Bad Hersfelder Festspiele

Montagsinterview mit Regisseurin Tina Lanik: „Das Stück hat viel mit uns zu tun“

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Zum ersten Mal unter freiem Himmel: Tina Lanik, Regisseurin der „Italienischen Nacht“ bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Ein Stück, das 90 Jahre alt ist, aber ganz aktuell scheint, wird die Regisseurin Tina Lanik bei den Bad Hersfelder Festspielen inszenieren: Ödön von Horváths „Italienische Nacht“.

Für unsere Zeitung hat Redakteur Karl Schönholtz Tina Lanik getroffen, als sie vor einigen Tagen zur Besprechung mit Intendant Joern Hinkel in Bad Hersfeld war.

Frau Lanik, wenn man in Ihre Biografie schaut, dann haben Sie bisher ausschließlich in geschlossenen Häusern gearbeitet. Wird das Theater unter freiem Himmel in Bad Hersfeld eine besondere Erfahrung?

Klar, das hat hier seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Aber ich war als Besucherin natürlich schon öfter in Freilichttheatern. Das ist jetzt eine schöne Herausforderung und mal etwas anderes als die schwarze Guckkasten-Bühne. Man ist auch im Theater dankbar, wenn es Räume gibt, die anders bespielt werden und anders funktionieren als das klassische Modell. Aber hier muss man natürlich auch erst mal gegen diese imposante Kulisse ankommen.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Sie bei den Festspielen Regie führen werden?

Ich habe Joern Hinkel über den früheren Dramaturgen Joachim Ruckhäberle kennengelernt. Wir sind schon viele Jahre in Kontakt, wollten immer mal etwas zusammen machen, und jetzt hat es geklappt.

Sind Sie vor Ihrem jetzigen Besuch schon einmal in Bad Hersfeld gewesen?

Ja. Ich habe mir in der Stiftsruine „Peer Gynt“ angeschaut. Also war ich vor anderthalb Jahren zum ersten Mal hier.

Dann sind Sie mit den Dimensionen der Bühne vertraut...

Genau, ich kenne die Stiftsruine nicht nur unbespielt so wie im Moment, sondern mit Aufführung, Publikum und allem Drum und Dran.

Die „Italienische Nacht“ trägt den Untertitel „Ein Volksstück“. Das klingt so schön harmlos. Das ist es aber nicht?

Nein. Ich bin großer Horváth-Fan und sollte die „Italienische Nacht“ vor zwei Jahren schon mal am Residenztheater in München inszenieren. Es war lange ein etwas vernachlässigtes Stück, wird aber momentan viel gespielt. Insofern hast Du damit den Nagel auf den Kopf getroffen (blickt zu Joern Hinkel).

Das Stück ist in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden und hat Kommendes vorweggenommen. Da gibt es Parallelen zu heute.

Es spiegelt erschreckend genau die Spaltung der Linken und die Frage, wie man mit den Rechten umgeht. Wenn man es heute liest und sich die Begriffe von damals wegdenkt, dann hat das Stück sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun. Und das ist ein eher erschreckender Befund. Es ist wichtig, so ein Stück aufzuführen, mal ganz abgesehen davon, dass die Figuren interessant sind, dass es auch atmosphärisch ganz toll ist und dass viel Musik vorkommt. Es ist alles drin und hat dennoch diesen politischen und gesellschaftlichen Anspruch.

Wissen Sie schon, wie deutlich Sie das machen werden?

Das liegt derart auf der Hand, da braucht man aus den Faschisten keine AfDler zu machen. Ich finde es viel interessanter, es sprachlich in der Zeit zu belassen. Es ist ja das Erschreckende, dass es offensichtlich eine Wiederkehr des Faschismus und Nationalismus gibt. Wie ein Krebsgeschwür. Man denkt, man hat es ausgerottet, und dann kommt es an einer anderen Stelle wieder.

Der Text ist aber keineswegs nur ernst. Wollen Sie mit Ihrer Inszenierung auch unterhalten?

Na klar. Man kann sich ja auch darüber erheitern, wie viele das Bedrohliche gar nicht ernst nehmen. Bei Horváth ist immer auch Tragikomik dabei, etwa in den durchgeknallten Figuren mit ihren komischen Ansichten.

Im Grunde spielt das ganze Stück in einer Wirtschaft. Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, auch den weiten Raum der Stiftsruine zu nutzen?

Das ist der Grund meines Besuches. Aber ich werde sicher nicht einfach eine Wirtschaft auf die Bühne stellen. Man muss da eine Übersetzung finden.

Sie besprechen sich jetzt mit Intendant Joern Hinkel. Wie weit sind Sie denn aktuell mit Ihren Vorbereitungen für die Festspiele - in Prozent?

In Prozent? (lacht) 30? Oder 20? (Joern Hinkel nickt anerkennend: „Immerhin!“). Es gibt noch keine Fassung, aber wir sind an der Besetzung und am Bühnenbild. Es gibt Überlegungen, Figuren zu streichen und zusammenzuziehen. Es ist der ganz normale Vorlauf.

30 Prozent klingen gut.

Vielleicht sind es aber auch nur 28 oder 25...

Zur Person

Tina Lanik (45), wurde in Paderborn geboren. Sie wuchs in Stuttgart auf und studierte 1994 bis 1996 Politikwissenschaft an der Universität Wien mit dem Ziel, in den diplomatischen Dienst zu treten. 1996 machte sie eine Regiehospitanz am Staatstheater Stuttgart bei Elmar Goerden. Goerden empfahl sie anschließend als Regieassistentin an das Schauspielhaus Wien, worauf sie ihr Studium abbrach. 1997 wurde sie Regieassistentin bei Luc Bondy am Théâtre Vidy in Lausanne. Ihr Regiedebüt gab sie 1999 mit der Belgrader Trilogie von Biljana Srbljanovic am Rabenhof Theater in Wien. Seit 2002 inszeniert sie regelmäßig am Residenztheater München. Aktuell ist sie unter anderem am Staatstheater Stuttgart und am Schauspiel Nürnberg tätig. (ks)

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