Interview mit dem waldhessischen Dehoga-Vorsitzenden

Verbandschef zum erneuten Lockdown für Gastgewerbe: „Das Unverständnis ist riesengroß“

Holger Reichenauer, Vorsitzender des waldhessischen Dehoga-Kreisverbandes, steht an der Rezeption des Posthotels in Rotenburg und hat den Finger auf den Klingelknopf gelegt.
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Hat die Hand auf der Alarmglocke: Holger Reichenauer, Chef des waldhessischen Dehoga-Kreisverbandes, warnt vor wiederkehrenden Lockdowns für das Gastgewerbe - und kritisiert das vorübergehende Aus für Gastronomen und Hoteliers als „völlig falsches Signal“.

Hersfeld-Rotenburg steckt mitten im zweiten Corona-Lockdown, von einer „Light-Version“ merken Gastronomie und Hotellerie nichts. Die Branche reagiert mit Frust und Unverständnis.

Hersfeld-Rotenburg - Für das Gastgewerbe hat mit dem zweiten Lockdown eine erneute Durststrecke begonnen – ausgerechnet kurz vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft. Wir haben mit Holger Reichenauer, Vorsitzender des waldhessischen Ablegers des Hotel- und Gastronomieverbands Dehoga, über die Sorgen von Wirten und Hotelbetreibern gesprochen.

