Wegen Ausgangsbeschränkungen

Frauenhaus Bad Hersfeld und Beratungsstellen sind vorbereitet auf mehr Gewalt

ARCHIV - 28.08.2013, Niedersachsen, Nienburg: ILLUSTRATION - Eine junge Frau steht in einem Zimmer eines Frauenhauses. (zu dpa "Häusliche Gewalt nimmt zu - mehr als 600 Plätze in Frauenhäusern fehlen") Foto: Peter Steffen/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
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Wegen der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen fürchten Experten eine Zunahme an häuslicher Gewalt. Das Symbolfoto zeigt eine junge Frau im Zimmer eines Frauenhauses.

Wenn Familien wegen der Ausgangsbeschränkungen Tag für Tag auf engem Raum zusammensitzen, dann verschärft das die Situation für viele gewaltbetroffene Frauen und Kinder.

Die ständige Nähe ohne Ausweichmöglichkeiten, Kinder, die beschäftigt werden wollen, und dazu oft Existenzängste sorgen für Spannungen.

Das ist auch den Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Bad Hersfeld bewusst. „Bei uns sind die Anfragen bisher nicht gestiegen“, sagt Rahel von Buchholtz. „Wir gehen aber davon aus, dass die momentane Situation zu einer Zunahme der Gewalt gegen Frauen und Kinder führen wird.“ Das Frauenhaus in Bad Hersfeld sei jedenfalls vorbereitet und könne Betroffene aufnehmen. Für Frauen sei es allerdings schwierig, Hilfe zu holen oder ihre Flucht vorzubereiten, wenn der Täter immer in der Nähe sei, ergänzt Sabine Schütt-Dörrbeck von der Beratungsstelle des Vereins „Frauen helfen Frauen“.

Rahel von Buchholtz, „Frauen helfen Frauen“

Es sei deshalb wichtig, dass Menschen aus dem Umfeld betroffener Frauen und Kinder wachsam blieben. „Wir bieten Menschen, die sich Sorgen um Frauen oder Kinder in ihrem Umfeld machen, telefonische Beratung an“, sagt Schütt-Dörrbeck. In akuten Fällen sollten sie den Notruf der Polizei wählen.

Im Polizeipräsidium Osthessen ist bisher ebenfalls noch keine Zunahme der Gewaltdelikte gegen Frauen und Kinder registriert worden. „Wir haben noch keine signifikante Veränderung“, sagt Sprecher Dominik Möller.

Vorbereitet auf verstärkten Andrang ist auch die Erziehungsberatungsstelle des Diakonischen Werkes. „Wir haben die Telefonzeiten ausgeweitet. Unsere Mitarbeiter sind telefonisch im Homeoffice erreichbar“, erklärt Ronald Fleischer, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle und der Erziehungsberatung.

Zurzeit erreichten die Beratungsstelle vor allem Anrufe von Familien, die bereits in Beratung seien, berichtet Fleischer. Auch hier sei noch kein gravierender Anstieg festzustellen. „Aber das ist ein dynamischer Prozess, der schnell Fahrt aufnehmen kann“, ist sich Fleischer ebenso bewusst wie die Mitarbeiterinnen des Vereins „Frauen helfen Frauen“. 

Absprache mit dem Landkreis

Das Frauenhaus in Bad Hersfeld kann im Moment Frauen aufnehmen. Das betonen Rahel von Buchholtz und Sabine Schütt-Dörrbeck vom Verein „Frauen helfen Frauen“. Selbst wenn das Frauenhaus belegt sein sollte, habe der Verein in dieser besonderen Situation die Zusage des Kreises, dass Ferienwohnungen für betroffene Frauen und Kinder angemietet werden dürften, sagt Schütt-Dörrbeck. 

Im Frauenhaus leben die Bewohnerinnen und ihre Kinder auf relativ engem Raum zusammen. „Vor allem für die Kinder ist die Situation nicht einfach“, betont Rahel von Buchholtz. Alle Bewohnerinnen hielten sich jedoch an die geltenden Regeln und seien solidarisch, lobt sie. Die Mitarbeiterinnen seien weiterhin für Frauen und Kinder da. Gespräche würden mit dem nötigen Sicherheitsabstand geführt, manchmal auch am Telefon. Die Kinder könnten sich ihre Hausaufgaben im Büro ausdrucken lassen und sich dort auch Spielsachen ausleihen. 

Auch in der Beratungsstelle ist das Telefon derzeit das wichtigste Kommunikationsmittel. Zu den Telefonsprechzeiten (Montag 9 bis 10 Uhr und Mittwoch 16 bis 17 Uhr ist die Beratungsstelle unter z 0 66 21/7 01 13 telefonisch erreichbar, erklärt Sabine Schütt-Dörrbeck. Darüber hinaus könnten Frauen die Mitarbeiterinnen montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr im Frauenhaus unter der Telefonnummer 0 66 21/6 53 33 erreichen. Da könnten dann Beratungstermine vereinbart oder einige Anliegen auch gleich geklärt werden. „Frauen, die auf unseren Anrufbeantworter sprechen, rufen wir schnellstmöglich zurück“, versichert Schütt-Dörrbeck. 

"Gewalt ist keine Privatsache"

Viele betroffene Frauen haben allerdings nicht die Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Wegen der Ausgangsbeschränkungen sind sie mehr oder weniger ständig mit dem Täter gemeinsam in der Wohnung. Kontakte nach außen sind ihnen oft nicht gestattet. Deshalb appellieren die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses an eine solidarische Nachbarschaft. „Gewalt ist keine Privatsache“, heißt es in einer Pressemitteilung. Es sei wichtig, nicht wegzuschauen, Kontakt zu halten, Hilfe anzubieten und sich selbst über Hilfsangebote zu informieren. Auch dafür stehe die Beratungsstelle telefonisch zur Verfügung. „Wer Zeuge einer Gewalteskalation wird, sollte die Polizei rufen“, betont Sabine Schütt-Dörrbeck. Die Beamten hätten die Möglichkeit, Täter für bis zu 14 Tage der gemeinsamen Wohnung zu verweisen und auch ein Kontaktverbot auszusprechen.

 „Opfer können diesen Zeitraum nutzen, um bei Gericht eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz zu beantragen. Platzverweise bzw. Wegweisungen werden erteilt und durchgesetzt“, erläutert Dominik Möller, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen in Fulda. Er weist zudem darauf hin, dass Übernachtungsangebote wie Hotels und Pensionen derzeit zwar nicht mehr für touristische Zwecke genutzt werden dürften, jedoch treffe diese Einschränkung bei Personen, die der eigenen Wohnung verwiesen wurden, nicht zu. Außerdem könne die Polizei Kontakte zu Anlaufstellen und Beratungsangeboten – auch für Täter – vermitteln. (zac)

Eine Übersicht von Empfehlungen der Polizei für Opfer häuslicher Gewalt ist unter dem folgenden Link zu finden: polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/gewalt-im-sozialen-nahbereich.

Wichtige Telefonnummern: Hier gibt es Rat und Hilfe

- Frauenhaus Bad Hersfeld: 06621/65333 . 

- Bundeshilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116016 (rund um die Uhr, täglich, kostenfrei ), Online-Beratung unter hilfetelefon.de 

- Beratungsstelle Frauen helfen Frauen: 06621/70113

- Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116111 (kostenfrei von Handy und Festnetz) 

- Erziehungsberatungsstelle der Diakonie: 06621/14695

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