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Harald Benz: „Festspiele konkurrieren mit Netflix“

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Harald Benz, der neue kaufmännische Geschäftsführer der Bad Hersfelder Festspiele, in der Stiftsruine.
Angekommen in der Stiftsruine: Harald Benz ist der neue kaufmännische Geschäftsführer der Bad Hersfelder Festspiele. © Kai A. Struthoff

Seit knapp einem Monat ist Harald Benz neuer kaufmännischer Geschäftsführer der Bad Hersfelder Festspiele. Kai A. Struthoff sprach mit ihm und Intendant Hinkel über die aktuelle Situation.

Bad Hersfeld – Drei Wochen vor Probenbeginn für die 71. Bad Hersfelder Festspiele am 17. Mai laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. „Corona hat die Planungen ganz schön durcheinandergewirbelt, einige Casting-Termine mussten wegen Corona-Erkrankungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer kurzfristig abgesagt und umgeplant werden“, berichtet Intendant Joern Hinkel.

In der nächsten Woche stünden noch zwei Casting-Termine an, dann soll das Ensemble feststehen. „Die Zuschauer können sich jetzt schon auf ein Ensemble aus brillanten jungen Theater-Talenten und renommierten Namen aus der Schauspielbranche freuen“, sagt Hinkel. Bekannt ist bereits, dass „Tatort-Kommissar“ Richy Müller eine Hauptrolle im Premierenstück „Notre Dame“ spielen wird. Zufrieden zeigen sich die Festspiele mit dem Verlauf des Vorverkaufs, der über dem des Vorjahres liegt, allerdings noch nicht das Vor-Corona-Niveau erreicht hat. „Das sind schon herausfordernde Zeiten, um Festspiele zu planen“, sagt Joern Hinkel.

Mit den Unwägbarkeiten durch die Pandemie muss auch der neue kaufmännische Leiter der Bad Hersfelder Festspiele Harald Benz rechnen, der seit rund 20 Tagen im Amt ist. „Hier in Bad Hersfeld – so mein erster Eindruck – ist der Haushalt sehr Spitz auf Knopf zugeschnitten. Derzeit ist das Budget noch kein Problem, aber wir wissen alle nicht, was die derzeitigen Krisen noch bringen werden.“, sagte er in seinem ersten Interview in der neuen Funktion unserer Zeitung. „Die Kunst lebt davon, spontan zu agieren. Deshalb ist es wichtig, eine gewisse Freiheit zu haben – dazu braucht es Ressourcen und Reserven“.

Benz, der von den Luisenburg-Festspielen in Wunsiedel nach Bad Hersfeld gekommen ist, glaubt daher, dass „eine gGmbH in den hiesigen Konstellationen durchaus hilfreich sein könnte.“ Über die Gründung einer solchen eigenständigen Gesellschaft wird in der Bad Hersfelder Stadtpolitik seit Langem diskutiert. Benz lobte Bad Hersfeld als „bundesweit bekannte Kulturinstitution“, sieht Festspiele aber zunehmend auch in direkter Konkurrenz zu neuen Angeboten wie etwa „Netflix“.

Herr Benz, Sie sind von der Luisenburg in Wunsiedel in die Stiftsruine gekommen. Was hat Sie an diesem Wechsel nach Bad Hersfeld gereizt?

Die Bad Hersfelder Festspiele haben ein kleines Wunder vollbracht: Sie sind seit über 70 Jahren eine bundesweit bekannte Kulturinstitution. Ich selbst komme ja aus Heidenheim, dort gibt es seit den 1960er Jahren die Heidenheimer Opernfestspiele – die aber leider deutschlandweit kaum bekannt sind ...

... aber die Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel kennt man schon?

Und dennoch haben sie nicht diese bundesweite Strahlkraft der Bad Hersfelder Festspiele, obwohl Wunsiedel mit durchschnittlich 140 000 Besuchern sogar mehr Zuschauer hat. An Bad Hersfeld hat mich aber vor allem die Zusammenarbeit mit Joern Hinkel gereizt, dessen Arbeit mich von Anfang an begeistert hat. Mit ihm gibt es keine Beliebigkeit, sondern tagesaktuelle Relevanz: Das muss Theater leisten.

Wie ist Ihr erster Eindruck von den Festspielen und der Stadt?

