Der Macher im Interview

Festspielintendant: Joern Hinkel: „Theater ist die Kunst des Handelns“

Joern Hinkel (51) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Er inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. Hinkel war Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit 2018 ist er Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, im Juli 2021 hat der Magistrat der Stadt seinen Vertrag bis 2025 verlängert. In Bad Hersfeld inszenierte er die „Sommernachtsträumereien“, Otfried Preusslers „Krabat“, die Komödie „Indien“ am Eichhof, Kafkas „Der Prozess“ und dieses Jahr „Der Club der toten Dichter“. Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Bad Hersfeld, Marburg und Berlin.
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Joern Hinkel (51) ist in Berlin geboren und studierte an der Bayerischen Theaterakademie Opern- und Theaterregie bei August Everding. Er inszenierte zahlreiche Opern, Theaterstücke, aber auch Kurz- und Dokumentarfilme. Hinkel war Lehrbeauftragter für Schauspiel an der Bayerischen Theaterakademie. Seit 2018 ist er Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, im Juli 2021 hat der Magistrat der Stadt seinen Vertrag bis 2025 verlängert. In Bad Hersfeld inszenierte er die „Sommernachtsträumereien“, Otfried Preusslers „Krabat“, die Komödie „Indien“ am Eichhof, Kafkas „Der Prozess“ und dieses Jahr „Der Club der toten Dichter“. Hinkel hat einen Sohn. Er lebt in Bad Hersfeld, Marburg und Berlin.

Mit der Uraufführung von „Notre Dame“, inszeniert von Joern Hinkel nach dem bekannten Roman von Victor Hugo, beginnen die 71. Bad Hersfelder Festspiele am 1. Juli 2022.

Bad Hersfeld - Das Programm hat der Intendant am Freitag bekannt gegeben (unsere Zeitung berichtete). Wir haben anschließend mit ihm unter anderem über seine Inspiration und die sogenannte Mapping-Technik gesprochen, die erstmals eingesetzt wird.Dabei wird mit computeranimierten Projektionen gearbeitet, die auf die Architektur der Stiftsruine zugeschnitten sind und diese etwa in Brand setzen können.

2021 hat sich der Mut zum Risiko gelohnt. Wie optimistisch sind Sie mit Blick auf die Corona-Pandemie für die Saison 2022?

Wir sind aktuell wieder in einer sehr schwierigen Situation, trotzdem blicke ich für den Sommer optimistisch in die Zukunft. Mit der Möglichkeit zur Impfung haben wir ganz andere Voraussetzungen für den Proben- und Vorstellungsbetrieb. Wir sind in der glücklichen Situation, ab Juli unter freiem Himmel spielen zu können, insofern bin ich zuversichtlich. Wir verkaufen ab dem 29. November zunächst Tickets unter 2-G-Bedingungen, je nachdem, wie sich die Situation entwickelt, werden wir schnell und flexibel reagieren. Dass wir das können, haben wir dieses Jahr bewiesen. Und wie heißt es: Theater ist die Kunst des Handelns.

Regelmäßige Tests, getrennte Ensembles, Maske, Kontaktverbot – all das wurde dieses Jahr schon „geprobt“. Wird es mit dieser Erfahrung im nächsten Jahr einfacher?

Hoffentlich. Zu Probenbeginn in diesem Jahr gab es noch nicht für jeden eine Impfmöglichkeit. Das ist jetzt natürlich anders, wir hoffen in diesem Sinne auch, dass die meisten Mitarbeiter, die sich bewerben, geimpft sind. Wir werden in jedem Fall auf die jeweils aktuelle Situation entsprechend reagieren und uns den geltenden Regeln anpassen. Man muss aber auch ganz deutlich sagen: Alle wissen um die Lage, in der wir uns befinden, und es ist nicht nur das Risiko des Arbeitgebers, sondern auch des Arbeitnehmers. In diesem Sinne sollte einfach jeder verantwortlich handeln.

Sie inszenieren 2022 „Notre Dame“, was genau hat Sie dazu bewegt?

