ZWISCHEN DEN ZEILEN

Literarische Probleme und das Leben live

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Kalr Schönholtz

Unser Kolumnist beschäftigt sich diesmal mit der Aktion "Bad Hersfeld liest ein Buch" und menschlichen Abgründen vor Gericht.

Um die alljährliche Literatur-Aktion „Bad Hersfeld liest ein Buch“ hatte es zuletzt Irritationen gegeben, weil sich in Zeiten von Corona natürlich die Frage stellt, ob und wie eine solche Veranstaltung überhaupt stattfinden kann. Die Magistratsvorlage mit dem Beschlussvorschlag einer Absage wurde am Montag noch einmal zurückgestellt (unsere Zeitung berichtete), weil sich die Auswahl-Jury mit Überlegungen für ein der Situation angepasstes Programm zu Wort gemeldet hatte. 

Am vergangenen Donnerstag trafen sich nun die Jury-Mitglieder, zu denen ich auch gehöre, mit den zuständigen Mitarbeitern der Verwaltung. Zwar gelang die prompte Verständigung auf einen Buchtitel, doch bei den organisatorischen Fragen wurden ebenso schnell etliche Probleme deutlich. An diesen soll nun gearbeitet werden: Die Jury wird entsprechende Vorschläge machen und dem Magistrat zur Entscheidung übermitteln. 

Schließlich ist unter der Maßgabe von Vorsicht und Abstand nur wenig geeigneter als das Lesen eines Buches, um kulturellen Entzugserscheinungen entgegenzuwirken. Und für die Diskussion und den Austausch über das Gelesene sollten sich gerade in einer Smart City wie Bad Hersfeld geeignete Möglichkeiten finden lassen. Alles andere wäre ein Armutszeugnis.

Wer einmal live erleben möchte, wie es im richtigen Leben zugeht, der sollte sich ab und an mal in einen Gerichtssaal setzen. Abseits der Fragen nach Schuld und Bestrafung erlauben viele Verhandlungen Einblicke hinter die Fassaden bürgerlichen Lebens. 

Das hat sich dann kein pfiffiger Drehbuchautor ausgedacht, sondern eine meist in unserer unmittelbaren Nachbarschaft spielende Realität. Und die handelnden Personen sind keine Schauspieler, sondern Menschen wie du und ich. 

Wobei – irgendwie hofft man ja, manchen dieser Protagonisten nicht allzu ähnlich zu sein. Denn wenn ich mir das Drama um das in Heringen misshandelte Baby anschaue, dann wird mir angst und bange. Problematische familiäre Verhältnisse mit völlig überforderten Eltern haben das Geschehen – wie auch immer es konkret abgelaufen ist – erst möglich gemacht. 

Wer selber Kinder in die Welt gesetzt hat, kennt Grenzbereiche, in denen falsche Reaktionen und Entscheidungen zumindest im Bereich des Möglichen lagen. Glücklich der- und diejenige, die den kritischen Punkt dann doch nicht überschritten haben. Wenn aber alles um einen herum labil ist, dann ... ja, dann passieren Dinge, die auf keinen Fall passieren sollten. Und das ist dann eben kein Film, sondern die grausige Wirklichkeit.

Gerne wiederhole ich alle paar Wochen meine Frage, warum denn am Bad Hersfelder Bahnhof zum Hessentag zwei elektronische Übersichtstafeln mit den Abfahrtszeiten der nächsten Züge installiert worden sind, wenn die Dinger dann wochen- oder mittlerweile gar Monate lang nicht funktionieren? Wäre echt nicht schlecht, wenn sich da mal jemand drum kümmern würde.

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