Interview

Festspiel-Intendant Joern Hinkel: „Bildung steckt in der Sackgasse“

Die Proben zu den 70. Bad Hersfelder Festspielen laufen durch die Corona-Pandemie nicht wie gewohnt ab. Die Teams in der Stiftsruine werden täglich getestet, berichtet Intendant Joern Hinkel.
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Es gibt trotzdem kein Murren und Knurren: Die Proben zu den 70. Bad Hersfelder Festspielen laufen durch die Corona-Pandemie nicht wie gewohnt ab. Die Teams in der Stiftsruine werden täglich getestet, berichtet Intendant Joern Hinkel.

Rund um die Stiftsruine wird für die 70. Bad Hersfelder Festspiele geprobt. Wir haben mit Intendant Joern Hinkel über Corona-Probleme und den „Club der toten Dichter“ gesprochen.

Herr Hinkel, wie laufen die Proben unter Corona-Bedingungen?
Die Probenbedingungen sind teilweise schon anders als sonst: Wir tragen in den Proben-Räumen Masken und achten auf Abstände. Aber daran sind die meisten Schauspieler schon gewöhnt, weil viele schon unter diesen Bedingungen gespielt oder gedreht haben. Wir werden engmaschig getestet, die Teams, die in der Stiftsruine proben, sogar täglich. Das nimmt natürlich viel Zeit in Anspruch. Es ist eine Belastung, aber das ist ja momentan in allen Bereichen des Lebens so. Glücklicherweise hatten wir bislang keine Krankheitsfälle.
Die Schauspieler müssen auch außerhalb der Proben Kontakte vermeiden, sie dürfen zum Beispiel nicht nach Hause fahren. Wie kommt das an?
Da gibt es kein Murren und Knurren, denn alle sind dankbar, dass sie überhaupt arbeiten können. Einschränkungen sind wir ja alle gewohnt. Aber immerhin können wir jetzt endlich wieder den Beruf ausüben, den wir alle so sehr lieben.
Auch für die Zuschauer gelten strenge Vorsichtsmaßnahmen. Befürchten Sie nicht lange Staus beim Einlass?
Nein. Wir reagieren immer tagesaktuell auf die neuesten Vorgaben. Ich hoffe weiterhin, dass sich die Corona-Lage im Laufe der Spielzeit weiter verbessert. Wer frisch getestet oder durchgeimpft ist, bekommt nach Vorzeigen der Nachweise Zutritt zur Stiftsruine. Bei den Tests ist die Stadt bestens gewappnet, denn es gibt ja zahlreiche Teststationen. Alle, die eine Karte haben, werden außerdem im Vorfeld aktuell über die Vorsichtsmaßnahmen per Mail informiert.
Zurzeit laufen die Vertragsverhandlungen mit der Stadt. Wir hören von gewissen Vorgaben der Politik. Wie kompromissbereit sind Sie in Bezug auf die künstlerische Freiheit?
Die Gedanken sind frei. Man kann immer miteinander reden. Ich höre mir sehr gern Meinungen und Ratschläge an, aber ich bin derjenige, der entscheidet – und zwar einzig und allein. Ich lasse mir auf keinen Fall in künstlerische Entscheidungen reinreden oder sie mir gar diktieren.
Was ist an den Gerüchten dran, dass Dieter Wedel als Regisseur in die Ruine zurückkehren könnte?
Solange das Verfahren gegen Dieter Wedel läuft und die Vorwürfe nicht ausgeräumt sind, ist das kein Thema. Das haben wir immer so gesagt, und daran hat sich auch nichts geändert.
Reden wir über den Spielplan: In diesem Jahr gibt es drei zeitgenössische Stücke, die vor allem auch als Film bekannt sind. Was ist mit den Klassikern? Kommen die wieder?
Die Möglichkeit, in einer Saison eine Uraufführung und europäische Erstaufführung auf die Bühne der Bad Hersfelder Stiftsruine bringen zu können, bietet sich nicht alle Tage. Doch es kommt einiges von Shakespeare im „Club der toten Dichter“ vor, und im Musical geht es um Goethe. Wir verneigen uns also vor zwei sogenannten Klassikern, aber natürlich werden wir uns in Zukunft auch wieder mit klassischen Stücken beschäftigen. Mit welchen, wird noch nicht verraten.
Wir haben uns an den Roten Teppich und an eine glanzvolle Premierenparty gewöhnt. All das gibt es in diesem Jahr nicht. Wie wird der Festspiel-Auftakt diesmal sein?
Der Festakt wird nicht länger als eine halbe Stunde dauern und ohne Pause in die Europäische Uraufführung von „Der Club der toten Dichter“ übergehen. Nach einer langen Zeit des Verzichts für alle sind wir glücklich und voller Vorfreude darauf, dass wir überhaupt spielen können.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den „Club der toten Dichter“, der für unsere Generation als Film sehr präsent und auch prägend war, auf die Bühne zu bringen?
Auf die Idee hat mich Franziska Reichenbacher gebracht. Ich selbst hatte tatsächlich über den Stoff auch schon lange nachgedacht. Meine Mitarbeiter haben sich dann quer durch die USA telefoniert, um die Rechtefragen zu klären und den Kontakt zum Drehbuchautor und Oscar-Preisträger Tom Schulmann herzustellen.
So ein Oscar-prämierter Autor steht sicher nicht im Telefonbuch. Wie kommt man da ran?
Das verdanke ich der Ausdauer und dem Verhandlungsgeschick meiner Mitarbeiter. Nach Dutzenden vorangegangener Telefonate hat sich Tom Schulmann dann schließlich bei mir gemeldet. Er ist ein unglaublich freundlicher Mann, zu dem ich sofort einen guten Draht hatte. Wir haben uns die unterschiedlichen Fassungen hin- und hergeschickt und uns auch sehr offen über den Stoff ausgetauscht. Zum Beispiel über die Frage, was eigentlich mit der Freundin von Lehrer Keating ist, die ja in London geblieben ist. Für Keating gab es übrigens reale Vorbilder für Tom Schulmann, der in dem Stück seine eigene Schulzeit verarbeitet hat.
