Kraft am Abgrund

Natascha Hirthe spielt bei den Festspielen in "A long way down"

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Keine Angst, sie springt nicht: Natascha Hirthe auf der Mauer des Stiftbezirks. 

Bad Hersfeld – Manchmal muss man in den Abgrund blicken, um darin Kraft und Inspiration zu finden. So ging es wohl auch Natascha Hirthe.

Sie spielt im Eichhof-Stück „A long way down“ die Selbstmörderin Maureen spielt, die ihren behinderten Sohn bis zur Selbstaufgabe pflegt. Auf der Bühne verkörpert Natascha Hirthe die graue Maus so überzeugend, dass die Zuschauer sie oft gar nicht wiedererkennen. Kein Wunder, denn eigentlich ist sie eine strahlende Persönlichkeit voller Lebensfreude.

Natascha ist 14 Jahre alt, als ihr Vater, der Schauspieler und Synchronsprecher Martin Hirthe, an einer schweren Krankheit stirbt. Martin Hirthe war ein Star im West-Berliner Kulturleben. 1961 stand er als Bettler in „Das Salzburger große Welttheater“ auch bei den Bad Hersfelder Festspielen auf der Bühne.

Behütete Kindheit

Bis heute hört man seine markante Stimme, die er Yul Brynner, Henry Fonda, Karl Malden, Gregory Peck oder Bud Spencer lieh, in alten Filmen. Auf einen Schlag endete damals Nataschas behütete Kindheit in dem großen Haus am Schlachtensee.

„Plötzlich legte sich ein großer grauer Teppich über alles, nichts war mehr unbeschwert, da war eine Dumpfheit, aus der man kaum herauskommt“, erinnert sich Natascha Hirthe. Diese schwere Zeit hat sie geprägt. „Es war eine wertvolle Erfahrung. Noch heute kann ich in Zeiten, in denen ich traurig bin, daraus schöpfen“, sagt sie rückblickend. Vielleicht liegt es daran, dass sie so überzeugend die Rolle der lebensmüden Maureen spielt.

Für Natascha Hirthe überwiegen trotzdem die positiven Erinnerungen an eine schöne Kindheit. „Berlin war damals eine Insel der Kultur“, erinnert sie sich. Es gab viele subventionierte Offtheater, und Schauspieler konnten von ihrem Beruf gut leben. „Heute ist der Existenzkampf viel härter geworden.“ Damals, in der Zeit der deutschen Teilung, sei es zudem ein Bekenntnis gewesen, in West-Berlin zu leben. Berlin ist jetzt zwar hip und angesagt, aber gerade für Künstler „weht ein scharfer Wind“, sagt sie. „Der West-Berliner Charme ist weg.“ Viele der traditionsreichen Theater seien inzwischen geschlossen, Investoren und Geld bestimmen in der Stadt.

Sie lebt noch immer in Berlin

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war Natascha Hirthe noch Schauspielschülerin und gerade bei einer Vorstellung im Hebbel-Theater. Danach waren plötzlich die Straßen und die U-Bahnhöfe so voll, erinnert sie sich an jene Tage der Euphorie. Heute spüre man zumindest in Berlin kaum noch Unterschiede zwischen Ost und West. Die verbreitete politische Unzufriedenheit habe jedenfalls nichts mit den Folgen des Mauerfalls zu tun.

Natascha Hirthe lebt immer noch gern in Berlin. Aber sie genießt auch die Zeit in Bad Hersfeld, fernab vom hektischen Großstadtleben. Morgens geht sie gern Schwimmen im Fuldasee – sogar bei Regen. Den Eichhof schätzt sie als intime Spielstätte und fühlt sich gut ins große Ensemble integriert. „Wir sind eine Einheit – auch wegen Joern Hinkel, der großen Anteil an unserer Arbeit nimmt.“ Deshalb würde sie auch gern wieder nach Bad Hersfeld kommen: „Es wäre wundervoll, auch mal in der Ruine zu spielen.

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