Von Leben und Tod

Marianne Sägebrecht las in der Bad Hersfelder Stadtkirche

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Einen großen Auftritt hatten auch die Kantorettis und die Mini-Musikmäuse aus der Stadtkirchengemeinde.

Bad Hersfeld – Schauspielerin Marianne Sägebrecht las auf Einladung in der Stadtkirche aus ihrem Buch „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“.

„Wir können die Länge unseres Lebens nicht beeinflussen, aber wir können für die Breite und Tiefe Verantwortung übernehmen“ – Sätze wie diesen gibt es viele in Marianne Sägebrechts Buch „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“, in dem die Schauspielerin und Autorin Erfahrungen aus ihrem langjährigen Engagement in der Sterbebegleitung und in der Hospizarbeit verarbeitet. Jetzt las Sägebrecht, die in der Festspiel-Inszenierung „Der Prozess“ als Zimmerwirtin Frau Grubach Josef K. liebevoll umsorgt, auf Einladung der Hoehlschen Buchhandlung in der Stadtkirche und viele kamen, um die Schauspielerin aus der Nähe zu erleben.

Und Marianne Sägebrecht, die bekennende Christin, die nach eigenen Angaben schon in ihrer Kindheit eine gute Portion Hinduismus und Buddhismus in ihren „Gebetsteppich“ eingewebt bekommen hatte, hatte viel zu erzählen und sie machte sich nahbar. Sie freute sich sichtlich über den Auftritt der Kinderchöre der Stadtkirche, der Mini-Musikmäuse und der Kantorettis, die unter der Leitung von Kantor Sebastian Bethge und Annelie Hopt gleich zu Beginn Stimmung in die Kirche brachten. Außerdem signierte sie für ihre Fans, die geduldig Schlange standen, während der Pause und nach der Lesung unzählige Bücher. Ihre Lesung begann mit einer Schilderung ihrer eigenen Geburt im August 1945. Die „im Sommer geborenen, sonnengeküssten Kinder“ seien damals die Garanten des Neuanfangs gewesen, die allerdings - wie sie eindringlich beschrieb - in eine Welt voller körperlicher und seelischer Kriegsbeschädigungen, gegen die auch Baldriantinktur und Cognac sich als machtlos erwiesen - geboren wurden. Liebevoll und zärtlich zeichnete Sägebrecht ihre Mutter und die resolute Hebamme Annegret, aber auch ihren Großvater, einen Gärtner und begeisterten Schamanen, bei dem Marianne, deren Vater in den letzten Kriegswochen gefallen war, mit ihrer Mutter lebte.

Sie schilderte ihre Erfahrungen mit der Sterbebegleitung, die sie bereits als Jugendliche gemacht hatte. Schon damals wäre sie am liebsten eine „Hebamme der heimkehrenden Seelen“ geworden, doch eine feinfühlige Berufsberaterin habe dafür gesorgt, dass sie als medizinisch-diagnostische Assistentin stattdessen eine „Assistentin im Diesseits“ geworden sei. Zwischendurch verfiel Sägebrecht auch ins Urbayerische, als sie ein Kapitel las, in dem sie einer vermeintlichen Journalistin mit Adelsprädikat aus ihrem Leben erzählte, die sich am Ende jedoch als eine ganz andere Person entpuppte. Und sie erzählte auch von ihrem Engagement für jugendliche Strafgefangene, die ihr auch deswegen am Herzen lägen, weil sie ansonsten meist keine Lobby hätten.

Musikalisch wurde Sägebrecht von der Violinistin Andrea Schumacher aus München begleitet, die mit Werken von Johann Sebastian Bach, Paul Hindemith, Georg Philipp Telemann, Gideon Kremer und Johannes Brahms instrumentale Glanzpunkte zwischen Sägebrechts Texte und Plaudereien setzte. Mit ausgesucht feiner Klangfärbung und sowohl dynamisch als auch agogisch ausgesprochen lebendiger Gestaltung schaffte Schumacher sehr wirkungsvolle Zäsuren und setzte mit einer augenzwinkernd gespielten Version von Scott Joplins Ragtime-Klassiker „The Entertainer“ einen feinen und vergnüglichen Schlusspunkt unter den im wahrsten Wortsinn herzerwärmenden Abend, für den sich das Publikum am Schluss mit stehenden Ovationen bedankte. (uj)

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