Zeugen wollen Angeklagten schützen

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Bad Hersfeld – Ein „denkwürdiges Verfahren“ erlebten die Beteiligten des Strafprozesses gegen einen 48 Jahre alten Polizisten aus Rotenburg.

Dem Polizisten werden mehrere Gewalttaten, Geheimnisverrat und Betrug vorgeworfen werden. Denkwürdig fand Richter Elmar Schnelle vor allem das Verhalten der wichtigsten Zeugin und ihrer Mutter.

Die 23-jährige, die neben einer fünfjährigen Tochter aus einer früheren Beziehung noch ein gemeinsames Kind mit dem Angeklagten hat, ließ durch Rechtsanwalt Artak Gaspar als Zeugenbeistand mitteilen, dass sie bei ihren Aussagen bei der Polizei möglicherweise nicht richtig nachgedacht habe, dass sich also die Vorfälle, bei denen der Angeklagte sie und einen Bekannten geschlagen und verletzt haben soll, nicht so zugetragen hätten, wie ursprünglich behauptet.

Aktuell wollte sie in der Verhandlung, zu der sie mit einer Stunde Verspätung eintraf, nachdem sie den ersten Termin am Dienstag ohne Entschuldigung versäumt hatte, gar nichts sagen. Sie berief sich auf ein Aussageverweigerungsrecht als Verlobte des Angeklagten. Da der aber noch nicht rechtskräftig geschieden ist, hat die Verlobung nur eine private, nicht aber eine rechtliche Bedeutung, machten sowohl Richter Elmar Schnelle als auch Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer deutlich. Als die Angeklagte trotzdem nichts sagen wollte, wurde ihr Beugehaft von bis zu einem halben Jahr in Aussicht gestellt. Polizeibeamte, die sie festnehmen sollten, saßen bereits im Gerichtssaal, als die junge Frau es sich doch noch anders überlegte.

Dabei war sie aber sehr bemüht, ihren Lebensgefährten zu schützen. Von der Schlägerei in der Wohnung eines Bekannten am 11. Februar 2019 will sie gar nichts mitbekommen haben, weil sie mit ihrer Tochter in die obere Etage geflüchtet sei, sobald der Angeklagte ins Haus gestürmt war. Dass das so nicht stimmte, verriet sie mehrfach in Halbsätzen. Einen weiteren Vorfall vom 7. Dezember 2018, bei dem der Angeklagte sie geschlagen, ihr Handy kaputt getreten und sie auf den mit Glasscherben bedeckten Boden geschleudert haben soll, versuchte die Zeugin zu entschärfen, indem sie unter anderem Provokationen einräumte und sagte, der Schlag auf den Mund, bei dem mehrere ihrer Zähne gelockert wurden, sei nicht beabsichtigt gewesen. Demonstrativ küsste sie den Angeklagten, bevor sie den Saal verließ.

Wenig erhellend war auch die Aussage ihrer Mutter, die behauptete, noch nicht einmal nachgefragt zu haben, was passiert sei, als ihre Tochter weinend und blutend zu ihr kam. Zahlreiche Ungereimtheiten in den Aussagen von Mutter, Tochter und Lebensgefährten der Mutter, die alle im Haus des Angeklagten leben, werden möglicherweise für die Beteiligten noch Folgen haben. Denn Falschaussagen vor Gericht sind strafbar. Auf jeden Fall muss die junge Frau ein Ordnungsgeld von 100 Euro wegen des verpassten Termins am Dienstag zahlen. Die Verhandlung wird am 11. Februar fortgesetzt.

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