Montagsinterview

Pfarrer Wolfgang Kallies über den Reformprozess: „Die Kirche soll im Dorf bleiben“

Unterwegs im Weinberg des Herren und auf dem Acker seines Sohnes: Pfarrer Wolfgang Kallies beschäftigt sich nicht nur mit spirituellen Fragen, sondern packt auch ganz irdisch mit an. Dazu fährt er auch mit dem Unimog über die Felder rund um Niedergude.
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Unterwegs im Weinberg des Herren und auf dem Acker seines Sohnes: Pfarrer Wolfgang Kallies beschäftigt sich nicht nur mit spirituellen Fragen, sondern packt auch ganz irdisch mit an. Dazu fährt er auch mit dem Unimog über die Felder rund um Niedergude.

Pfarrer Wolfgang Kallies aus Alheim-Niedergude spricht im Montagsinterview über den Reformprozess der Evangelischen Kirche Kurhessen Walddeck.

Niedergude – Pfarrer Wolfgang Kallies aus Alheim-Niedergude war neun Jahre lang Geschäftsführer des Reformprozesses der Evangelischen Kirche Kurhessen Walddeck. Jetzt wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Über die Reform der Kirche sprach er mit Kai A. Struthoff.

Herr Pfarrer Kallies, ist das Wort Reform nicht in Wahrheit nur ein etwas freundlicherer Ausdruck für ein Sparprogramm?
Ja, schon, aber es war auch von Anfang an klar kommuniziert, dass Einsparungen von 25 Prozent ein Ziel des Prozesses sind. Es geht eben nicht nur um Geld, sondern auch um eine aufgabenkritische Reform unserer Kirche in ihrer ganzen Vielfalt. Es geht also nicht nur um Einsparungen, sondern auch um inhaltliche Überlegungen.
Welche sind das?
Hauptziel ist es, dass die Kirche dem Sprichwort gemäß im Dorf bleibt und damit nah bei den Menschen. Das ist ein hoher Anspruch, wenn man gleichzeitig 25 Prozent einsparen will, und zwar in allen kirchlichen Bereichen. Das bedeutet auch ein Viertel weniger Pfarrerinnen und Pfarrer für die geistliche und pastorale Versorgung der Menschen. Trotzdem hat sich der Betreuungsschlüssel von einer Pfarrperson pro 1700 Gemeindegliedern kaum verändert, weil die Zahl der Gemeindeglieder erheblich sinkt. Andererseits bräuchten wir deshalb eigentlich mehr Einsatz, um wieder mehr Menschen für die Kirchengemeinden zu gewinnen, weitere Kontaktflächen zu ermöglichen.
In größeren Städten mag der Betreuungsschlüssel aufgehen, aber hier im ländlichen Raum haben ganze Dörfer keinen Pfarrer mehr?
In unserer Landeskirche ist die Kirche dennoch weiterhin präsent, ja auch durch die Gebäude als Blickpunkte und Zeugnisse gelebten Glaubens. Eine Kategorisierung sorgt für den Erhalt von über 1000 Kirchen in ‘Dach und Fach’. Darauf müsste man noch stärker aufbauen, denn außer den Gottesdiensten und den Amtshandlungen findet in den Kirchengebäuden zu wenig geistliches Leben statt, von Ausnahmen abgesehen. Kooperationsräume wurden eingerichtet, die Absprachen ermöglichen, wie das gottesdienstliche Angebot breiter und nach den Gaben der jeweiligen Personen gestaltet werden kann.
Mit Verlaub, aber das klingt sehr akademisch.
Eine Idee dahinter ist, dass in jeder Region pro Sonntag reihum ein großer, besonderer Gottesdienst gefeiert wird. In kleineren Kirchen könnte es auch unter der Woche zu besonderen Zeiten kürzere Andachten geben, damit das geistliche Leben breiter Raum greifen kann. Der normale Gottesdienst kann nicht mehr jeden Sonntag in jeder Kirche angeboten werden – zur Wahrheit gehört aber auch, dass um 10 Uhr morgens auch nicht mehr überall sehr viele Gemeindeglieder gekommen sind.
Oft sind die Kirchen aber ganz zugeschlossen, wenn man sie besuchen will.
Viele Kirchenvorstände haben Sorge vor Vandalismus, obwohl die Erfahrung zeigt, dass sie unbegründet ist. Außerdem gilt eine Versicherung. Ein Programm ‘Offene Kirchen’ ist aufgelegt, damit man jederzeit zu persönlichem Gebet und Andacht in die Kirche gehen kann. Wir müssen weiter daran arbeiten, die Kirchen mehr zu öffnen und zugleich mit Leben zu füllen. Womöglich gibt es Ideen auch aus der Gemeinde heraus.
Was reizt einen Pfarrer, einen Seelsorger, daran, Geschäftsführer eines Einsparprogramms zu sein?
Hauptaufgabe eines Pfarrers ist es, das Evangelium zu verkünden. Jesus hat gesagt: Ihr seid das Licht der Welt und das Salz der Erde. Schon dadurch sind wir alle reich beschenkt – das spüre ich auch in mir. Gleichzeitig muss Kirche als Organisation und Institution mit schrumpfenden Mitteln verantwortlich haushalten. Wir leben von Steuergeldern – und sind dafür dankbar, aber die werden nun mal weniger. Unsere Mitarbeitenden wollen trotzdem fair entlohnt werden, und besondere Angebote und Dienstleistungen werden gern in Anspruch genommen. Das in Einklang zu bringen, hat mich gereizt. Dabei habe ich von meiner 26-jährigen Erfahrung als Gemeindepfarrer profitiert, um Wege zu finden, wie man in Teams und Kooperation die Arbeit noch besser organisieren kann.
