Brüchigkeit der Zivilisation

Beklemmende Inszenierung in ehemaliger Abfüllanlage

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Bad Hersfeld. Die Sommernachtsträumer beeindruckten mit ihrer Fassung des "Herrn der Fliegen" in der ehemaligen Abfüllanlage im Bad Hersfelder Kurpark.

Bad Hersfeld Das klare Wasser spiegelte den klaren Himmel und das strahlende Gewinkel der Sternbilder“ – so beschreibt es der Nobelpreisträger William Golding in seinem 1954 veröffentlichten Roman „Herr der Fliegen“. Was sich zunächst anhört wie ein Idyll, eine Trauminsel, das entpuppte sich in der Theateradaption des Romans, den die Sommernachtsträumer auf die Probenbühne in der ehemaligen Abfüllanlage im Kurpark brachten, als veritabler Albtraum.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine Gruppe Jugendlicher wird aufgrund eines Atombombenangriffs per Flugzeug evakuiert. Das Flugzeug stürzt ab und die Jugendlichen müssen ihr Über-Leben auf der Insel ohne die Unterstützung von Erwachsenen selbst organisieren. Zunächst geben sie sich selbst Regeln für ihr Zusammenleben, bevor der dünne Firnis der Zivilisation Risse bekommt und sich angesichts von Angst, Hunger, Spannungen in der Gruppe und konkurrierenden Machtansprüchen zwei Gruppen entwickeln, die sich im Kampf um das nackte Überleben unversöhnlich gegenüberstehen.

Die aus den Festspielen hervorgegangenen Sommernachtsträumer, die seit 2016 Jugendlichen die Möglichkeit bieten, auch außerhalb der Festspielsaison Theaterprojekte umzusetzen, entwickelten ihre Version des Roman-Klassikers aus Improvisationen, die mit Unterstützung von Ensemblemitglied Jan Saure und Regisseur Jörn Hinkel zu einem stimmigen Ganzen zusammengefügt wurden. Während William Golding seine Handlung vor dem Hintergrund des Kalten Krieges ansiedelte, diente den Sommernachtsträumern ein Atomkrieg zwischen Nordkorea und den USA als Rahmen. Schon hier wird deutlich, dass Goldings Parabel auch heute nicht nur als Beschreibung der Entwicklung totalitärer und autoritärer Herrschaft sowie von struktureller Gewalt taugt, sondern dass auch das Ende des Kalten Krieges nicht unbedingt zu einer friedlicheren Welt geführt hat.

Es war beeindruckend, wie die Sommernachtsträumer sich den Stoff angeeignet hatten und wie sie ihn auf der Bühne in einer reifen Ensembleleistung und in der Sprache moderner Jugendlicher zum Leben erweckten und dabei die Zuschauer dahin führten, wo es wehtat: Passagen aus dem Roman wurden eingestreut, neue Traum-Ebenen eingezogen, die die Vergangenheit der Jugendlichen andeuteten, und die Eskalation der Gewalt wurde mithilfe differenziert eingesetzter Kleidungscodes und vor allem durch zunehmende „Kriegsbemalungen“ mit schwarzer Farbe und viel Theaterblut äußerlich sichtbar gemacht. Die Gruppe der „Jäger“ wurde von ihrem autoritären Anführer Jack („Chefs reden nicht - Chefs entscheiden“) mithilfe atavistischer Kriegstänze und Jagdrituale sowie dem gezielten Schüren von Ängsten vor einer „Bestie“, die als Bild eines äußeren Feindes inszeniert wurde, zusammengeschweißt. Mitläufer und Begeisterte gerieten in eine unumkehrbare Spirale der Gewalt, die im Tod zweier Jugendlicher mündete. Der psychisch traumatisierte Simon, der den Versuch unternahm, das Geheimnis der Bestie zu entzaubern und „Piggy“, der sich zusammen mit Ralph bis zuletzt verzweifelt für die Einhaltung zivilisatorischer Regeln einsetzte, überlebte den Aufenthalt auf der Insel nicht.

Was dieser Inszenierung eine so beklemmende Wirkung verlieh, war nicht so sehr die Handlung selbst, sondern eher die Atmosphäre und die Erkenntnis, dass die zivilisatorische Fassade dünn und bröckelig ist. Das gilt gerade heute, in einer Zeit, in der sprachliche und gesellschaftliche Verrohungen nicht nur in den sozialen Medien, sondern bis in Parlamente und internationale Organisationen hinein manifest werden. Der Feind, die „Bestie“ oder auch der „Herr der Fliegen“ (der „Fliegengott“ steht in Goethes „Faust“ synonym für den Teufel) ist weniger eine Bedrohung von außen, er lebt in jedem von uns. Selbst die Rettung durch einen uniformierten Marineoffizier am Ende, hinterließ einen eher bitteren Nachgeschmack. (uj)

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