Kinderstück feiert Premiere

Bad Hersfelder Festspiele: Das Schneiderlein wird tapfer

Zwischen Ratlosigkeit und Faszination: Als Prinzessin Caroline (Sarah Elena Timpe) in seine Werkstatt rauscht und ein Jäckchen reklamiert, das aber gar nicht von ihm stammt, kann Schneiderlein Fritz Zwibbel (Sasha Bornemann) nur noch staunen. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Angst haben vor allem und jedem. Das ist wahrscheinlich für viele Kinder ein vertrautes Gefühl. Vor den Geräuschen im Dunkeln, wenn man alleine ist, vor den anderen, die soviel stärker oder zumindest lauter sind, vor den eigenen Gefühlen, wenn man nicht weiß, wem man vertrauen kann.

In Franziska Reichenbachers Fassung des Märchens „Das tapfere Schneiderlein“, das am Dienstag im Theaterzelt neben der Stiftsruine Premiere hatte, haben fast alle Figuren Angst. Fritz Zwibbel, der Schneider (Sasha Bornemann), traut sich nicht viel zu. August der Starke (Roland Schreglmann) lebt von dem Gefühl, der stärkste Mann im Land zu sein. Als er das infrage stellen muss, ist er vor lauter Angst sogar bereit, den kleinen Schneider zu erschlagen. Und am allerängstlichsten ist König Alexander (Yorick R.R. Tortochaux), der den ganzen Tag in seinem Schrank sitzt und verzweifelt jemanden sucht, der die „Riesen“ in seinem Königreich, den General Olaf Knieper und Finanzministerin Ursula von Laschet aushorcht, um zu erfahren, ob er ihnen trauen kann.

Mutig und selbstbewusst tritt dagegen Elli auf, Fritz Zwibbels patente Freundin, die von Neele Pettig gespielt wird.

Ehrfurcht und Respekt

Doch was passiert mit uns und unseren Ängsten, wenn die Menschen uns ganz anders betrachten als wir uns selbst? Das ist das zentrale Thema in dem Stück. Das Schneiderlein wird, kaum trägt es den Gürtel mit der Aufschrift „Sieben auf einen Streich“ mit Ehrfurcht und Respekt behandelt. Und niemand will hören, dass es nur Fliegen waren, die er nicht etwa erlegt, sondern mit dem Netz gefangen und an die frische Luft gesetzt hat.

Da ist es dann auch kein Problem, große Kraft vorzutäuschen, indem er einen Käse statt eines Steins zerdrückt, bis das Wasser herausläuft. Sein ungläubiges Staunen über den eigenen Erfolg zeigt Sasha Bornemann einfach hinreißend.

„Ich hab’ mir mehr zugetraut, weil die anderen mir mehr zugetraut haben“, stellt Fritz Zwibbel zum Schluss fest und reicht seinen Gürtel an den ängstlichen König weiter.

"Das tapfere Schneiderlein" spielt im Theaterzelt

Mit dem ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm, das die meisten Kinder vermutlich kennen, hat dieses Schneiderlein nur das zentrale Motiv und einige Szenen gemeinsam. Es spielt auch nicht in einer längst vergangenen Märchenwelt, sondern ist durchaus modern, was vor allem an der High Heels tragenden, hilflos zickigen, aber eigentlich sehr patenten Prinzessin, die Sarah Elena Timpe wunderbar spielt, deutlich wird. Bühne und Kostüme hat Barbara Fumian gestaltet.

Riesen mit Schwächen

Hinreißend ist Roland Schreglmann als bajuwarisierender August der Starke. Er zeigt, dass auch Riesen Schwächen haben, wie übrigens auch Elisabeth Degen als Finanzministerin und Andrés Mendez als verliebter General.

Warum er und die Prinzessin aber am Schluss knutschend übereinander herfallen, nachdem es ein etwas absurdes Abenteuer mit Heißluftballons gegeben hat, das erschließt sich nicht so wirklich. Dem Publikum, in dem zur Premiere relativ wenige Kinder saßen, hat’s jedenfalls gut gefallen. Es gab langen und herzlichen Beifall.

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