Herr Reichenauer, im Frühjahr hieß es von vielen Seiten: Einen zweiten Lockdown überstehen wir nicht. Wie ist die Stimmung jetzt, wo Hotel- und Gaststättentüren erneut zu bleiben müssen?
Wir kämpfen immer noch mit den Auswirkungen des ersten Lockdowns, die Einschnitte bei den Umsätzen waren in den acht Wochen massiv. Ostern, die Maifeiertage und viele Konfirmationen sind ausgefallen – das ist nicht wieder aufzuholen. Dadurch, dass Urlaub in Deutschland gemacht wurde, hatten wir einen relativ guten Sommer. Da hat der Kreis auch eine günstige Lage, es ging wieder aufwärts. Es gab sogar eine gewisse Aufbruchsstimmung. Der erneute Lockdown jetzt ist absolut niederschmetternd für uns. Und das Unverständnis ist riesengroß: Die Gastronomie und Hotellerie sind keine Hotspots. Wir sind keine Pandemie-Treiber und haben uns an sämtliche Vorgaben gehalten.
Können sich Ihre Mitgliedsbetriebe überhaupt erklären, dass Schulen und gerade auch Kitas aufbleiben – wo es mit dem Abstandhalten fast unmöglich ist – während Restaurants und Hotels mit ihren strengen Hygieneregeln schließen müssen?
Ich finde es gut, dass Schulen und Kitas aufbleiben. Das war eine unglaubliche Belastung für die Eltern, die auf diese Situation auch nicht vorbereitet waren. Auch die Kinder brauchen ihren Freundeskreis. Aber es sorgt natürlich in der Branche für totalen Frust – zumal der anerkannte Virologe Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg betont: Es geht von der Gastronomie keine Gefahr aus.
Viele Gastronomen und Hotelbetreiber haben zudem Geld investiert, etwa in teure Luftfiltergeräte.
Ich bin derzeit viel unterwegs und frage die Kollegen, wie es ihnen geht. Der Tenor ist immer gleich, der Frust groß. Ein Kollege hat beispielsweise ein tolles Zelt mit Heizstrahlern für die kalte Jahreszeit aufgestellt und muss trotzdem schließen. Ein großes Problem sind auch die Arbeitsplätze. Die Angestellten leben alle in Ungewissheit, brauchen aber eigentlich Planungssicherheit. Wie sollen wir richtig gute Mitarbeiter halten, bei denen das Leben ebenfalls weitergehen muss? Die größten Verlierer sind die Mini-Jobber, die völlig wegfallen. Und: Ich bin nicht überzeugt davon, dass es beim Lockdown im November bleibt. Die Zahlen steigen stetig und rasant an.
Dann wären wir mittendrin im Weihnachtsgeschäft. Wie schmerzhaft wäre das für die Branche?
Es geht bereits jetzt mit dem Martins-Gänseessen los. Die Weihnachtsfeiern fallen weg, das Weihnachtsfest im Restaurant auch. Das ist schlichtweg eine Katastrophe. Man kann das natürlich schlecht über einen Kamm scheren: Für einige Betriebe lohnt sich der Aufwand im personalintensiven Weihnachtsgeschäft nicht. Für viele andere ist es aber ein wichtiger und fester Bestandteil für ihre Planungen, der dann fehlt. Gerade für Hotels wäre das sehr schmerzhaft: die sind über Weihnachten und Silvester eigentlich immer ausgebucht. Bleiben wir länger als November geschlossen, wird damit auch ein völlig falsches Signal gesendet.
Wie meinen Sie das?
Familien werden trotzdem gemeinsam feiern wollen – und werden dann gezwungen, das zu Hause zu tun. Also ein Zusammenkommen auf engem Raum, im Privaten, wo es ungeschützt ist und es keine Hygienekonzepte wie bei uns gibt. Das ist kontraproduktiv.
Der erste Lockdown kam überraschend, teilweise waren in den Gaststätten und Hotels noch die Kühlschränke voll – vieles wurde weggeschmissen. War die Branche diesmal besser vorbereitet?
Der erste Lockdown war noch gar nicht richtig rum, da war schon im Gespräch, dass es erneut so kommen könnte. Die Hoffnung war natürlich, dass das nicht passiert. Deshalb haben wir uns an alle Regeln gehalten, um das zu verhindern. Der November-Lockdown war ein Stück weit bereits absehbar, also waren wir als Gastronomen beim Einkauf vorsichtiger. Keiner hat Ware gehortet, wie es derzeit wieder mit dem Toilettenpapier passiert, und sich für Weihnachten mit zahllosen Gänsen eingedeckt. Trotzdem ist das Wechselspiel aus Öffnung und Schließung kostenintensiv, weil immer wieder Ware eingekauft werden muss. Und ein Lockdown lässt sich nicht perfekt planen.
Auch der Einzelhandel hat Sorgen, darf aber weiter öffnen. Ist die Schließung für Hotels und Restaurants auch ein Imageschaden?
Durch den zweiten Lockdown sind Gastronomie und Hotellerie in der Wahrnehmung keine sicheren Branchen mehr. Unsere Sorge ist, dass wir jedes Mal, wenn die Fallzahlen steigen, betroffen sind. Wir werden wahrscheinlich immer wieder diejenigen sein, die als Erste schließen müssen und als Letzte wieder aufmachen dürfen. Man hätte aber auch einen Kompromiss suchen können, beispielsweise, dass wir bis 23 Uhr öffnen dürfen.
Betroffene Betriebe sollen jetzt mit 75 Prozent ihres November-Umsatzes aus dem Vorjahr unterstützt werden. Wäre der Erlös nicht die sinnvollere Kennzahl gewesen?
Es ist erst einmal nicht so wichtig, wie die Unterstützung berechnet wird. Wichtig ist, dass die Betriebe schnellstmöglich Geld bekommen, damit es weitergehen kann. Gezahlt werden muss noch in diesem Monat. Die Politik muss jetzt zu ihrem Wort stehen. Das ist für viele auch eine Frage des Überlebens. Die einzige Alternative wäre, die sicheren Branchen Gastronomie und Hotellerie aufzulassen.
Gibt es Grenzen beim Verkauf von Speisen außer Haus – oder funktioniert jedes noch so aufwendige Essen auch über Abhol- oder Lieferservice?
Der Liefer- und Abholservice ist im ersten Lockdown gut angenommen worden. Die Gäste bringen teilweise auch ihre eigenen Töpfchen und Tupper-Dosen zum Abholen mit. Das kann aber immer nur eine Zwischenlösung sein – für die Kollegen, die es anbieten. Es lohnt sich nicht für jeden und die Gäste wollen auch die Gastlichkeiten, die wir bieten. Grundsätzlich ist aber fast alles möglich, auch ein Drei-Gänge-Menü.
Bereits im Frühjahr wurde ein großes Gastgewerbe-Sterben prognostiziert. Wie schlägt sich die Branche im Landkreis?
Noch ist die Zahl derjenigen, die aufgeben mussten, überschaubar. Im Frankfurter Raum haben aber bereits zwei renommierte Hotels zugemacht. Von unseren Mitgliedern ist mir kein Fall bekannt. Wir kämpfen alle und machen uns gegenseitig Mut. Wenn wir allerdings alle zwei Monate wieder schließen müssen, weil die Fallzahlen steigen, ist das tödlich. Ich kann keine Prozentzahlen nennen – aber ein großer Teil wird das nicht schaffen. Was auch kommen könnte, ist eine Klagewelle: Dass viele Kollegen sich wie beim Beherbergungsverbot zusammentun. Da ist auch geklagt worden – und es ist gekippt worden.

Zur Person

Holger Reichenauer (59) ist im thüringischen Ruhla geboren und aufgewachsen. Die Ausbildung zum Hotelfachmann absolvierte er im nahen Eisenach und arbeitete dort in der gehobenen Gastronomie. Die Prüfung zum Servicemeister legte er in Erfurt ab. Kurz nach der Grenzöffnung verschlug es Reichenauer in die Gastronomie im Kreis, zunächst nach Bebra. Seit 2005 ist er Restaurantleiter im Rotenburger Posthotel, dass zur Göbel-Hotels-Gruppe gehört. Holger Reichenauer sitzt seit 17 Jahren im Prüfungsausschuss Gastgewerbe der IHK Kassel-Marburg. Im Januar 2020 wird er zunächst kommissarischer Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Waldhessen, Ende Oktober wählten ihn die 102 waldhessischen Mitgliedsbetriebe einstimmig offiziell ins Amt. Der 59-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Rotenburg. (Von Clemens Herwig)

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