Es gab tatsächlich einen ganz konkreten Anlass. Ich besuchte den Glockenturm der Hersfelder Stadtkirche, und beim Abstieg fingen die Glocken an zu läuten. Das hat mich sehr beeindruckt und mich an die Geschichte erinnert. Ich kannte die Handlung aus drei Filmen und unterschiedlichen, allerdings sehr kitschigen Bühnenfassungen. Den Roman von Victor Hugo hatte ich bis dahin noch nicht gelesen. Das holte ich sofort nach und war begeistert von der Themenvielfalt und der Modernität. Wir erleben eine Gesellschaft, die sich im Wandel befindet, eine Weltenwende, den Aufbruch vom Mittelalter in die Neuzeit. Es geht um fünf Liebesgeschichten, fünf Variationen über das Thema Liebe - von der eigentlich verbotenen Liebe eines Geistlichen zu einer Frau, der hin- und hergerissen zwischen Zölibat und Sehnsucht zerbricht, über die unverbindliche Eintags-Liebe frei nach dem Motto „wir schlafen mal miteinander, aber geh danach bitte wieder“ bis hin zur selbstlosen Liebe von Quasimodo zu Esmeralda.

Sie arbeiten dafür mit dem Dramaturgen Tilmann Raabke zusammen. Wie muss man sich eine solche Gemeinschaftsproduktion vorstellen?

(lacht) Dafür gibt es kein Schema. In dem Fall ist es so, dass sich jeder die Romanvorlage vornimmt und die Stellen rausstreicht, von denen er glaubt, dass sie nicht wichtig sind. Dann setzen wir uns zusammen und diskutieren. Wir lesen beide viel über den Autor und recherchieren. Tilmann Raabke informiert sich zudem ganz umfassend über die damalige Zeit und erzählt mir davon. Jeder entwirft seine Sicht der Geschichte, wählt die für ihn wichtigen Szenen aus. Über die Themen, die wir besonders herausstellen möchten, einigen wir uns aber natürlich schon vorab, um nicht vollkommen ins Blaue hinein zu schreiben.

Und in welchem Stadium befindet sich dieser Schaffensprozess?

Wir sind noch im ersten Drittel, würde ich sagen (lacht). Das heißt, wir diskutieren über Charaktere, Szenen und Handlungsstränge. Die Niederschrift der Dialoge ist der letzte Schritt. Wir haben also noch viel Arbeit vor uns, aber wir werden rechtzeitig fertig sein und sind noch nicht unter extremem Zeitdruck (lacht). In zwei Jahren wird es vermutlich ein bereits bestehendes Stück geben. Aber die Literatur ist so voller Geschichten, die es wert sind, auf eine Bühne gebracht zu werden, und die immer wieder anders erzählt werden können.

Ideen bis mindestens 2025 gibt es also genug?

(lacht) Die wären sogar bis 3025 gesichert!

Alter Stoff, neue Technik könnte man sagen. Nicht immer kommen technische Experimente aber gut an, die Grenze zwischen Theater und Kino scheint mitunter zu verschwimmen. Was fasziniert Sie am Mapping?

Das Bauwerk, die Kathedrale Notre-Dame, spielt eine der wichtigsten Rollen in der Geschichte. Sie spiegelt das Seelenleben der Protagonisten wider und ist gleichzeitig ein Symbol des Untergangs einer Epoche, einer Geisteshaltung. Party und Politik sind plötzlich wichtiger als der Glaube an Gott. Dieses Gebäude möchte ich zum Leben erwecken, ähnlich wie es auch im Roman passiert. Die Mapping-Technik habe ich schon ein paar Mal gesehen, ich finde sie sehr interessant und faszinierend. Wenn man sie nicht zu inflationär und zu dekorativ einsetzt, ist es eine spannende Möglichkeit, den Bühnenraum zu erweitern. Ich betrachte die Projektionen als Teil des Bühnenraums und nicht als Teil der Handlung. Mit Videoeinspielern ist das Mapping nicht zu vergleichen. Wenn es von Profis gemacht wird, ist es einfach atemberaubend. Und wir haben mit Parviz Mir-Ali einen der namhaftesten Mapping-Künstler in Deutschland engagiert.

Mit „Der Club der toten Dichter“ und „Goethe!“ wird es auch zwei Wiederaufnahmen geben. Warum ausgerechnet die beiden?

