Coronavirus im Landkreis Hersfeld-Rotenburg

"Auf Distanz geht nicht" - Gedanken der Schauspielerin Natascha Hirthe zur Coronakrise

Vor der Coronakrise: Bad Hersfelder Festspiele 2019 - Natascha Hirthe (links) und Nachteulen-Talker Dominic Mäcke.
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Vor der Coronakrise: Bad Hersfelder Festspiele 2019 - Natascha Hirthe (links) und Nachteulen-Talker Dominic Mäcke.

Die diesjährigen Festspiele in Hersfeld-Rotenburg befinden sich wegen Corona noch immer in der Schwebe. Wir geben Einblick in Natascha Hirthes Gedanken zur Coronakrise.

Bad Hersfelder Festspiele - Vor ein paar Tagen musste ich an jene Sommernacht im letzten Jahr denken. Wir hatten gerade unsere Vorstellung von „A Long Way Down“ im Eichhof beendet und waren mal wieder knapp einem sintflutartigen Regen entgangen, der uns in dieser Spielzeit schon so oft überrascht hatte.

Ich hatte mich in aller Eile von der schüchternen, einsamen und kontaktscheuen Maureen in Natascha zurückverwandelt, und saß, noch etwas leicht außer Atem, aber mit einem Gläschen Walnussschnaps beziehungsweise selbstmitgebrachtem Mirto, neben meinem Gastgeber Dominic Mäcke auf der Nachteulen-Couch im Museum neben der Stiftsruine – das war so gegen Mitternacht am 17. August 2019. 

Es war die Abschlussgala der Festspiel-Talkrunde, der Saal war ausverkauft, und die Leute saßen, dicht gedrängt, eng beieinander, und genau so saßen auch wir auf dem Sofa. Normalerweise wäre das gar nicht erwähnenswert, wenn es nicht so wäre, dass wir uns zurzeit – gut sieben Monate später – daran gewöhnen müssen, mindestens eineinhalb, besser zwei Meter Abstand voneinander zu halten. Wenn uns das damals jemand prophezeit hätte, dann hätten wir es nicht geglaubt, man hätte diese Zukunftsvision wahrscheinlich dem übermäßigen Genuss der Kombination aus Nuss- und Mirtoschnaps zugeschrieben.

Corona in Hersfeld-Rotenburg: Ein optimistisch-waghalsiges Leben führen

Dominic befragte mich damals unter anderem über mein Leben als Schauspielerin, über den Alltag, die Unsicherheit des Berufs und die damit verbundenen Ängste. Und er wollte wissen, ob ich in dieser wechselhaften Berufssituation, in der man ständig neue Jobs suchen und auch Zeiten der Arbeitslosigkeit hinnehmen muss, einen Plan B hätte, eine Idee für eine andere Profession, die etwas mehr Sicherheit versprechen könnte.

Als ich erklärte, dass ich den Beruf zu sehr liebe, um mir eine Alternative vorstellen zu können, die natürlich mehr finanziellen Bestand bieten könnte, sah ich in die freudig-erstaunten, zum Teil auch ungläubigen Gesichter im Publikum, und mir wurde in diesem Moment einmal mehr klar, dass dieses Leben, das wir führen – wir, die Schauspieler, Sänger, Tänzer, Schriftsteller, alle Filmschaffenden, Bildhauer, Maler – ja, wie optimistisch-waghalsig dieses Leben ist! Und wie wenig vorstellbar für die meisten Menschen.

Warum ich gerade jetzt an diesen Abend denken musste? Seit einigen Tagen hat sich die Situation auf der Welt verändert. Wir sehen uns mit einem Virus konfrontiert, das unsere normale Lebenssituation, unsere gelebte tägliche Routine, auf den Kopf stellt – ja, unmöglich macht. Wir hören, dass es zu einem wirtschaftlichen Shutdown kommen wird, schon jetzt bangen viele um ihren Arbeitsplatz und wissen nicht, wie sie sich finanziell über Wasser halten werden. Wir sitzen alle in demselben Boot, dem Boot der Unsicherheit, das verzweifelt seinen Hafen sucht. 

Corona in Hersfeld-Rotenburg: „Diese Unsicherheit, die kennen wir“

Ich glaube, dass es nicht richtig wäre, in dieser Situation, die uns alle gleichermaßen hart trifft, den einen oder anderen Berufsstand in seiner Notsituation besonders hervorzuheben. Vielleicht haben wir Kreativen sogar einen kleinen Vorteil: Diese Unsicherheit, die kennen wir. Keine Garantien zu haben, von Tag zu Tag neu entscheiden zu müssen – für uns ist das Normalität.

Gut – das ist nun wieder ein Versuch, die Lage optimistisch zu sehen! Fakt ist, wer als Künstler nicht das Glück hatte, sich Rücklagen schaffen zu können, befindet sich in einer definitiven Notsituation. Die Theater sind auf unabsehbare Zeit geschlossen, Dreharbeiten abgesagt. Es ist nicht nur so, dass Arbeit aus bestehenden Verträgen nicht mehr stattfindet, sondern auch die Suche nach neuen Engagements momentan unmöglich wird. Wer kann zurzeit eine neue Theater- oder Filmproduktion planen? Welcher Caster schaut sich in diesen Tagen Demobänder von Schauspielern an?

