„Können jede Rolle gut besetzen“

Casting der Bad Hersfelder Festspiele für das „Goethe!“-Musical in Berlin

Casting für das Musical „Goethe!“ der Bad Hersfelder Festspiele 2020: Intendant Joern Hinkel, der musikalische Leiter Christoph Wohlleben, Musical Consultant Sebastian DeDomenico und Regisseur Gil Mehmert (von links) absolvieren in Berlin einen Marathon mit den singenden und tanzenden Kandidaten.
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Casting für das Musical „Goethe!“ der Bad Hersfelder Festspiele 2020: Intendant Joern Hinkel, der musikalische Leiter Christoph Wohlleben, Musical Consultant Sebastian DeDomenico und Regisseur Gil Mehmert (von links) absolvieren in Berlin einen Marathon mit den singenden und tanzenden Kandidaten.

In der Berliner „Stage Factory“ haben die Bad Hersfelder Festspiele bei einem Casting nach Darstellern für das Musical „Goethe!“ gesucht. Wir waren dabei.  

„Zu jung, zu schön, zu talentiert – das passt diesmal nicht!“ Gil Mehmert verpackt seine Absage an die soeben aussortierten Tänzerinnen und Tänzer in einen tröstenden Spruch und ein Lächeln und stürmt aus dem Saal. Ein paar Türen weiter wartet schon der nächste Sänger, der sich für eine Rolle im Musical „Goethe!“ bei den Bad Hersfelder Festspielen bewirbt.

Es ist ein Marathon, den Regisseur Mehmert, Orchesterchef Christoph Wohlleben, Musical Consultant Sebastian DeDomenico und Intendant Joern Hinkel absolvieren. Aus mehr als 500 Bewerbern wurden gut 130 ausgewählt, die sich bei drei Casting-Terminen in Essen und Berlin vorstellen dürfen.

In der Hauptstadt finden die Präsentationen in der „Stage Factory“ in Steglitz statt, einer renommierten Location, in der Katharine Mehrling von Plakaten lächelt und in der Hersfeld-erfahrene Darsteller wie Corinna Pohlmann und Markus Majowski unterrichten.

Empfangen werden singende Tänzer und tanzende Sänger von Dominic Mäcke, der bei den Festspielen 2019 die Talk-Show „Nachteulen“ moderierte. In Berlin leistet er Zuarbeit: Anmeldekarten ausfüllen, Kandidatenfotos knipsen, Reihenfolgen festlegen.

Casting für das Musical "Goethe!" bei den Bad Hersfelder Festspielen: Bei der Vielzahl der Bewerber läuft Vieles parallel. 

Bereits am Vormittag hat Choreographin Kim Duddy begonnen, mit den Tänzerinnen und Tänzern die Mephisto-Szene einzustudieren, ein sehr rhythmisches Stück, das die Bewerber fordert. „Das ist technisch machbar, aber schauspielerisch nicht leicht“, sagt Jasmin Eberl, die den Cut der ersten Runde überstanden hat und nun auch noch zum Vorsingen darf. Die in Berlin lebende Klagenfurterin kennt auch Bad Hersfeld schon, sie hat in der Stiftsruine „Titanic“ gesehen.

Auch Dustin Smailes und Christian Venzke, die beide aus Hof angereist sind, waren als Zuschauer schon mehrfach bei den Festspielen. Beide wurden sie für bestimmte Rollen eingeladen. Smailes, der seinen Nachnamen einem englischen Vater verdankt, hatte sogar schon Noten für „Goethe!“-Songs zugeschickt bekommen. Christian Venzke hat hingegen „einen bunten Strauß“ einstudiert, mit dem er sich präsentieren wird.

Bad Hersfelder Festspiele: "Goethe!" soll ein modernes und poppiges Musical werden

Das ist nicht einfach. Zwei, bei manchen Kandidaten drei oder vier Songs, mehr ist nicht drin, um vor Mehmert, Wohlleben & Co. zu überzeugen. Die wissen im Grunde genau, was sie hören und sehen wollen. „Goethe!“ wird ein modernes, poppiges Musical werden, das das Leben und Lieben des jungen Dichterfürsten thematisiert. Da müssen auch die Typen passen.

