Montagsinterview über die Festspiele, Dieter Wedel und "Me-too"

Corinna Pohlmann: „Frauen sind keine Opfer“

Sie lässt sich nicht auf eine Rolle festlegen: Die Schauspielerin Corinna Pohlmann beim Probenbeginn für das Premierenstück Peer Gynt, in dem sie die Ingrid spielt. Foto: Landsiedel

Bamberg/Bad Hersfeld. Festspiel-Schauspielerin Corinna Pohlmann spricht mit Kai A. Struthoff über ihre Liebe zum Theater, die Festspiele als Karrieresprungbrett,  ihr Solo-Projekt und Dieter Wedel.

Als Corinna Pohlmann vor drei Jahren zum ersten Mal in Bad Hersfeld als Abigail Williams in Dieter Wedels Inszenierung von „Hexenjagd“ auf der Bühne stand, kam sie gerade frisch von der Schauspielschule. Seither hatte sie zahlreiche Engagements an deutschen Theatern, Fernsehrollen und ist inzwischen festes Ensemble-Mitglied am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg. Dort zeigt sie auch ein selbst geschriebenes Solo-Programm. Mit Corinna Pohlmann sprach Kai A. Struthoff.

Frau Pohlmann, waren die Bad Hersfelder Festspiele für Sie das Karrieresprungbrett?

Corinna Pohlmann: Kurz nachdem ich die Abigail gespielt habe, sind schon einige Anfragen vom Fernsehen gekommen. Manches konnte ich dann leider nicht annehmen, weil ich schon verbucht war. Die Bad Hersfelder Festspiele erreichen auf jeden Fall eine große Zielgruppe, man lernt dort viele interessante Menschen kennen und kann Kontakte knüpfen. Eine Rolle bei den Festspielen ist daher sicher eher karriereförderlich.

Wie kam es zu dem Engagement am E.T.A.-Hoffmann- Theater in Bamberg?

Pohlmann: Ich habe länger als freie Schauspielerin gearbeitet, aber ich wollte auch gern mal ein festes Engagement an einem Theater haben. Ich habe Bamberg gewählt, weil dieses Haus sehr offen an künstlerische Konzepte herangeht und mutig ist. Es ist ein Theater, das viel in Bewegung bringt und sich nicht scheut, auch politisch zu sein. Allein die Möglichkeit, hier ein Solo-Programm zu machen, ist ja nicht selbstverständlich.

Ihr Solo-Stück „Augenkontakt“ problematisiert die Abhängigkeit der jungen Generation vom Internet und scheint sehr persönlich zu sein. Dabei waren Sie lange gar nicht aktiv in den sozialen Netzwerken?

Pohlmann: Ich bin erst, seit ich dieses Solo-Programm mache, bei Facebook. Ich habe mich lange gegen WhatsApp und Instagram gewehrt. Ich hatte irgendwie Angst davor. Und Angst kommt ja meist davon, dass man etwas nicht kennt. Deshalb habe ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt, denn einfach nur ‘Nö, will ich nicht’ zu sagen, das reichte mir nicht. Ich habe also eine richtige Studie daraus gemacht. Dabei habe ich gemerkt, dass hinter dieser ständigen Suche nach Anerkennung, nach ‘Likes’, vor allem ganz persönliche Einsamkeitsgeschichten und eine große Sehnsucht nach Nähe, nach einem Miteinander, letztendlich nach ganz ursprünglichen Bedürfnissen, stehen. So entstand die Idee zu dem Solo-Programm. Ich möchte zeigen, dass es sich lohnt, näher hinzugucken, wenn es um sogenannte „Influencer“ geht, und dass es eben auch seine Berechtigung hat, sich im Netz anzusehen, wie man sich die Wimpern richtig tuscht.

Diese Rolle der unsicheren jungen Frau, die Anerkennung im Internet sucht, passt so gar nicht zu den Verführerinnen, als die wir Sie aus Bad Hersfeld kennen. Hatten Sie Sorge, zu sehr auf den Typ des ‘bösen Mädchens’ festgelegt zu werden?