Wir hatten von Anfang an mit zwei Jahren geplant. Beide Stücke kann man aktuell auch nur bei uns und auf keiner anderen Bühne sehen. Noch dazu konnten in der vergangenen Saison nur halb so viele Zuschauer die Stücke sehen wie sonst üblich. Ich gehe deshalb fest davon aus, dass viele es nun nächstes Jahr oder vielleicht auch ein zweites Mal sehen wollen. Bei beiden Stücken waren die Reaktionen sehr euphorisch, wenn es anders gewesen wäre, hätten wir es sicher auch nicht erneut angesetzt. So bin ich zuversichtlich, dass sowohl „Der Club der toten Dichter“ als auch ,,Goethe!“ ihr Publikum finden werden.

Am Eichhof soll ebenfalls wieder gespielt werden. Gibt es auch für dieses Stück einen Plan B, falls es dort doch wieder zu beengt ist?

Über einen Plan B denke ich noch nicht nach, wo wir gerade erst Plan A in die Tat umsetzen. Wir werden immer einen Weg finden und flexibel auf die aktuelle Situation reagieren.

Im Raum stand auch eine Wiederaufnahme von Momo. Extra Geld gab es dafür aber nicht. Wird dem Familienstück als Teil des Programms zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil, das Familienstück wird von der Kommunalpolitik, den Sponsoren, den Medien und natürlich den Besuchern sehr geschätzt. Es hat einen großen Stellenwert. Dass „Momo“ nicht erneut aufgeführt wird, lag nicht am Geld, es war eine inhaltliche Entscheidung. Es kann auch sein, dass Momo noch mal wiederkommt. „Der kleine Glöckner“, das Stück, das nun 2022 auf dem Spielplan steht, ist eine für Kinder ab zehn Jahren geeignete Kurzversion von „Notre Dame“. Solche Kurzversionen mit den Originaldarstellern gibt es in der Oper häufig. Es soll in Bad Hersfeld nicht zur Regel werden, ist aber eine interessante Option, um Kinder und Jugendliche ans „große“ Theater heranzuführen.

Apropos Geld: Die Planungen für das Festspielfunktionsgebäude sind aus Kostengründen vorerst gestoppt worden. Wie enttäuscht sind Sie?

Das ist schade, aber nachvollziehbar. Der Etat wurde schon vor vielen Jahren festgelegt, man kann aber heute nicht mehr für die gleichen Kosten bauen wie damals. Die Entscheidung ist deshalb vernünftig und richtig, auch wenn die beengte räumliche Situation für die Festspiele schwierig ist. Wir haben bei dem Projekt nicht auf die Stopp-Taste gedrückt, sondern nur auf die Pause-Taste. Wir sind in Gesprächen und werden eine Lösung finden.

Mit dem Weggang von Andrea Jung fehlt aktuell außerdem ein kaufmännischer Leiter bzw. eine kaufmännische Leiterin. Wer hat nun die Finanzen im Blick?

Formal und auch im praktischen Sinn hat Bürgermeister Thomas Fehling die Kaufmännische Leitung kommissarisch übernommen, denn wir sind ein städtisches Unternehmen. Außerdem schätze ich die Arbeit unseres Creative Producers, der für die Verhandlungen mit den technischen Gewerken zuständig ist, und darüber hinaus einer meiner wichtigsten Ansprechpartner für alle organisatorischen und finanziellen Fragen ist. Einige Tätigkeiten sind darüber hinaus kurzfristig auf andere Mitarbeiter verteilt worden. Wir sind in der glücklichen Situation, einen erfahrenen Nachfolger gefunden zu haben, mit dem wir bereits im Austausch stehen. Voraussichtlich im Frühjahr wird die vakante Stelle wieder besetzt sein.

Von Nadine Meier-Maaz

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Kommentare

Peter Fox
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Intendant schön und gut, aber wann wird denn mal wieder ein(e) richtig gute(r) Regisseur(in) verpflichtet.Irgendwie wird hier seit einigen Jahren auf der Stelle rumgetrampelt.Eine zukunftsweisende Ausrichtung ist leider nicht zu erkennen.Digital reicht dafür jedenfalls nicht.