Ein anderer Sommer

Eindrücke aus dem All: Astronaut Thomas Reiter in der Stiftsruine

Schilderte seine Erlebnisse im All: Astronaut Thomas Reiter (links) wurde von Festspiel-Intendant Joern Hinkel interviewt. Theremin-Spielerin Carolina Eyck schuf mit ihrem elektronischen Instrument eine sphärische Klangwelt.
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Schilderte seine Erlebnisse im All: Astronaut Thomas Reiter (links) wurde von Festspiel-Intendant Joern Hinkel interviewt. Theremin-Spielerin Carolina Eyck schuf mit ihrem elektronischen Instrument eine sphärische Klangwelt.

Mit einer Reise zu den Sternen, Texten von Jules Verne und dem Astronauten Thomas Reiter startete in der Stiftsruine die zweite Runde des Festivals „Ein anderer Sommer“.

Reiter, der während zwei Missionen zu den Raumstationen MIR und ISS insgesamt 350 Tage, fünf Stunden und 45 Minuten im All verbracht hat, ist der erste deutsche Astronaut, der einen Außenbordeinsatz absolviert hat. Im Gespräch mit Intendant Joern Hinkel am Freitagabend ist die Begeisterung des mittlerweile 62-Jährigen für die Luft- und Raumfahrt spürbar, wenn er seine überwältigenden Eindrücke als Raumfahrer schildert. „Der Blick aus dem All auf die Erde wird nie langweilig“ schwärmte Reiter, der im Orbit alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang erleben konnte. „Sieht man aus dem All Europa plötzlich als Ganzes, verändert das die Perspektive“, berichtete der Astronaut: „Aus 400 Kilometern Höhe lesen sich Nachrichten ganz anders“.

Sehr anschaulich beschrieb er den Raketenstart, von dessen infernalischem Lärm in der Raumkapsel außer dem Pfeifen der Treibstoffpumpen kaum etwas zu hören sei, die enormen Beschleunigungskräfte, die beim Start auf die Astronauten wirken oder den plötzlichen Eintritt der Schwerelosigkeit nach dem Absprengen der letzten Raketenstufe. An Bord einer Raumstation ist viel Improvisationstalent gefragt, weiß Reiter, der sowohl die sowjetische MIR als auch die ISS aus eigener Erfahrung kennt. So habe er beispielsweise einmal ein Gerät zur Gasanalyse mit einer Gitarrensaite repariert.

Von Joern Hinkel zu den Romanen Jules Vernes befragt, musste Reiter allerdings passen. Zwar sei ihm der Autor durchaus ein Begriff, gelesen habe er von diesem hingegen nichts. Über manche Details aus Vernes „Reisen zum Mond“ konnte der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur nur schmunzeln. So sei es beispielsweise unmöglich, eine Kapsel wie in der Romanvorlage mit einer 270 Meter langen Kanone auf die zum Verlassen des Gravitationsfelds der Erde notwendige Geschwindigkeit von 11,2 Kilometern pro Sekunde zu beschleunigen, ohne dass die Insassen von den auftretenden g-Kräften zerquetscht würden.

Auszüge aus Jules Vernes vor mehr als 150 Jahren erschienenen Romanen „Paris im 20. Jahrhundert“, „Von der Erde zum Mond“, „Reise um den Mond“ sowie der Erzählung „Ein Drama in den Lüften“ hatte Intendant Joern Hinkel zu einer Geschichte verwoben und daraus eine szenische Lesung gestaltet, die zwischen den Interviewblöcken den roten Faden des Abends bildete.

André Hennicke, Ute Reiber, Peter Englert, Carsten Hentrich, Dirk Hoener und Nico Otto lasen die Rollen der einzelnen Protagonisten, während Hersfeldpreisträger Günter Alt sehr lebendig und akzentuiert den Part des Erzählers vortrug. Ergänzt wurde die Lesung durch live vom Theater Anu in einer „Greenbox“ erzeugten, den Text ergänzenden scherenschnittartigen Projektionen an die Unterseite des Zeltdachs.

Hier wurde allerdings die Chance verpasst, mit den heute dank des Hubble-Teleskops zur Verfügung stehenden atemberaubenden Aufnahmen ferner Galaxien, interstellarer Nebel oder Supernova das Faszinosum der unendlichen Weiten, „die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat“, zu visualisieren. Auch Reiters Eindrücke beim Anblick der verletzlichen, winzigen blauen Kugel vor der Unendlichkeit des lebensfeindlichen Weltalls hätten mit den entsprechenden Bildern aus der ISS nochmals an Tiefe gewonnen.

Carolina Eyck, eine der berühmtesten Theremin-Spielerinnen der Welt, schuf dazu mit ihrem elektronischen Instrument eine sphärische, an Walgesänge erinnernde Klangwelt, die kosmische Weite und Unendlichkeit erahnen ließ. tl

Weitere Fotos vom zweiten Wochenende gibt es hier: Fotostrecke: Ein anderer Sommer“ in Bad Hersfeld.

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