Corona in Hersfeld-Rotenburg: Distanz ist das Gegenteil von Schauspiel

Ein Freund von mir sagte, dass unsere Gesellschaft bezüglich unserer sozialen Kontakte, auch nach dem Höhepunkt der Krise, erst mal umdenken muss und wird, wir dürften uns nicht mehr so nah kommen, keine Begrüßungen mit Küssen links und rechts, vielleicht sollten wir auch auf Händeschütteln dauerhaft verzichten. Tatsächlich würde das für uns Bühnenkünstler, auch auf lange Sicht, Berufsverbot bedeuten. Unser Beruf lebt davon, dass wir uns nahe kommen, sowohl körperlich – auf der Bühne, im Zuschauerraum, wie vor der Kamera – als auch seelisch. Wenn sich die Seelen der Figuren, die wir verkörpern, berühren, und in Folge auch die Seelen unserer Zuschauer erreichen, dann haben wir das geschafft, was unser Beruf will.

Auf Distanz geht das nicht. Distanz ist das Gegenteil von Schauspiel, ja mehr noch, ein distanzierter Schauspieler ist kein Schauspieler. Aber wollen wir nicht gar zu pessimistisch denken und hoffen, dass wir, in nicht allzu ferner Zeit, zu unserem normalen Leben zurückkehren dürfen. Wir müssen bis dahin nur auch wirtschaftlich überleben. Unsere Gesellschaft wird die Kultur nach überstandener Krise brauchen, vielleicht mehr denn je. 

Corona in Hersfeld-Rotenburg: „33 Jahre Beiträge sind nicht zu schaffen“

Unser Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Finanzminister Olaf Scholz und auch Ursula von der Leyen haben den sogenannten Soloselbsttändigen Unterstützungen zugesagt. Ich hoffe, dass sie dabei auch explizit an die Bedürfnisse der Schauspieler und Kreativen denken, denn diese werden auffällig oft nicht erwähnt – vielleicht, weil man irgendwie daran gewöhnt ist, dass wir wirtschaftlich sowieso etwas außerhalb der Gesellschaft stehen. Unsere Situation ist anders, als die des normalen Arbeitnehmers und trotzdem werden unsere Berufsstände auf den Arbeitsämtern gleichgesetzt.

So haben wir, auch ohne Viruskrise, oft mit großen Ungerechtigkeiten bei der Bewilligung von Unterstützungen zu kämpfen. Dies zeigt zum Beispiel auch das neue Gesetz zur Grundrente, bei dem man mindestens 33 Jahre regelmäßig Rentenbeiträge gezahlt haben muss – für einen freischaffenden Künstler kaum zu schaffen. Oder das Arbeitslosenversicherungsgesetz, das erst kürzlich, nach langjährigen Bemühungen des BFFS (Bundesverband Schauspiel), unter Vorsitz von Heinrich Schafmeister, der letztes Jahr ebenfalls Ensemblemitglied der Bad Hersfelder Festspiele in der Rolle des Florenz Ziegfeld in „Funny Girl“ war, zum 1. Januar 2020 geändert wurde.

Corona in Hersfeld-Rotenburg: Erstmal Katastrophe in den Griff bekommen

Bisher wurden für einen verkürzten Anspruch auf Arbeitslosengeld keine Arbeitsverträge akzeptiert und angerechnet, die länger als zehn Wochen dauerten. Eine Unmöglichkeit, denn Theaterverträge – wie zum Beispiel auch die Engagements bei den Bad Hersfelder Festspielen, dauern meistens mindestens drei Monate. Nun wurde die anrechenbare Vertragsdauer auf 14 Wochen erhöht.

Man sollte meiner Meinung nach grundsätzlich darüber nachdenken, eine gesonderte Abteilung, mit gesonderten spezifizierten Verfügungen zur Vergütung aller Kreativen, auf den Arbeitsämtern zu schaffen.

Aber das ist momentan eine Zukunftsvision und liegt wahrscheinlich in weiter Ferne. Und das ist auch in Ordnung, denn momentan gilt es in erster Linie, zusammenzuhalten und diese Katastrophe, auch nationenübergreifend, in den Griff zu bekommen. Gerade höre ich im Radio, dass sechs schwerkranke Corona-Patienten aus Italien in Sachsen angekommen sind, um dort behandelt zu werden – großartig.

Corona in Hersfeld-Rotenburg: „Die Lunge mit frischer Luft vollpumpen“

Maureen, die ich letztes Jahr im Eichhof spielen durfte, lebte seit Jahren ganz allein mit ihrem schwerbehinderten Sohn, ohne soziale Kontakte, ohne Job, abgeschlossen in ihrer Wohnung. Ich habe diese Rolle geliebt, bot sie doch für mich eine Herausforderung und wundervolle Möglichkeit, mich zu verwandeln und in dieses ganz andere, fremde Leben einzutauchen – ein Leben, welches aber nun unserer momentanen Realität erschreckend nahe kommt.

Wie schön war es dann aber auch, jeden Abend nach der Vorstellung, wieder aufzutauchen, „die Lunge mit frischer Luft vollzupumpen“, wie es Bert Brecht Shen Te im „Guten Mensch von Sezuan“ sagen lässt, die Menschen wieder wahrzunehmen, anzulachen und zu umarmen, und mit ihnen auf einem Sofa im Museumssaal der Stiftsruine zu sitzen. Und so hoffe ich, dass wir das bald genau so wieder machen können – und auf jeden Fall ohne Sicherheitsabstand.

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Hersfeld-Rotenburg gibt es im News-Ticker.*

Video: Kreativ in der Coronakrise - Künstlerin häkelt bunte Atemschutzmaske

Von Karl Schönholtz

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