Er zieht seit sechs Jahren von Kloster zu Kloster

Vom Pilger zum Prediger: Nach 30.000 Kilometern hat Maik John ein neues Ziel

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Kurz vor dem Ziel, zumindest für seine Verhältnisse: Maik John macht einen Zwischenstopp in Bad Hersfeld, bevor er zum Übernachten ins rund 26 Kilometer entfernte Hünfeld weiterzieht. Auf dem Benno-Schilde-Platz präsentiert er einige seiner gesammelten Stempel. 

Gut zu Fuß nimmt bei Maik John andere Dimensionen an: Der Pilger ist seit bald sechs Jahren in Deutschland und Europa unterwegs. 30.000 Kilometer, sagt er, hat er zurückgelegt. 

Maik John befindet sich in einer für Pilger ungewöhnlichen Situation: Er hat wenig Zeit. Es ist später Nachmittag, er muss noch seinen Pilgerstempel abholen, den Beweis dafür, dass ihn sein Weg durch Bad Hersfeld geführt hat. Und er will vor dem Abend im Kloster in Hünfeld sein – sonst hat er für die Nacht kein Dach über dem Kopf. 

Aus der Ruhe bringt das den 53-Jährigen allerdings nicht. Bald sechs Jahre ist John in ganz Europa unterwegs – von Kloster zu Kloster, von Pfarramt zu Pfarramt. Jetzt, sagt er, hat er „die Grenze geknackt“ und 30 000 Kilometer zurückgelegt.

Bereits im Juni des vergangenen Jahres hatte es den Pilger in den Kreis Hersfeld-Rotenburg verschlagen. „Es gibt in Deutschland, wahrscheinlich in ganz Europa, keinen Pilger, der länger unterwegs ist als ich“, war er sich schon da bei seiner Station in Rotenburg sicher. 24 800 Kilometer will er zu diesem Zeitpunkt zurückgelegt haben (auf Kosten von acht Paar Schuhen). 

Gut zu Fuß: Kaum ein Pilger, da ist sich Maik John sicher, ist länger unterwegs als er. Im Juni machte der 53-Jährige in Rotenburg Station.

Jetzt – sieben Monate später – sollen es noch einmal 5200 mehr sein. Rein rechnerisch macht das rund 743 Kilometer pro Monat und 25 Kilometer pro Tag. Jeden Tag. Ist das nicht auch für einen Mann mit so durchtrainierten Waden, wie John sie nach bald sechs Jahren Pilgerschaft hat, eine allzu große Herausforderung? An guten Tagen, sagt er, schafft er 45 Kilometer.

Als Beweis sammelt er Stempel

Doch Maik John verlässt sich nicht allein darauf, dass andere ihm glauben. Daher die Pilgerstempel. Mehr als 1300 davon will er auf seinem Weg gesammelt haben: in Rom, in Finnland und Norwegen, auf dem Jakobsweg. Sie sind sein Beweis, dass er gesehen hat, was er gesehen hat, gewesen ist, wo er gewesen ist. Natürlich macht er auch mal eine Ausnahme und nimmt den Zug, „wenn es eng wird und ich sonst kein Dach über dem Kopf habe“. 

Wie jetzt, auf dem Weg nach Hünfeld, das rund 26 Kilometer und damit zu Fuß auch für ihn zu weit entfernt liegt, um vor dem Abend anzukommen. Im Sommer hätte er wohl einfach unterwegs sein Zelt aufgeschlagen. „Das fällt im Winter natürlich flach“, sagt er. Der einzige Unterschied, so der 53-Jährige, den die Jahreszeit für ihn ausmacht: „So lange ich laufe, bleibe ich warm.“

Beim Aufbruch in Kassel ließ er die EC-Karte liegen

Dass solche „Abkürzungen“ die Ausnahme bleiben, dafür sorgt schon der Umstand, dass John auf Spenden angewiesen ist. Seine EC-Karte hat er im März 2013 bei seinem Aufbruch in Kassel zurückgelassen. Weder ein Leben in der nordhessischen Großstadt noch im thüringischen Mühlhausen, wo der Bäckermeister jahrelang im Betrieb der Eltern gearbeitet hat, kann er sich heute noch vorstellen. Dabei ist es nicht so, dass Maik John nicht mehr backen könnte. „Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht“, sagt er. In der Klosterbäckerei verdiene er sich oft seine Unterkunft. Vielmehr schreckt ihn der Gedanke, länger an einem Ort zu bleiben.

Für sein neues Ziel braucht er das nicht: Aus dem Pilger soll ein Priester werden. Ein „Wanderpriester“. Um das zu lernen, will er vorübergehend sesshaft werden. Wo und wie lange, weiß er nicht genau. Eins ist zumindest sicher: Bisher ist er auf seinem Weg stets angekommen.

Hintergrund: Früher Buße, heute Entschleunigung

Lange pilgerten Menschen nur aus religiösen Motiven, etwa um Buße zu tun. Ab der Reformation nahm die Bedeutung des Pilgerns ab. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist es wieder in Mode, sich auf zu machen, zu entschleunigen, neue Wege zu finden. Der wohl bekannteste Pilgerweg ist der Jakobsweg. Jährlich machen sich 200 000 Pilger auf den Weg.

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