Corona, Finanzen, Bahntrasse

Ludwigsaus Bürgermeister Wilfried Hagemann im HZ-Sommerinterview

Die ganze Gemeinde im Blick: Bürgermeister Wilfried Hagemann an einem seiner Lieblingsplätze in Corona-Zeiten. Von der Giegenberghütte geht der Blick weit über das Fuldatal und viele Ortsteile der Gemeinde Ludwigsau.
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Die ganze Gemeinde im Blick: Bürgermeister Wilfried Hagemann an einem seiner Lieblingsplätze in Corona-Zeiten. Von der Giegenberghütte geht der Blick weit über das Fuldatal und viele Ortsteile der Gemeinde Ludwigsau.

Ludwigsau – Zum Sommerinterview treffen wir Wilfried Hagemann an der Giegenberghütte, weit oberhalb der Gemeinde. Hierhin geht der Bürgermeister von Ludwigsau, wenn er in diesen Corona-Zeiten den Kopf freibekommen will. Mit Hagemann sprach Kai A. Struthoff.

Herr Bürgermeister, wie ist die Gemeinde Ludwigsau bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Ludwigsau ist bisher einigermaßen unbeschadet durch diese schwierige Zeit gekommen. Alle Bürger und die politisch Verantwortlichen haben gut mitgezogen. Es war für uns alle zwar sehr zeit- und arbeitsintensiv, denn das Tagesgeschäft lief ja nebenbei weiter. Aber das hat sich gelohnt, denn wir waren immer einen Schritt voraus beim Ergreifen der notwendigen Maßnahmen. Sehr froh bin ich auch, dass wir keine Corona-Erkrankungen in unserem Seniorenheim hatten.

Wegen Corona kämpfen viele Gemeinden jetzt mit wegbrechenden Steuereinnahmen. Kann Ludwigsau seine viel gepriesene Schuldenfreiheit trotzdem verteidigen?

Das wissen wir erst nach den Steuerschätzungen im August. Wir profitieren in Ludwigsau allerdings weniger von Gewerbesteuereinnahmen als andere Gemeinden. Aber die Finanzzuweisungen, der Einkommenssteueranteil werden auch bei uns kraft der Steuerkraftmesszahl weniger werden. Durch Kurzarbeit wird dies finanziell einschneidend für uns werden. Trotzdem wollen wir versuchen, unsere Schuldenfreiheit zu bewahren, was nicht immer von Vorteil ist. Aber das ist nicht nur abhängig von Corona. Es gilt auch in unser Infrastrukturvermögen, die Kläranlage Mecklar, sowie das Versorgungs- und Straßennetz zu investieren. Gerade im Hinblick auf die Kläranlage Mecklar besteht akuter Handlungsbedarf aufgrund stringenter rechtlicher Vorgaben.

Alle warten auf die angekündigte Neuansiedlung im Unternehmenspark Bad Hersfeld-Ludwigsau. Wann kommt denn nun der Elektro-Riese?

Der Unternehmenspark war ja noch nie von besonderem Ansiedlungsglück beseelt. Stichworte: Stabilatanlage oder Gasturbinenkraftwerk. Jetzt hatten wir einen attraktiven Investor gefunden, aber schon beim Notartermin im März habe ich zur Vorsicht gemahnt. Wer investiert schon in dieser Corona-Zeit in einen neuen Standort Millionen?

Offiziell heißt es, die Firma befinde sich noch in internen Sondierungsgesprächen. Ich glaube, die Chancen stehen momentan bei 50:50.

Ludwigsau hofft auf einen Park & Ride-Parkplatz am Bahnhof in Friedlos. Das Projekt liegt aber ja wohl wegen der ICE-Trassenplanung auf Eis?

Ja, und das kann auch noch Jahre dauern, Wir prüfen deshalb andere Alternativen in der Nähe des Bahnhofs. Aber wir können nicht einfach ein Haus kaufen und dann für den Parkplatz abreißen, denn es muss ja auch wirtschaftlich darstellbar sein.

Ohnehin besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass in Ludwigsau auf der grünen Wiese der neue ICE-Bahnhof entsteht?

Da wissen wir nichts Neues. Ich fürchte, dass Corona den Planern in die Karten spielt. Anfangs war der Prozess mit den Beteiligungsforen noch sehr transparent. Zuletzt gab es wegen Corona nur noch „Webinare“ und dort wurde dann der Bildschirm dunkel, als es um die Benennung der Grobkorridore ging. Die Bahn versichert, dass das Projekt auch im Homeoffice vorangetrieben werde, aber die Transparenz bleibt auf der Strecke. Wir haben immer gesagt, dass Ludwigsau mit Umspannwerk, Stromtrassen und Verkehr genug belastet sind. Auch mit Blick auf die Landwirtschaft wollen wir hier keinen Bahnhof haben.

Wegen Corona boomt der Fahrradtourismus. Der R1 läuft direkt durch Ludwigsau. Was tut die Gemeinde, um Ludwigsau zum Verweilen für Radfahrer attraktiver zu machen?

Da sind wir schon dabei: Vor allem an der Abzweigung ins Rohrbachtal zum R12. Dort entsteht mit Leader-Mitteln der erste „Pump-Track“ im Landkreis, ein Fahrrad-Erlebnisparcours, dessen Umfeld dann auch touristisch gestaltet werden soll. Außerdem haben wir die Radler-Kirche in Tann und eine Ladestation für E-Autos und auch für E-Bikes in Friedlos.

Und wie geht es bei der Suche nach einem neuen Pächter für die Bürgerstuben in Friedlos voran?

Wir befinden uns in guten, konstruktiven Gesprächen, wir versuchen die rechtlichen Vorgaben nachzubessern und sind in guter Hoffnung. Das Potenzial für eine erfolgreiche Gastronomie ist auf jeden Fall vorhanden. Das belegen mir die Nachfragen.

In Lispenhausen soll nach langen Jahrzehnten des Wartens jetzt endlich die ersehnte Ortsumgehung gebaut werden. Erleben wir ein solches Bauprojekt auch noch in Ludwigsau?

Im aktuellen Bundesverkehrswegeplan ist das nicht vorgesehen. Dabei kämpfen wir schon seit so vielen Jahren dafür. Wir müssen weiter Druck machen. Die bisher diskutierten Varianten waren allerdings auch nicht überzeugend und hätten zu einer Zerstücklung der Landschaft geführt. Aber die Belastung der Anwohner bleibt hoch, und mit Lärmschutz allein ist es nicht getan.

Wie haben Sie persönlich die Corona-Zeit erlebt. Hat sich an Ihrer Lebenseinstellung etwas geändert?

Corona lässt uns alle näher zusammenrücken. Die Familie wird in dieser Zeit noch wichtiger. Aber gesellschaftlich ist das ein Desaster. Zum Beispiel auch für unsere Vereine. Ich fürchte, viele werden es nicht überleben. Man könnte sich auch an ein Leben ohne diese Aktivitäten im Verein gewöhnen und nimmt Abstand hiervon. Befürchtungen, welche hoffentlich nicht real werden.

Und dann die enormen Investitionen seitens der Bundesregierung in Konjunkturpakete, den Arbeitsmarkt, um das Loch, welches Covid-19 gerissen hat, abzufangen. Diese Summen müssen ja irgendwie gestemmt, refinanziert und abgetragen werden. Das trifft die jungen Leute, die nicht ohne Grund schon als „Generation Corona“ bezeichnet werden.

Dies kann nicht im Ansinnen unseres demokratischen, gesellschaftlichen Miteinanders liegen, einen Schuldenberg auf künftigen Generationen abzuladen.

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