Was man hier deutlich spürt, ist die Verbundenheit und der Zusammenhalt in dieser Festspiel-Familie. Ich bin froh, dass ich rechtzeitig kurz vor der Saison einsteigen konnte, weil ich jetzt miterlebe, wie diese Familie täglich wächst, mit welcher Leidenschaft und welchem Know-how alle bei der Sache sind. Hier gibt es ein eingespieltes Team, keiner wartet auf seine Order, sondern alle wissen, was wann zu tun ist.

Diese Leidenschaft strahlt auch in die Stadt und die Politik hinein, die seit jeher ein gewichtiges Wort bei den Festspielen mitredet, weil sie das Geld dafür gibt. In anderen Städten können Theatermacher freier arbeiten ...

Die Kunst lebt davon, spontan zu agieren. Deshalb ist es wichtig, eine gewisse Freiheit zu haben – dazu braucht es Ressourcen und Reserven. Hier in Bad Hersfeld – so mein erster Eindruck – ist der Haushalt sehr Spitz auf Knopf zugeschnitten. Derzeit ist das Budget noch kein Problem, aber wir wissen alle nicht, was die derzeitigen Krisen noch bringen werden. Zum Beispiel sind die „Bretter, die die Welt bedeuten“, unsere Bühne, diesmal deutlich teurer, weil wir einige Holzteile austauschen mussten. So was ist schwer kalkulierbar. Und auf der Einnahmenseite sind wir immer noch im Corona-Modus. Auch das bringt massive Unsicherheit.

Um den Bad Hersfelder Festspielen etwas mehr Planungssicherheit zu geben, wird seit Jahren über die Gründung einer gGmbH diskutiert. Wie stehen Sie zu diesem Thema?

In Wunsiedel waren die rechtlichen Rahmenbedingungen exakt so wie hier: Die Festspiele werden als Regiebetrieb der Stadt geführt, vielleicht mit etwas anderen Gewichtungen zwischen Stadt, Intendant und Geschäftsführer. Daran bin ich also gewöhnt. Dennoch ist mein erster Eindruck, dass eine gGmbH in den hiesigen Konstellationen durchaus hilfreich sein könnte. Auffällig ist in Bad Hersfeld nämlich die Art der Haushaltsstrukturierung. Es gibt hier zwar Zuschüsse vom Bund und vom Land – aber es gibt keinen Zuschuss der Stadt ....

... wie meinen Sie das?

Die Stadt engagiert sich natürlich extrem und unterstützt die Festspiele mit 1,4 bis 1,8 Millionen Euro pro Jahr. Aber das ist immer ein Defizitausgleich und kein Zuschuss. Ich kann hier als Kaufmann so gut arbeiten, wie ich will, aber ich habe immer ein Defizit. Das ist zwar nur ein formaler Aspekt, aber es ist eine Denkweise, die Auswirkungen hat.

Sind die Bad Hersfelder Festspiele im Vergleich zu anderen, ähnlichen Theaterfestivals eigentlich besonders teuer?

Sie sind im Vergleich zu den zehn Festspielstädten, die bundesweit kooperieren, tatsächlich die am besten ausgestatteten. Bayreuth, Bregenz oder Salzburg spielen finanziell allerdings in ungleich höheren Ligen. Über die künstlerische Beurteilung kann man leidenschaftlich diskutieren. Natürlich gibt es in anderen Festspielorten auch tolles Theater. Aber keiner dieser Orte hat dieselbe Ausstrahlung und Reputation wie Bad Hersfeld. Und das kriegen Sie nicht zum Nulltarif. Natürlich braucht Theater ein brennendes Feuer der Leidenschaft. Aber das allein reicht leider nicht aus. Festspiele brauchen auch Glanz und Glamour. Denn eben das zieht viele zahlende Besucher nach Bad Hersfeld und in die ganze Region. Wollte man diese Bekanntheit über Marketing-Kampagnen erreichen, wäre es sehr viel teurer.

Es lohnt sich also, etwas mehr Gage für bekannte Stars zu zahlen?

