Wochenendporträt: Frau ohne Frauenquote

Corinna Pohlmann kehrt zu den Bad Hersfelder Festspielen zurück

Großstadtluft: Corinna Pohlmann ist nach Berlin zurückgekehrt. Im Sommer wird die Hersfeldpreisträgerin jedoch wieder bei den Festspielen in der Stiftsruine zu sehen sein, diesmal als Leni in Kafka s „Der Prozess“. Unser Foto entstand auf dem Tempelhofer Feld, Pohlmanns Lieblingsort in der Hauptstadt. Foto: Karl Schönholtz

Im Sommer wird Hersfeldpreisträgerin Corinna Pohlmann wieder bei den Festspielen in der Stiftsruine zu sehen sein, diesmal als Leni in Kafkas „Der Prozess“.

Wenn sich Corinna Pohlmann in diesen Tagen beim Spaziergang über das weite Tempelhofer Feld den frühlingshaften Wind um die Nase blasen lässt, dann denkt sie nicht etwa über ihre Zukunft als freischaffende Schauspielerin nach und auch nicht über ihre Rolle als Leni in Kafkas „Der Prozess“ bei den Bad Hersfelder Festspielen. Vielmehr drehen sich ihre Gedanken und Überlegungen um die Begrünung des gigantisch großen Balkons ihrer neuen Wohnung in Berlin, die sie im Laufe dieses Monats beziehen wird.

Für die Hersfeldpreisträgerin ist die Hauptstadt so etwas wie eine Heimkehr. Nach knapp zwei Jahren am ETA Hofmann-Theater in Bamberg nun also wieder Großstadtluft und nach der Sicherheit des festen Engagements jetzt das spannende Vorhaben, die freien Plätze im Kalender mit ebenso interssanten wie einträglichen Aufgaben zu füllen.

Für Corinna Pohlmann ist das ein ganz bewusster Schritt: „Endlich kann ich wieder unterrichten“, sagt sie und freut sich darauf, in der Schauspielschule der Stage Factory Kurse mit jungen Erwachsenen zu leiten. Auch scheinen sich nach einem Vorsingen am Vortag für sie im Musiktheater neue Türen zu öffnen. Aber die Einrichtung der neuen Wohnung ist ihr natürlich ein ganz wichtiges Thema. Sie ist hier ja nicht nur auf der Durchreise.

Der Abschied aus Oberfränkischen erfolgte auch aus der Erkenntnis heraus, dass sich im festen Ensemble um sie herum zuviel Vertrautes, zu viel Vorhersehbares etabliert hatte. „Wenn man schon vorher weiß, was der Kollege wie sagen wird, dann fängt man an nachzudenken. Das gilt umgekehrt natürlich auch für mein Spiel und den Blick der Kollegen auf mich.“

Die Frage, wie das ebenfalls kleinstädtische Bad Hersfeld zu ihrer Argumentation passt, beantwortet Pohlmann mit Eleganz: Bei den Festspielen komme jedes Jahr eine in großen Teilen neues Ensemble zusammen, darunter viele Darsteller aus den Theatermetropolen Berlin, Hamburg oder München. Das sei dann schon eher großstädtisch.

Weil Corinna Pohlmann zwischendurch immer wieder mal lauthals lacht, weiß man allerdings nie so genau, wie ernst sie sich selber nimmt.

Ihr völliger Ernst ist es jedoch, wenn sie die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft kritisch betrachtet. Eine Quote? Nicht mit ihr: „Ich möchte doch nicht aufgrund einer Quote besetzt oder wahrgenommen werden, sondern für das, was ich kann oder bin.“

Auch im Verhältnis der Geschlechter untereinander sieht sie ungute Entwicklungen. „Warum gehen Frauen denn auf die Toilette und ziehen sich die Lippen nochmal rot nach?“, fragt sie und will sich das Spiel vom Verführen und Verführt werden nicht von Moralaposteln vermiesen lassen. Auch deshalb hat Corinna Pohlmann mit der Bühnenrolle der Femme fatale keine Probleme, die sie bei den Festspielen schon in verschiedenen Deutungen gespielt hat. Auch Intendant Joern Hinkel hat sie in Kafkas „Der Prozess“ als Leni wieder ähnlich besetzt.

Darauf freut sie sich genauso wie auf ihre Hersfelder Vermieter, die mit „ihrer“ Schauspielerin längst Freundschaft geschlossen haben. Doch ein paar Wochen dauert es noch bis zur ihrer Rückkehr in die Festspielstadt. Und bis dahin muss ein sehr, sehr großer Balkon in Berlin noch üppig begrünt werden. 

Zur Person

Corinna Pohlmann stammt aus Wuppertal und studierte Schauspiel an der HFF Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg und bekam parallel dazu auch Schauspielunterricht an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Schon früh stand sie in ihrer Heimatstadt auf der Bühne und während und nach dem Studium auf großen Bühnen in Berlin. Seit der Saison 2017/18 spielte sie am Theater Bamberg. Neben der Schauspielerei ist ihre zweite Leidenschaft der Gesang, weshalb sie bereits mit unterschiedlichen Chansonprogrammen in Berlin und Umgebung aufgetreten ist. In Bad Hersfeld spielte sie 2016 und 2017 Abigail Williams in Dieter Wedels „Hexenjagd“ und in 2017 Die Teufelin in „Martin Luther - Der Anschlag“. Sie führte 2017 als Conférenciere durch die „Italienische Nacht“ und war 2018 in „Peer Gynt“ als Ingrid und Trollprinzessin zu sehen. Hierfür erhielt sie den Hersfeld-Preis. ks

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