Interview mit dem Wedel-Nachfolger

Festspiel-Intendant Joern Hinkel: „Auf das Innendrin kommt es an“

Der Mann am Klavier: Joern Hinkel, der neue Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, in seinem Büro. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. In seinem Büro in der Intendanz neben der Stiftsruine steht jetzt ein Klavier und auch sonst schlägt der neue Intendant der Bad Hersfelder Festspiele Joern Hinkel andere Töne an als seine Vorgänger.

Über die bevorstehende Spielzeit sprachen mit ihm Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff.

Herr Hinkel, seit Anfang des Jahres sind Sie jetzt Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Das kam ja eher überraschend. Sind Sie inzwischen in diese Rolle reingewachsen?

Joern Hinkel (lacht): Man muss in diese Rolle reinwachsen. Denn man wird ja nicht als Intendant geboren. Natürlich hatte ich mit den Aufgaben eines Intendanten schon lange zu tun. Die Arbeit ist mir also nicht fremd. Aber es ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, ob man berät und seine Meinung sagt oder Entscheidungen selber trifft.

Sie haben viele Jahre eng mit Dieter Wedel zusammengearbeitet. Haben Sie das Unheil kommen sehen oder wurden Sie davon überrascht, was im Zuge der #Metoo-Debatte passiert ist?

Hinkel: Es hat mich völlig überrascht. Damit hätte ich nie, nie gerechnet. Da hatten wir gerade ein Stück namens Hexenjagd gemacht, und plötzlich gerät einer in den Fokus von Verdächtigungen und Ermittlungen. Uns alle hat das aus heiterem Himmel getroffen.

Sie haben entschieden, das Karlos-Komplott, das Dieter Wedel inszenieren wollte, vom Spielplan zu nehmen und statt dessen Ibsens „Peer Gynt“ zu spielen. Ist das eine Notlösung?

Hinkel: Im Gegenteil: Dieses Stück ist großes Welttheater, und wir hatten gemeinsam schon länger darüber nachgedacht, es auf die Bühne zu bringen. Das Stück ist dem „Faust“ verwandt, und es passt mit dem großen Panorama, das es aufschlägt, genau in die Stiftsruine.

Sie haben wieder viele prominente Schauspieler im Ensemble. Ist das ein Zeichen der Solidarität mit den Festspielen oder mit dem Intendanten?

Hinkel: (schmunzelt)Beides. Viele dieser Schauspieler kenne auch ich schon sehr lange. Natürlich hatten wir viele Darsteller schon engagiert, als Dieter Wedel noch Intendant war. Das ist ja kein Geheimnis. Und ich finde, ein Wort, das der Intendant gibt – wer immer das ist – muss gehalten werden.

Vor einigen Tagen wurde die Studie zur Umwegrentabilität vorgestellt mit dem Ergebnis, dass die Wertschöpfung der Festspiele für die Stadt und die Region etwa dreimal so hoch ist wie der städtische Zuschuss. Ist das ein Freibrief zum Noch-mehr-Geld-ausgeben?

Hinkel: Weder meine Vorgänger noch ich waren oder sind jemals in der Lage, Geld auszugeben, wie sie wollen. Das wäre auch unverantwortlich. Wir wollen natürlich auf jeden Fall im Etat bleiben. Aber wir müssen auch das Geld ausgeben, was wir brauchen, um auf der Bühne das bestmögliche Resultat zu erzielen. Im Gegenteil hielte ich es für wünschenswert, wenn sich die Umwegrendite für die Stadt noch vergrößert.

Für den Hessentag 2019 sind Sie dabei, ein Stück über den Hersfelder Stadtretter Lingg von Linggenfeld auf die Bühne zu bringen. Ein solches Stück gibt es aber noch gar nicht. Wo kommt es her?

Hinkel: Autoren, Komponisten und Regisseure werden dieses Stück entwickeln. Wer das ist, weiß ich noch nicht, aber ich führe dazu schon viele Gespräche. Es gibt ja schon einen alten Film mit herrlichen Szenen aus dem alten Hersfeld, der durchaus als Inspiration dient.

Ihnen liegt auch die Oper sehr am Herzen. Haben Sie dafür auch schon Ideen entwickeln können?

Hinkel: Ich halte die Stiftsruine für einen wunderbaren Ort, um darin Oper zu machen. Aber es spielen viele Faktoren eine Rolle: Größe des Orchesters, Regenschutz für die Musiker und mehr ... Außerdem finde ich, dass die Oper im Spielplan integriert und nicht hintendran gehängt werden soll. Oper ist natürlich – bedingt durch die Zahl der Mitwirkenden – besonders teuer. Deshalb glaube ich, dass wir auf die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen angewiesen sind. Ich habe Opernregie studiert und würde mich wahnsinnig freuen, wenn wir bald wieder eine Oper im Programm hätten. Allerdings müssen die Inszenierungen eine Qualität haben, die der des Schauspiels und des Musicals entspricht. Wo Festspiele draufsteht, müssen auch Festspiele drin sein.

Gibt es etwas, was Sie als neuer Intendant explizit anders machen wollen als Ihr Vorgänger Dieter Wedel?

Hinkel: Nein, obwohl wir etwas andere Interessengebiete haben. Ich halte es für richtig, alles dafür zu tun, dass möglichst viele Menschen nach Bad Hersfeld kommen, um die Festspiele zu sehen. Denn mit den Hersfelder Besuchern allein können wir die Ruine leider nicht füllen. Das Lingg-Projekt könnte vielleicht dabei helfen, noch mehr Hersfelder-Bürger anzusprechen.

Es bleibt also beim Roten Teppich und dem Event-Charakter, den ja auch manch einer kritisiert hat?

Hinkel: ... aber auch hunderte begeisterte Hersfelder und viele Medien anlockt ... Ich verstehe nicht ganz, was daran verwerflich sein sollte. Theater war immer ein gesellschaftliches Ereignis mit Glamour und Prominenten. Wenn wir hier Volkstheater für alle machen wollen, dürfen wir auch keinen ausschließen. Mein Ideal ist tatsächlich Shakespeare: Theater, das alle anspricht, das alle verstehen. Natürlich darf das „Außendrum“ nicht wichtiger sein als das „Innendrin“.

Zur Person

Joern Hinkel (47) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Er inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. Hinkel ist Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit dem Jahr 2000 arbeitete Joern Hinkel mit Regisseur Dieter Wedel zusammen, setzte aber auch eigene Theater- und Filmprojekte um. Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Berlin und Bad Hersfeld und hat seine Hobbies – Theater, Literatur und Musik – zum Beruf gemacht. (kai)

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