Posauneklang des CVJM

Seit exakt 120 Jahren: Choräle erklingen vom Turm der Bad Hersfelder Stadtkirche

Zusammen mit seinen Mitstreitern des CVJM-Posaunenchors besteigt der 84 Jahre alte Hans-Georg Franke jeden Sonntag zum Turmblasen den Kirchturm der evangelischen Stadtkirche in Bad Hersfeld.
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Zusammen mit seinen Mitstreitern des CVJM-Posaunenchors besteigt der 84 Jahre alte Hans-Georg Franke jeden Sonntag zum Turmblasen den Kirchturm der evangelischen Stadtkirche in Bad Hersfeld.

Genau vor 120 Jahren übernahm der damalige evangelische Jünglingsverein, heute CVJM, das Turmblasen in Bad Hersfeld.

Was für eine Tradition: Genau vor 120 Jahren, am 5. Mai 1901, übernahm der damalige evangelische Jünglingsverein, heute CVJM, das Turmblasen auf dem Kirchturm der evangelischen Stadtkirche zu Bad Hersfeld. Sonntag für Sonntag werden seitdem morgens nach dem Glockenschlag um 9.30 Uhr Choräle in alle vier Himmelsrichtungen über die Dächer der altehrwürdigen Fachwerkstatt geblasen.

Nur ganz wenige Ereignisse, wie der Einmarsch der Amerikaner zu Ostern am 31. März 1945 und die folgenden Wochen, die durch die Lädierungen des Turmes und der Holztreppe nach einem Granattreffer den Aufstieg nicht erlaubten, sowie auch etliche frostige Sonntage hielten die eifrigen Turmbläser von ihrem musikalischen Morgengruß ab.

Neben dieser musikalischen Leistung stellt das Choralblasen aber auch eine ausgesprochen sportliche Leistung dar. Denn zuerst einmal müssen die 222 Stufen, die jeweils etwa 18 Zentimeter hoch sind, bewältigt werden, bevor man in 40 Metern Höhe das ehemalige Türmerstübchen unter der Nebelkappe erreicht.

Für diesen Aufstieg braucht man schon Trittsicherheit und ausreichend Puste, die erste Luft sozusagen.

Nachgewiesen ist dieser alte Ritus in Hersfeld schon im Jahre 1587. Im „Türmereid 1628“ wird alles genaustens beschrieben: „...soll er auff den vier ecken des thruns ein gut stucklein, zwey zum wenigsten uff jeder ecken, mit seinem gesindt auff seinen instrumenten blaßen…“.

40 Meter hoch geht es für die Bläserinnen und Bläser des CVJM-Posaunenchors jeden Sonntag hinauf – exakt 222 Stufen.

Der Türmer wurde recht gut entlohnt, musste aber schon auch eine gewisse Musikalität mitbringen. Mit der Reformation entwickelte sich zudem das Choralblasen vom Turm als musikalische Predigt über die Dächer der Gemeinde hinweg, was die Bürger zum Mitsingen und Beten anhielt. Bereits im 17. Jahrhundert hatte sich die Turmmusik etabliert. Das half aber später im 19. Jahrhundert wenig, denn der Beruf des Türmers starb allenthalben aus. In Hersfeld soll es der Überlieferung nach auch an einer recht teuren Installation einer Wasserleitung hoch ins Bläserstübchen gelegen haben.

Zwischen 1854 und 1864 blies Stadtmusikus Balthasar Schmidt, der jedoch im Streit mit der Stadt ging. Das Musikkorps des hiesigen Infanterie-Bataillons übernahm 1872 das sonntägliche Blasen auf dem Turm der Stadtkirche, aber leider bei mangelnder Pflichterfüllung, sodass 1874 wiederum das Turmblasen eingestellt wurde. 1889 übernahm auf Wunsch der Bürger die Stadtkapelle unter Kapellmeister Otter die Turmmusik. Scheinbar wurde es den Herren Berufsmusikern aber dann doch zu mühsam, immer sonntags den Turm für ein gar schmales Salär zu besteigen.

Somit übertrug die Stadt zum 1. Mai 1901 dem Posaunenchor des evangelischen Jünglingsvereins zunächst nur ein dreimonatliches Probeblasen, um seine „Befähigung zur Thurmmusik“ nachzuweisen.

Keine Musik bei frostigen Temperaturen

Trotz der nun schon 120-jährigen Geschichte des Choralblasens ist dem des CVJM-Posaunenchor das sonntägliche Musizieren vom Turm heute noch Pflicht, Erbauung und Freude zu Gottes Lob und Ehr. Bestes Beispiel ist der 84-jährige Hans-Georg Franke, der am 19. Mai 1946 zum ersten Mal auf den Turm stieg. Ganz wie sein Vater „Opa“ Georg, der mehr als 75 Jahre lang bis ins hohe Alter jeden Sonntag vom Turm blies.

Zum 120-jährigen Jubiläum wurde am vergangenen Sonntag von Gesa Hild, Heinrich Gremm, Anja Staab, Wilfried Radick, Günter Passek und Hans-Georg Franke der Choral „Du meine Seele, singe“ ausgewählt und in die ganze Welt hinaus geblasen.

Nach zwei Strophen wechselten die Bläser zur nächsten Turmseite, ganz so wie im Türmereid beschrieben und hängten klappernd ihre hölzernen Notenklemmbretter am Brüstungsgeländer ein und begannen erneut, ihren vierstimmigen Choral. Und tief unten am Lullusbrunnen applaudierten die Fans und die Hersfelder von ihren Balkonen.

Zwischen acht und 15 Bläser besteigen normalerweise jeden Sonntag den Turm, was in Coronazeiten leider nicht möglich ist.

Vor dem Blasen gibt es eine kurze Andacht und es werden die Instrumente für den Bläsersatz festgelegt, da ja alle auch mehrere spielen können. Nur bei Temperaturen unter minus vier Grad, da frieren die Ventile ein, muss die Turmmusik ausfallen.

In knapp zehn Minuten ist am vergangenen Sonntag ganz Hersfeld musikalisch geweckt worden.

Wer Lust hat mitzumachen, um sich in doppelter Hinsicht fit zu halten, wendet sich an den Posaunenchor des CVJM (oder direkt an Gesa Hild), der normalerweise donnerstags von 20 bis 21.30 Uhr im CVJM-Haus an der Wehneberger Straße 8 in Bad Hersfeld probt. (Steffen Sennewald)

120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors

120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors
120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors
120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors
120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors
120 Jahre Turmblasen des CVJM-Posaunenchors

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