geringen Spielraum zu bieten schien.

Doch seine eigenen Erfahrungen mit dem Boulevard haben ihm schließlich eine Annäherung ermöglicht, die bis heute in fast überschäumende Begeisterung für Rolle, Stück und Inszenierung mündet.

Denn Nindel ist selbst in jenen Zwiespalt geraten, dem nahezu jeder prominente Künstler ausgesetzt ist. Nindel war der „Zorro“ in der Lindenstraße, spielte Hauptrollen im Tatort, im Polizeiruf 110, in der Serie „Rote Rosen“ und anderen TV-Produktionen mehr. Nindel war ein Fernsehgesicht, hatte auf Facebook und Instagram Fan-Seiten mit zahllosen Zugriffen und war natürlich für die bunten Blätter ein Gegenstand größten Interesses.

„Ich habe das nie gesucht“, beteuert er, „aber es ist mir begegnet.“ Auch wenn ihm „Tempo“, „Spiegel“ oder „Stern“ lieber gewesen wären, so war er auch für die vermeintliche Zuwendung der Zeitungen mit den großen Buchstaben oder der Postillen aus dem Friseursalon durchaus empfänglich. „Aber es ist ein Spiel“, weiß er heute, „denn diese Schmeichelei gibt es nicht umsonst.“ Denn auch für Thorsten Nindel lief nicht immer alles glatt. Krankheit, Trennung, Krise – auch darüber wurde natürlich berichtet und natürlich nicht immer so, wie es der Betroffene – wenn darüber schon zu lesen sein musste – gerne gehabt hätte.

Nindel ist also ein gebranntes Kind, kann den Titorelli authentisch spielen und trägt so seinen Teil zur Intensität und zum Erfolg der „Prozess“-Aufführungen bei, die Abend für Abend mit stehenden Ovationen gefeiert werden.

Privat sieht er die sozialen Netzwerke mit Sorgen, ist dort selbst nicht unterwegs. Auch seine Fan-Seite auf Facebook schlummert vor sich hin, der letzte Eintrag datiert vom Oktober vergangenen Jahres. Nindel entzieht sich, kann auch die Geschwätzigkeit vieler WhatsApp-Gruppen nicht ertragen.

Zudem hat er als Wahl-Münchner vor drei Jahren miterlebt, wie ungefilterte Panik-Meldungen nach dem Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum die ganze Stadt stundenlang in eine groteske Terror-Hysterie versetzt haben.

„Damals habe ich zum ersten Mal den Begriff Echoraum wahrgenommen, eine ganz gefährliche Vokabel.“ Die Menschen machten sich über die Quellen der konsumierten Nachrichten keine Gedanken mehr, sagt Nindel, verhielten sich aber so, als sei alles für bare Münze zu nehmen. „Dabei ist eine vertrauenswürdige Selektion notwendig“, redet er seriösem Journalismus das Wort.

Titorelli kennt diese Bedenken nicht. Und so lässt Thorsten Nindel die Zuschauer im „Prozess“ jeden Abend in den Spiegel schauen. (ks)

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