Absolut. Natürlich sind junge, unbekanntere Schauspieler oft auch leidenschaftlich und mitreißend. Aber sie locken noch keine auswärtigen Besucher an. Mit großen Stars können wir auch überregional in den Medien für Bad Hersfeld werben. Allerdings geht es nicht nur um die Darsteller, sondern auch um das Publikum. Das sieht man ja in Bayreuth und an der Prominenz, die dort über den Roten Teppich schreitet. Die Zeiten und damit auch die Stars haben sich massiv geändert. Festspiele konkurrieren heute auch mit Netflix.

Zur Finanzierung von Festspielen gehören auch Sponsoren. Mit den großen, überregionalen Geldgebern tun wir uns hier leider etwas schwer, aber auch die örtlichen Sponsoren klagen zuweilen darüber, dass ihr Engagement nicht ausreichend gewürdigt wird. Was wollen Sie für diesen Bereich tun?

Sponsoren sind superwichtig, weil wir ja alle sehen, dass die öffentlichen Haushalte immer mehr unter Druck geraten. In den USA etwa hat Kultursponsoring eine ganz andere Tradition und einen höheren Stellenwert. Die Würdigung dieses finanziellen Engagements ist natürlich eine Teamaufgabe, denn auch der Sponsor lebt ja von dem Glanz der Stars. Das wird hier auch so verstanden und gewollt. Und daran werden wir weiterarbeiten. Aber im Moment belastet uns extrem die aktuelle Corona- und Krisenlage. Umso mehr danke ich allen aktiven Sponsoren. Wir konnten zuletzt sogar drei neue Firmen als Unterstützer begrüßen.

Ihr Büro, wie auch das des Intendanten und die der restlichen Verwaltung liegt im Museumstrakt neben der Ruine in einem charmanten, aber etwas rustikalen Umfeld. Wie wichtig ist das neue Festspiel-Funktionsgebäude?

Es ist auf jeden Fall wichtig, saubere und rechtskonforme Arbeitsbedingungen zu haben. Es ist aber auch unerlässlich, dass die Verwaltung mitten drin im Geschehen sitzt. Sie nennen es rustikal, ich nenne es improvisiert. Für die kleine Kerntruppe der Verwaltung, die hier das ganze Jahr arbeitet, ist ein neues Gebäude notwendig. Und natürlich muss man bei einem solchen Neubau auf den besonderen Ort, den Zauber des Stiftsbezirks, Rücksicht nehmen.

Wenn man so wie Sie mit viel Leidenschaft den ganzen Tag hinter den Kulissen des Theaters arbeitet, reizt es einen dann nicht auch, selber einmal auf der Bühne zu stehen?

(lacht) Das habe ich schon hinter mir. In jungen Jahren habe ich das eine oder andere mal auf der Bühne gestanden. Wir haben damals für Kinder im ganzen Landkreis Theater gespielt und Kinderstücke mal für wenige, aber auch mal vor 1000 Zuschauern gespielt. Dabei lernt man viel. Aber ich habe auch im Bereich Bühnentechnik, Bühnenbild und Beleuchtung gearbeitet, sodass ich aus eigener Erfahrung sehr viele Bereiche des Theaters kennenlernen durfte.

Sie sind ja nicht Intendant, sondern „nur“ der Hüter des Geldes. Aber welches Stück würden Sie gern mal in der Stiftsruine sehen?

Die Stiftsruine trägt diesen sakralen Charakter. Deshalb bin ich immer noch begeistert von alten Fotos von „Jesus Christ, Superstar“. Auch „Der Name der Rose“ hat geradezu kongenial in die Ruine gepasst. Und deshalb freue ich mich in diesem Jahr auch auf „Notre Dame“. Das passt großartig in die Ruine und hat zudem einen sehr aktuellen Zeitbezug. (Kai A. Struthoff)

Festspiel-Fieber steigt: Premiere am 1. Juli

Mit „Notre Dame“ nach Victor Hugos gleichnamigen Roman von 1831 beginnen am 1. Juli die 71. Festspiele. „Die darin aufgeworfenen Fragen zu Ausgrenzung, Vorurteilen und gesellschaftlicher Stimmungsmache sind heute aktueller denn je“, sagt Intendant Joern Hinkel. „Der kleine Glöckner“ heißt die gekürzte Fassung als Familienstück. Wiederaufgenommen werden der „Club der toten Dichter“ und das Musical „Goethe“. Im Eichhof gibt es die Komödie „Volpone“. (kai)

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