Pohlmann: Richtige Sorgen mache ich mir jetzt nicht. Es ist ja auch ein Pfund, wenn man einen speziellen Typ verkörpert. Aber die Figur aus meinem Stück zu spielen, macht mir großen Spaß. Sie kommt ja eher von „unten“, eine Tiefstatus-Figur, die sich immer mehr entblättert. Das finde ich toll. Es ist großartig, sich auf der Bühne ‘nackig’ zu machen, sich verletzlich zu zeigen.

Die Bad Hersfelder Festspiele sind Anfang des Jahres durch eine schwere Krise gegangen. Wie haben Sie auf die Vorwürfe gegen Dieter Wedel reagiert?

Pohlmann: Ich war wahnsinnig überrascht und hätte das nie erwartet. Diese Vorwürfe kann ich mit meinem Bild von Dieter Wedel überhaupt nicht vereinbaren, und ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass er als Intendant zurücktritt. Ich habe Dieter Wedel als liebevollen und respektvollen Menschen kennengelernt. Deshalb war ich schockiert und traurig.

Wie wichtig ist die #Me-too-Debatte aus Ihrer Sicht als junge Schauspielerin?

Pohlmann: Das hängt davon ab, wie diese Debatte geführt wird. Reißerische Presse und Hetze ist nicht sinnvoll. Denn da geht es nicht um Emanzipation, sondern Frauen werden zum Opfer stilisiert und so dargestellt, als könnten sie sich selber nicht wehren. Aber grundsätzlich ist es richtig, dass über Macht- und Ohnmachtsverhältnisse in dieser Branche gesprochen wird. Ich glaube aber, dass diese Dinge in Zeiten meiner Generation auch etwas anders sind.

Was hat sich geändert?

Pohlmann: Ich glaube, der äußere Druck und die individuelle Scham waren vor 20 Jahren insgesamt größer als heute. Ich finde es jedenfalls schade, dass man inzwischen über dieses Thema kaum noch offen reden kann, ohne dass einem mangelnde Solidarität unterstellt wird. Natürlich empfinde ich große Empathie für die Opfer solcher Übergriffe. Aber ich merke auch, dass es inzwischen seltsame Berührungsängste gibt. Ein Kollege sagte mir, er wisse gar nicht mehr, was er auf der Bühne machen könne, ohne mir zu nahezutreten. Und ein Regisseur hatte Bedenken, etwas mit mir trinken zu gehen, weil es Gerede geben könnte. Das finde ich wirklich seltsam.

Sie kommen jetzt zum dritten Mal nach Bad Hersfeld. Was für ein Gefühl haben Sie dabei?

Pohlmann: Ein ganz Tolles. Ich bin sehr glücklich. Ein Teil meiner Familie stammt ursprünglich aus Fulda. Einer meiner Urgroßväter hat sogar den Rhönklub mitgegründet. In Bad Hersfeld habe ich inzwischen auch Freunde, und ich spüre überall ein großes Wohlwollen uns Schauspielern und den Festspielen gegenüber. Ich bin deshalb richtig gerne in Bad Hersfeld.

Zur Person: Corinna Pohlmann wurde 1989 in Wuppertal geboren. Sie studierte einige Semester Jura, bevor sie eine Schauspielausbildung an der Filmuniversität Babelsberg und der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin absolvierte. Sie hat am Hans Otto Theater in Potsdam, dem Berliner Ensemble, am Grenzlandtheater in Aachen und am Prinzregententheater in Bochum sowie in diversen Fernsehrollen gespielt. Bei den Bad Hersfelder Festspielen war sie die Abigail Williams in „Hexenjagd“ und die Teufelin in „Luther“. Seit 2017 ist sie Ensemble-Mitglied am E.T.A.- Hoffmann- Theater im Bamberg. Bei den Festspielen 2018 spielt sie in Peer Gynt.

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