Gründung von Kreisverband Hersfeld-Rotenburg geplant 

Baywatch statt Frontex: "Die Partei" will mit Satire in den Kreistag

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Diese beiden 17-Jährigen möchten die Kreispolitik aufmischen: Fabian Bittorf (links) und Hendrik Groß, der sich heute zum „Partei“-Vorsitzenden des neuen Kreisverbandes Hersfeld-Rotenburg wählen lassen will. Foto: Sebastian Schaffner

Zwei 17-jährige Schüler wollen am Samstag in Bad Hersfeld einen Kreisverband der Partei "Die Partei" gründen. Ihr Ziel: Sie wollen in den Kreistag und dort die Politik aufmischen.

Konkrete Pläne für den Landkreis? Haben sie noch nicht. Politische Erfahrung? Ebenfalls Fehlanzeige. Immerhin waren sie schon einmal im Kreistag – bei einem Unterrichtsausflug. Doch Hendrik Groß aus der Gemeinde Neuenstein und Fabian Bittorf (Bad Hersfeld) haben große politische Pläne: Die beiden 17-jährigen Schüler wollen am heutigen Samstag mit Gleichgesinnten einen Kreisverband der Partei „Die Partei“ gründen. Das Ziel ist klar: Bei der Kommunalwahl 2021 den Sprung in den Kreistag schaffen.

Vornehmlich ältere Menschen, auch aus ihrem persönlichen Umfeld würden den beiden Nachwuchspolitikern zwar raten, „in eine richtige Partei einzutreten“, doch das ficht sie nicht an. „Wer glaubt, dass unsere Partei ein Quatschverein ist, begreift unsere Wahlplakate nicht“, sagt Groß. Das Poster „Baywatch statt Frontex“ mit Anspielung auf die berühmte Rettungsschwimmer-TV-Serie und die EU-Grenzschutzbehörde sei nicht nur als humoristische Forderung zu verstehen. „Wir sind tatsächlich der Meinung, dass man eher die Seenotrettung ausbauen sollte als noch mehr in die Grenzpolizei zu investieren“, so Groß, der später einmal Lehrer werden möchte. Ohnehin hätten vergangene Wahlen gezeigt, „dass die Partei bei Jungwählern drittstärkste Kraft ist – so viel Quatsch kann das also nicht sein“.

Auf der Suche nach dem Passwort

Streng genommen gab es bis vor rund zwei Jahren schon einmal einen Kreisverband Hersfeld-Rotenburg der Partei, die bundesweit vor allem durch Satire und gezielten Spott-Populismus Aufmerksamkeit erlangt hat. „Unsere Vorgänger waren Studenten, die wahrscheinlich irgendwann keine Zeit mehr dafür hatten und ohnehin nicht sehr aktiv waren“, sagt Bittorf. Kontakt zu ihnen haben die beiden nicht. „Die wohnen wahrscheinlich gar nicht mehr im Landkreis.“

Das wäre auch alles nicht weiter schlimm, wenn nicht der ehemalige Kreisverband auch eine Facebookseite gegründet hätte, die der neue Kreisverband übernehmen möchte. „Das Problem ist: Wir kennen das Passwort nicht“, stellt Bittorf fest. Sie haben deshalb den Partei-Landesverband eingeschaltet, der angekündigt hat, ihnen zu helfen. „Wir sind optimistisch, dass wir nächste Woche die Facebookseite übernehmen können.“

"Keine Klientelpolitik"

Nach den parteiinternen Statuten sind für die Gründung eines Kreisverbandes mindestens drei Mitglieder notwendig. „In unserer Whatsapp-Gruppe sind wir zu zwölft. Ich gehe davon aus, dass alle mitmachen werden“, sagt Groß, der sich auch gleich zum Kreisverbandsvorsitzenden wählen lassen will. „Soweit ich weiß, bin ich der einzige Kandidat.“

Auch wenn die Teenager noch keinerlei politische Erfahrung haben, ihre Pläne haben sie bereits klar definiert: „Neben der Kommunalwahl wollen wir natürlich auch bei der Bundestagswahl kandidieren. Und auch die Bürgermeisterwahl in Bad Hersfeld wird nicht ohne die Partei stattfinden“, sagt Bittorf.

Sachdienliche Hinweise, worauf man bei der Gründung eines Kreisverbandes achten muss, erhalten Groß und Bittorf vom Landesverband, der bei der jüngsten Hessenwahl 0,6 Prozent holte – so viel wie Piratenpartei und NPD zusammen. Auch einer ihrer Lehrer habe bereits Hilfestellung angeboten. „Wir müssen ja schon wissen, wie Kreispolitik formal funktioniert und wie man eine Liste aufstellt“, sagt Groß.

"Frei von Ideologie"

Politisch sieht er den Kreisverband „frei von Ideologien“ eher im linken Parteispektrum angesiedelt. „Klientelpolitik wie von CDU, SPD und FDP wird es mit uns nicht geben.“

Grundsätzlich will der Kreisverband künftig mit „real-pragmatischer Politik und satirischen Aktionen“ auf sich aufmerksam machen. Was genau das heißt, lassen die beiden vorerst offen. „Eins nach dem anderen“, sagt Groß und grinst.

Der erste Schritt, die offizielle Gründung, soll sm Samstag, 7. März, ab 17.30 Uhr, im Alten Brauhaus (Kirchplatz 9, Bad Hersfeld), über die Bühne gehen. Die Veranstaltung ist öffentlich.

Hintergrund

Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative – kurz: die Partei – ist 2004 von Redakteuren des Satire-Magazins „Titanic“ in Frankfurt gegründet worden. Sie hat nach eigenen Angaben 43 000 Mitglieder (Stand: Dezember) und erlangt regelmäßig Aufmerksamkeit mit satirischen Aktionen und humoristisch bis sarkastisch formulierten Forderungen. 

Im Programm zur Bundestagswahl 2017 standen etwa folgende Pläne: „Managergehälter an die BH-Größe koppeln“, „Bierpreisbremse jetzt!“, „Diäten der Bundestagsabgeordneten an die Hartz-IV-Sätze koppeln“ und „Deutschland darf nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen als das Mittelmeer“. Die Partei sitzt mit zwei Abgeordneten im Europaparlament: dem Ex-Titanic-Chefredakteur sowie Parteivorsitzenden Martin Sonneborn (seit 2014) und Kabarettist Nico Semsrott (seit 2019).

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