Was haben Sie im Vergleich zum Film verändert?
Die Länge des Bühnenstücks ist mit 120 Minuten ungefähr gleich. Das Drehbuch ist wesentlich länger als der Film, in dem viele Szenen improvisiert wurden. Wir haben uns bei beidem bedient. Wichtig war mir, dass die jungen Leute authentisch und glaubhaft sind.
Wie funktioniert das Zusammenspiel des sehr jungen Ensembles mit erfahrenen, bekannten Schauspielern, wie Götz Schubert, Hannes Hellmann oder Thorsten Nindel?
Ich habe den Eindruck, dass die Jungen von den Älteren lernen und umgekehrt. Die jüngeren Schauspieler haben andere Einstellungen zur Darstellung politischer Themenkomplexe, sind bei manchen Themen alarmierter, die mir selbst und der Generation, die die Lehrer und Eltern darstellen, vielleicht nicht so präsent sind. Beide Seiten gehen sehr offen miteinander um.
Das Motto von Lehrer Keating ist „Carpe Diem“ – nutze den Tag. Das scheint nach den harten Corona-Monaten aktueller denn je zu sein?
Ja, das stimmt. So schwierig die äußeren Umstände sind, geht es aber auch immer um die innere Haltung. Damals waren auch keine leichten Zeiten. 1959 stand Amerika noch unter dem Eindruck des Koreakrieges, der Vietnamkrieg stand kurz bevor. Sie befanden sich mitten im Kalten Krieg. Die Gefahr eines Atomschlags war allgegenwärtig.
Robin Williams ist in der Rolle des stets etwas verschmitzten Keating unvergessen. Als ich hörte, dass Götz Schubert die Rolle spielt, habe ich mich gefragt, ob das passt. Er ist ja ein ganz anderer Typ?
Götz Schubert verfügt selbstverständlich über eine vollkommen andere Persönlichkeit. Ich war nie daran interessiert, eine möglichst exakte Kopie der Vorlage zu liefern, denn das finde ich langweilig. Wie sich Götz Schubert die Rolle aneignet, ist außergewöhnlich spannend. „Sein“ Keating ist sehr vielschichtig, hat viele Ecken und Kanten.
Als ich 1989 den Film sah, habe ich gedacht, so einen Lehrer wie Keating hätte ich auch gern gehabt, denn die „toten Dichter“ haben mich in der Schule überhaupt nicht interessiert. Richten Sie das Stück also an jüngere Zuschauer, um ihnen zu zeigen, dass die toten Dichter uns auch heute noch etwas zu sagen haben?
Ich wende mich in diesem Stück an die vielen Jugendlichen, die die Welt in großen Teilen nur noch digital wahrnehmen und zuweilen denken, Kühe sind lila. Und ich richte das Stück auch an diejenigen, die unsere Nachkommen unterrichten. Wir haben teilweise immer noch ein sehr veraltetes Schulsystem, das stupide Wissen eintrichtert, ohne kreatives, eigenständiges Denken zu fördern.
Sie sind offenbar kein Fan unseres Schulsystems?
Es gibt wie überall auch vorbildliche Ausnahmen. Wir stecken bei der Bildung dennoch in einer Sackgasse. Das finde ich alarmierend. 45-minütige Schulstunden und viel zu wenig fächerübergreifendes Unterrichten passen einfach nicht zu meinem Verständnis von Bildung, die ja eigentlich Zusammenhänge vermitteln, Dinge hinterfragen und Kreativität wecken soll. Die junge Generation ist auf Fantasie angewiesen, anstatt nachzubeten, was ihnen die ältere Generation einbläut. Denn was uns diese Generation eingebrockt hat, sieht man ja gerade jetzt. Und es ist auch eine politische Frage. Denn unsere Demokratie funktioniert nur, wenn die Wähler über genügend Bildung und die Fähigkeit verfügen, Sachverhalte zu hinterfragen, nicht alles zu glauben, was man ihnen weismacht, um zu verstehen, wen sie da eigentlich wählen. Ein Diktator profitiert immer vom geringen Bildungsstandart seiner Untertanen.
Gehen da die jungen Schauspieler mit?
Die junge Generation der Schauspieler stellt manche Methode und Herangehensweise infrage. Damit muss man sich auseinandersetzen, auch wenn ich gestehe, dass wir da nicht immer einer Meinung sind. Es ist ein dauernder Lernprozess für beide Seiten.
Wird Ihre Botschaft in den Schulen erhört werden?
Ich habe den Eindruck, dass es Lehrer gibt, die unglücklich sind, aus dem vorgegebenen Lehrplan ausbrechen und etwas anderes vermitteln wollen. Ich bin gespannt auf die Diskussion mit Lehrern und Schulen.
Und wie ist das eigentlich bei Ihnen: Lassen Sie sich von Ihren Schauspielern auch als „Captain, my Captain“ anreden?
(lacht) Selbstverständlich. Darunter erscheine ich gar nicht zu der Probe.

Zur Person

Joern Hinkel (50) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Er inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. Hinkel ist Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit 2018 ist er Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Hier inszenierte er die „Sommernachtsträumereien“, Otfried Preusslers „Krabat“, die Komödie „Indien“ am Eichhof und Kafkas „Der Prozess“. Joern Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Berlin und Bad Hersfeld. (Kai A. Struthoff)

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