Von einem, der auszog, Schauspieler zu werden

Wochendporträt: Heimspiel in der Stiftsruine für den Asbacher Simon Stache

Fast wie in seinem Wohnzimmer: Simon Stache in der Kulisse des „Club der toten Dichter“ in der Stiftsruine – dort wo einst alles begann.
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Fast wie in seinem Wohnzimmer: Simon Stache in der Kulisse des „Club der toten Dichter“ in der Stiftsruine – dort wo einst alles begann.

Der 30-jährige Simon Stache aus dem Bad Hersfelder Ortsteil Asbach steht am 1. Juli in der Premiere der Festspiel-Uraufführung „Der Club der toten Dichter“ auf der Bühne der Stiftsruine.

Bad Hersfeld – Heimspiele sind immer so eine Sache: Natürlich darf man auf Wohlwollen und Unterstützung der Zuschauer rechnen. Aber die Angehörigen, Freunde und Fans sind auch besonders kritisch. Denn sie sehen nicht nur den Schauspieler, sondern auch den Menschen, den sie schon lange kennen ...

„Es fängt immer mit Träumen an“, erzählt Simon Stache über seinen Weg auf die Schauspielbühne. Schon früh hatte er gemerkt, dass er etwas anders ist, als die Jungen in seiner Klasse. „Die konnten wohl nicht so viel mit mir anfangen“, sagt Simon und der Blick seiner warmen, braunen Augen scheint dabei in die Ferne zu gehen. Oft antwortet er nicht sofort auf Fragen, sondern denkt erst nach, bevor er spricht.

Simon interessiert sich schon in der Schule für Gedichte und die Werke der alten Klassiker. Darin sucht er Antworten auf die großen Fragen des Lebens. „Mein Club der toten Dichter war die Theater AG von Herrn Riedel an der Modellschule Obersberg“.

Damals fühlte er sich vermutlich oft etwas verloren – der Träumer mit großen Zielen in einer kleinen osthessischen Stadt. Als Statist steht er dann zum ersten Mal in Thorsten Fischers gefeierter, bildstarker Inszenierung der „Johanna von Orleans“ auf der Bühne der Stiftsruine. Er spielt dort an der Seite von Markus Gertken und Anna-Franziska Srna. Die beiden renommierten Schauspieler erkennen Simons Talent und machen ihm Mut, seine Träume zu leben.

Zunächst führt Staches Weg nach Japan. Dort lernt er die Sprache, arbeitet als Modell und findet so langsam zu sich selbst. Weiter geht es für ihn nach London. Dort will er eigentlich Japanologie studieren. Doch dann besteht er die Aufnahmeprüfung an der berühmten „Royal Academy of Dramatic Art“ an der schon Schauspielgrößen wie Richard Attenborough, Roger Moore, Olivia de Havilland, Diana Rigg, Peter O’ Toole, Anthony Hopkins, Benjamin Sadler oder Vivian Leigh ausgebildet wurden.

Inzwischen ist Simon Stache in England ein gefragter (Shakespeare)-Darsteller, spricht akzentfrei Englisch, außerdem Französisch und Japanisch, beherrscht Dolch und Degen, tanzt Ballett und Menuett und spielt Klavier. Auch Auszeichnungen hat er als Schauspieler schon erworben. „Ich wäre nicht der, der ich heute bin, wenn ich damals in Bad Hersfeld geblieben wäre“, sagt Simon Stache. Trotzdem ist die Rückkehr in seine Heimatstadt aufregend. „Jetzt nehme ich auf der großen Bühne den Platz der Schauspieler ein, die mich damals ermutigt haben“, sagt er mit einer Mischung aus Bescheidenheit und Stolz.

Im „Club der toten Dichter“ spielt er die Rolle des Knox Overstreet, eines nachdenklichen Träumers, der sich unsterblich in ein Mädchen verliebt und nach unbeholfenen Annäherungsversuchen mit der Macht der Poesie ihr Herz erobert. „Es ist eine sehr interessante Rolle wegen der Transformation, die Knox in dem Stück durchläuft“, sagt Simon. Bad Hersfeld sei dabei für ihn eine große Inspiration. „Die Schüler in dem Internat erinnern mich an viele Jungen, die ich hier gekannt habe“, erzählt er. Und vielleicht erkennt er sich auch selbst in dieser Rolle, denn Knox folgt erstmals seinen Gefühlen ...

Mit seiner „Bühnenliebe“ – Chris Noel, gespielt von Nell Pietrzyk – hat Simon Stache eine Art Wohngemeinschaft gegründet. Beide leben bei Simons Eltern in Asbach. „Schon beim Vorsprechen gab es zwischen uns eine Verbindung, und da es in der Corona-Zeit schwer ist, Quartiere zu finden, wohnen wir jetzt bei meinen Eltern, die dabei hautnah erleben, was die Arbeit von Schauspielern ausmacht.“

Eigentlich lebt Simon Stache aber im Londoner East End, im von Einwanderern geprägten Whitechapel. Er ist inzwischen eingebürgert und könnte sogar die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten. Sein „Flat“, seine Wohnung, liegt über einem Pub. „In der Pandemie sind die sonst so betriebsamen Straßen Londons merkwürdig still geworden“, erzählt Stache. Weil auch dort alle Theater geschlossen waren, half er freiwillig im Krankenhaus aus und ging für betagte Nachbarn einkaufen.

„In England hat die Kultur einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland“, erzählt er. Deshalb habe er auch in dieser Zeit Hilfsgelder erhalten, während die freischaffenden Künstler in Deutschland „hängengelassen“ wurden. „Natürlich hatte ich auch oft Angst, aber die Londoner sind sehr abgeklärt und souverän mit Corona umgegangen“, berichtet er.

Die Rückkehr nach Deutschland sei ein kleiner „Kulturschock“ gewesen. Anders als im distinguierten England sei der Umgang hier direkter und zuweilen schroff. Und auch auf der Bühne werde anders gearbeitet. „Englische Schauspieler sind sehr diszipliniert und folgen den Anweisungen des Regisseurs, hier wird gemeinsam das Stück entwickelt“, hat der 30-Jährige festgestellt.

In Zukunft wird Simon Stache vielleicht öfter in Deutschland spielen. Sein Zwillingsbruder lebt in der Hauptstadt. „Ich habe also immer einen Koffer in Berlin“, erzählt er schmunzelnd. Es gebe Kontakte zu Agenturen und Produzenten. „Ich habe Lust auf deutsche Projekte“, sagt er. Aber das Heimspiel in der Stiftsruine, dem Ort, wo einst seine Träume begannen, wird immer etwas Besonderes bleiben.

Von Kai A. Struthoff

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