„Großtat der friedlichen Revolution“

Bernhard Vogel zu Gast am Gerstunger Gymnasium

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Grenzenlose Freude: Gerstungens Bürgermeisterin Sylvia Hartung – von links – Hönebachs Alt-Ortsvorsteher Heinrich Meier mit Ehefrau, Alt-Ministerpräsident Bernhard Vogel und der aus Weiterode stammende Klaus Döll, Initiator der Kulturinitiative Gemeinsam lachen.

Gerstungen – Es ist eine Kapriole der Geschichte, dass das Philipp-Melanchthon-Gymnasium dort untergebracht ist, wo bis vor 30 Jahren eine Einheit der Stasi arbeitete.

Aber ein Grund mehr, an Ort und Stelle, in würdiger Weise, der Grenzöffnung von vor 30 Jahren zu gedenken, die Voraussetzung dafür war, dass hessische Schüler in Thüringen zur Schule gehen und „grenzübergreifend“ lernen können. Keinen Geringeren als Prof. Dr. Bernhard Vogel, den Alt-Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Thüringen, hat Schulleiter Gerald Taubert, der im Grenzdorf Großensee den „lebensgefährlichen Hochsicherheitskäfig DDR“ am eigenen Leib erlebt hat, eingeladen, um die Festrede zu halten.

Das tut der fast 87-Jährige am Mittwochabend im von Gästen aus Ost und West, Ehemaligen, Schülern und Eltern bevölkerten Atrium der Schule in bewundernswerter Weise. Mit der Bemerkung „Es macht mir Freude, in Gerstungen zu sein, und ich danke Ihnen dafür, dass Sie hier ausgehalten haben“, gewinnt er die Herzen des Auditoriums. Bevor er seinen weit zurückreichenden Erfahrungsbogen spannt, appelliert er an die „nachwachsende Generation“: „Ihr müsst nicht alle Geschichtszahlen wissen, aber Ihr müsst wissen, zu was Menschen fähig sind, und darauf achten, dass sich das nicht wiederholt!“

Ausdrücklich dankt er den Menschen der DDR dafür, dass sie die „Großtat der friedlichen Revolution mit Kerzen in den Händen, Gebeten auf den Lippen und Sorgen im Kopf“ vollbracht haben.

Aus persönlichem Erleben unterstreicht er, dass es den Präsidenten George Bush (USA) und Michail Gorbatschow (UdSSR) und natürlich Bundeskanzler Helmut Kohl zu verdanken sei, dass die Revolution zur Wiedervereinigung geführt hat: „Stellen Sie sich einfach einmal vor, die gegenwärtigen Präsidenten wären damals Präsidenten gewesen!“ Den Beginn seiner Thüringer Zeit beschreibt er mit dem Bild: „Es ging zu wie auf einem großen Verbandsplatz.“ Später habe er feststellen müssen, dass Umbau schwieriger sein kann als Neubau – dass Staubsauger aus Südthüringen nicht mehr kostendeckend verkauft werden können – dass für deren Produktion nur noch ein Viertel der ursprünglichen Belegschaft benötigt wird. Sein Resümee: „Trotz aller Fehler haben wir Grund zu wechselseitiger Dankbarkeit, aber es bleibt noch eine ganze Menge zu tun.“ Dazu wünschte er Thüringern und Hessen – lang anhaltend beklatscht – Mut: „Warum sollten nicht auch die heutigen Probleme zu lösen sein, wenn die Menschen es wollen?“

Nach einem sehr persönlich gehaltenen Grußwort des Heringer Kreisbeigeordneten Alfred Rost und Dankesworten des Schulleiters erhebt sich die Versammlung zur vom Schulblasorchester intonierten Nationalhymne, ehe der Abend mit Honneurs und angeregten Gesprächen – und natürlich auch mit Thüringer Bratwurst – ausklingt. (apl)

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