Anlaufstelle ist geschlossen - aber niemand muss hungern

Beratung am Fenster: So erleben Wohnungslose in Bad Hersfeld die Corona-Krise

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Notunterkunft Wassermannseck: Klaus mit seinem Hund Schnecke (von links), Thorsten Helker, Hardy Eigler und Kevin Drosten sind froh, hier in Corona-Zeiten eine Bleibe zu haben und sich auch im Freien aufhalten zu können. 

Die Fachberatungsstelle und der Tagesaufenthalt für Wohnungs- und Obdachlose in Bad Hersfeld ist seit März geschlossen. Versorgt werden die regelmäßigen Gäste dort aber trotzdem.

Die Verunsicherung ist groß. Wie bleibt man daheim, wenn man kein Zuhause hat? Diese Frage stellt sich auch für die Wohnungslosen, die sonst regelmäßig zu Gast sind in der Fachberatungsstelle und dem Tagesaufenthalt für Wohnungs- und Obdachlose in Bad Hersfeld.

Dort ist seit Mitte März geschlossen. Als Treffpunkt stehen die Räume in der Dudenstraße derzeit nicht zur Verfügung. Gespräche und Beratung sind aber trotzdem möglich, versichert Martina Drewes, die sich seit Jahren schon um die Anliegen der Wohnungslosen kümmert. Diese Gespräche fänden aber mit dem nötigen Abstand durchs offene Fenster statt.

Auch Lebensmittelpäckchen können sich die Kunden der Beratungsstelle dort abholen. Martina Drewes fährt regelmäßig zu einem Supermarkt und holt dort Lebensmittel ab, die nicht mehr verkauft werden können, aber trotzdem noch gut sind. Und sie freut sich über viele private Lebensmittelspenden für ihre Klientel. „Hunger leiden muss bei uns niemand“, sagt sie und lacht.

Die Sozialkontakte fehlen

Einmal in der Woche bringt sie auch ein selbstgekochtes Essen in die Bad Hersfelder Notunterkunft Wassermannseck. Die ist, so lobt sie, inzwischen von der Stadt hergerichtet und in einem guten Zustand. Vor allem aber ist sie in Zeiten von Corona voll belegt. „Wir haben sehr viel Nachfrage nach Unterkünften“, berichtet Drewes. Doch ihres Wissens nach sind alle Einrichtungen voll. Zumindest ein Zuhause auf Zeit haben also die meisten Wohnungslosen. Menschen auf der Durchreise, die klassischen „Berber“, seien dagegen zurzeit kaum unterwegs. „Alle, die ein Dach über dem Kopf haben wollen, haben wir bisher versorgen können“, sagt Drewes.

Doch mit der Unterkunft alleine ist es nicht getan. „Die Menschen dort haben alle sehr viel Angst“, hat sie festgestellt. Das Schlimmste seien die fehlenden Sozialkontakte. Die regelmäßigen Treffen und Gespräche im Tagesaufenthalt würden sehr vermisst. Wenn sie also Essen – neben der warmen Mahlzeit und den Lebensmittelpaketen gibt es einmal in der Woche auch ein schönes Frühstück – zum Wassermannseck liefert, muss sie auch viel Zeit mitbringen. Der Gesprächsbedarf ist groß.

Schrittweise soll deshalb die Beratungsstelle in der nächsten Woche wieder öffnen, nicht als Treffpunkt, aber für Einzelgespräche. Für die Beratungen müssen deshalb auch Termine vereinbart werden. Dann können auch Waschmaschine und Dusche wieder genutzt werden. Schon jetzt, so Drewes, „werfen wir mal eine Maschine an, wenn uns jemand schmutzige Kleidung durchs Fenster reicht.“

Wann genau es in der Beratungsstelle wieder losgeht, kann Martina Drewes allerdings nicht sagen. „Wir müssen erst einmal ein Hygienekonzept entwickeln“, erklärt sie.

Dankbar für die Unterstützung

Zehn Männer leben zurzeit in der Notunterkunft Wassermannseck in Bad Hersfeld. Die meisten leben schon länger dort, doch zwei von ihnen sind erst kürzlich dazugekommen, weil sie in der Corona-Krise Zuflucht suchten. „Wir können froh sein, dass wir das hier haben und hier auch keinen Lagerkoller kriegen“, sagt Kevin Drosten. Er ist gerade 23 Jahre alt geworden und der jüngste Bewohner der Unterkunft. „Man ist hier nicht allein und hat Freiraum und Auslauf“, beschreibt er weitere Vorteile. 

Nach und nach kommen weitere Bewohner nach draußen in die Sonne. „Wir werden hier super versorgt“, lobt Thorsten Helker die engagierten Mitarbeiter der Diakonie. Tafel und Beratungsstelle bringen regelmäßig Lebensmittel. „Der Kühlschrank ist voll“, bestätigt Klaus, der sich ausdrücklich bedanken möchte für diese Unterstützung. Die anderen stimmen ihm zu. Dankbar sind sie auch, dass es nun in der Unterkunft eine Küche, einen Gemeinschaftsraum, Fernseher, Waschmaschine und Trockner und vor allem eine Heizung gibt. „Wenn die jetzt noch so eingestellt werden könnte, dass sie nicht um 18 Uhr ausgeht, wäre das wirklich super“, sagt Kevin. Er ist jedoch zuversichtlich, dass der Hausmeister, der regelmäßig nach dem Rechten sieht, das noch hinbekommt. 

Ebenso wie W-Lan für die Unterkunft. Denn gerade in Zeiten von Corona sind die Männer froh über jede Ablenkung und jede Kontaktmöglichkeit. „Ich kann nur telefonieren, wenn ich mich aus dem Fenster lehne“, erläutert Hardy. Was die Männer sich jedoch am allermeisten wünschen, das ist eine eigene Wohnung. „Das war aber schon vor Corona schwierig“, sagt Thorsten. Klaus hofft auf das neue Projekt auf dem Wever-Gelände. „Da sollten wir am besten gleich einen Antrag stellen“, meint er. (zac)

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