Entsprechend direkt und unverblümt ist die Kritik im kleinen Kreis, wenn der Kandidat nach freundlicher Verabschiedung wieder vor der Tür ist. „Als Kästner könnte er funktionieren, als Wilhelm eher nicht.“ Auch bei bekannteren Bewerbern wird kein Blatt vor den Mund genommen: „Da war er gut, aber in seiner letzten Rolle hat er mir überhaupt nicht gefallen. Passt er für uns?“ Es wird offen diskutiert.

Nachher erläutert Gil Mehmert, worum es bei den Cas-tings geht: „Die Stilistik der Show wird mit der Besetzung festgelegt. Wir wollen eher modern sein, sowohl in der Erzählung als auch bei den Stimmen.“

Erhofftes Ergebnis der Castings ist ein Pool von zwei bis vier Kandidaten für jede Rolle

„Wichtig ist, dass wir am Ende sagen: Wir können jede Rolle gut besetzen!“ Frustrierend sei es, so Mehmert, wenn man zu viele Kompromisse eingehen müsse. Doch kurz vor dem Endspurt des zweiten Berliner Tages ist der Regisseur zuversichtlich: „Wir sind ganz gut unterwegs“.

Das müssen nun auch die Bewerber unter Beweis stellen, die in erster Linie als Sänger infrage kommen. „Mover Call“ heißt dieser Programmpunkt, bei dem sie unter Anleitung von Kim Duddy zwar nicht athletisch tanzen, sich aber rhythmisch bewegen müssen.

„Wenn ich gewusst hätte, dass ich hier tanzen soll, hätte ich mir die Reise sparen können“, sagt ein Kandidat aus Hamburg, der zwar schon Hersfeld-Erfahrung aus mehreren Spielzeiten mitbringt, sich angesichts der meist viel jüngeren und vermutlich auch fitteren Mitbewerber auf einmal chancenlos fühlt. Aber da man ihn extra eingeladen hat... Der Schauspieler stellt sich der Herausforderung.

Die Proben für „Goethe!“ beginnen zwar erst Ende Mai, und Premiere der Uraufführung ist am 10. Juli. Doch das Projekt befindet sich längst in voller Fahrt. Schon seit 2015, kurz nachdem Mehmert in Hamburg mit dem Komponisten Martin Lingnau und dem Songschreiber Frank Ramond das Fußball-Musical „Das Wunder von Bern“ auf die Bühne gebracht hatte, arbeitet das Team an einem Nachfolger. Wieder ein deutsches Thema mit Relevanz sollte es sein, und basierend auf dem Kinofilm von Philipp Stölzl war es Goethe, der das Interesse der Autoren weckte.

Festspielbesucher in Bad Hersfeld werden die ersten sein, die "Goethe!" komplett sehen

Bisher existierte das Musical lediglich in sogenannten Tryouts, also Versuchen, an der Essener Folkwang-Uni, an der Gil Mehmert unterrichtet. Die Hersfelder Festspielbesucher werden jetzt die Ersten sein, die „Goethe!“ in voller Pracht erleben.

Bis es so weit ist, geht es rasant weiter: Mit den jetzt ausgesuchten Kandidatinnen und Kandidaten wird nun verhandelt. „Ich hoffe, dass die Besetzung in drei, vier Wochen steht“, sagt Mehmert, der parallel mit dem Bühnenbildner an der Ausstattung arbeitet. Auch über die Kostüme soll schon bald gesprochen werden.

„Ich hoffe, dass das Musical bei den Festspielen Priorität hat“, sagt Gil Mehmert dann mit einem Augenzwinkern und gleich dreimal hintereinander so laut, dass es der Intendant nicht überhören kann. Joern Hinkel aber reagiert demonstrativ nicht und verlässt unter einem Vorwand den Raum. Sein Schmunzeln kann man sich jedoch denken.

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