Der Reformprozess ist noch nicht abgeschlossen, Sie aber haben die Geschäftsführung an eine Nachfolgerin abgegeben. Welche Ziele haben Sie erreicht?
Meine Aufgabe als Geschäftsführer war es, eine ganze Reihe von Beschlüssen in die Umsetzung zu bringen, die zuvor von einem Zukunfts- und Begleitausschuss erarbeitet worden waren und von der Landessynode verabschiedet wurden. Dabei geht es um 183 konkrete Beschlüsse, die auf der Homepage der Landeskirche zu finden sind. Beispielsweise die Einführung von Kooperationsräumen, die Errichtung von Assistenzstellen, feste Pfarrstellenbudgets für Kirchenkreise oder der Erhalt der Kirchen und die gemeinsame Personalentwicklungsplanung aller Mitarbeitenden.
Trotz bester Planung werden die Probleme, wird die Arbeit nicht weniger. Wie soll das mit weniger Personal bewältigt werden?
Ich glaube, wir sind in den vergangenen Jahren nicht ehrlich genug gewesen, was unsere Posterioritäten angeht, also was die Kirche nicht vorrangig leisten kann. Dazu gehört alles, was mit Politisierung und Marketing zu tun hat und deshalb nicht unbedingt Teil des geistigen Spektrums der Kirche sein muss.
In der Corona-Zeit war die Kirche sehr aktiv und auch sehr kreativ, aber auf die Mitgliederzahlen hat sich das nicht ausgewirkt?
Neue Gottesdienstformate sind gut angenommen worden, die Digitalisierung ist dadurch schneller in der Kirche angekommen. Persönliche Nähe und Kontakte kennzeichnen unseren christlichen Glaube, machen eine leibhaftige Religion aus. Genau das fehlt den Menschen. Wir sollten deshalb jetzt neue Kontaktflächen suchen – vor allem auch zu jungen Menschen – nicht nur digital als Seelsorger zu den Menschen gehen.
Warum wenden sich trotz aller Anstrengungen seit Jahren immer mehr Menschen von der Kirche ab?
Weil wir offenbar nicht die richtigen Antworten auf die existenziellen Fragen der Menschen haben. Es gibt den deutlichen Wunsch, mehr über die irdische Existenz und Transzendenz zu erfahren. Es gelingt uns nicht, jungen Menschen die zeitlose Botschaft des Lebens, Sterbens und Auferstehens, verkörpert durch Jesus Christus, nahe zu bringen. Wir müssen schlicht das Göttliche in die Kirche holen, in Feier, Gebet, Wort und Musik.
Sie selbst mussten gesundheitliche Schicksalsschläge hinnehmen. Zweifelt man da nicht an seinem Glauben?
In solchen Situationen spürt man das Getragen-Sein von Gott. „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Wenn man in solche Tiefen geführt wird, merkt man, dass man Kraft nicht speichern kann. Gott ist besonders nah bei einem in diesen ganz existenziellen Momenten. Häufig spürt man dies erst, wenn man selbst dieses tiefe Tal durchschreitet. Natürlich spürt man das Getragen-Sein durch die Familie und die Gebete von anderen Menschen. Sie sind einem in dieser Situation dann nah, ohne direkt bei einem zu sein.
Sie sind jetzt in den Ruhestand verabschiedet worden, aber Pfarrer bleibt man doch sein Leben lang?
Das stimmt und deshalb hoffe ich, dass ich auch noch einige meiner Erfahrungen weitergeben kann. Außerdem würde ich mich gern im kirchlichen Freizeit- und Reisebereich engagieren, um so Menschen zusammenzuführen, Gemeinschaft zu erleben. Natürlich hoffe ich, ab und an die aktiven Kollegen und Kolleginnen bei Gottesdiensten unterstützen zu können, und würde dabei aber auch gern über neue Gottesdienstformate und Zeiten nachdenken. Für mich galt in meinen Beruf immer, dass Liebe und Nähe zu den Menschen das wichtigste Werbemittel für die Kirche sind. Sich mit der ganzen Person den Menschen auszusetzen in Freud und Leid ist und bleibt etwas ganz Besonderes im Pfarrberuf, das einem auch sehr viel zurückgibt.

Zur Person

Pfarrer Wolfgang Kallies (65) wurde in Obergude geboren und hat in Rotenburg Abitur gemacht. Nach dem Studium der Theologie in Göttingen und Marburg hat Kallies sein Vikariat im Haselgrund absolviert. Von 1986 bis 2012 war er Pfarrer im Kirchenkreis Schlüchtern und dabei auch bereits in landeskirchliche Aufgaben eingebunden. Die letzten neun Jahre seines Berufslebens hat Kallies im Landeskirchenamt in Kassel gearbeitet und war dort Geschäftsführer für den Reformprozess der EKKW.

Kallies ist verheiratet. Mit seiner Frau Helga, einer Studienrätin, hat er vier Kinder und inzwischen drei Enkel. In seiner Freizeit ist er als Wanderer und Radfahrer aktiv und hilft seinem Sohn in der Landwirtschaft an seinem Wohnort in Niedergude. kai

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