Rezension: Dieter Wedels "Martin Luther - der Anschlag" hat viele Stärken und einige Längen

Ringen mit Gott und dem Teufel

Sie ringen miteinander und um ihren Glauben: Kardinal Cajetan aus Rom (Robert Joseph Bartl, hinten) und der deutsche Reformator Martin Luther (Christian Nickel). Fotos: Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Da kauert er und kann nicht anders. In seinen Armen die tote Tochter. Von seinen Freunden verlassen. Selbst die Teufelin, mit deren betörender Versuchung er sein Leben lang gerungen hat, ist auf hohen, roten Hacken entschwunden. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, ruft Martin Luther in höchster Qual. „Ich fürchte mich so“. Da ist der große Reformator am Ende wieder dort, wo alles begonnen hat – in Angst.

In seinem mehr als drei Stunden langen Drama „Martin Luther – Der Anschlag“ überhöht Dieter Wedel den Reformator, lässt ihn als eine Art menschlichen Heiland auf Erden wandeln, um ihn dann umso tiefer stürzen zu lassen. Man merkt Wedel an, dass er sich intensiv mit der widersprüchlichen Person Luthers auseinandergesetzt hat. Das Stück ist voller Original-Zitate, Anspielungen und Analogien.

Drei statt vier

Die grundsätzlich gute Idee, die Widersprüchlichkeit Luthers durch vier Charaktere darzustellen, wurde durch den Rausschmiss des Skandal-Schauspielers Paulus Manker zunichtegemacht. Was bei den beiden jungen Luthers (Janina Stopper und Maximilian Pulst) gut gelingt, muss der alte Luther (Christian Nickel) allein schultern.

Ihm gebührt das höchste Lob für seine Schauspielkunst. Er ist charismatisch, furchtsam, leidend, zerquält, pöbelnd und tobend in einer Person. Doch eben jenen aufgedunsenen Wutbürger, den Manker geben sollte, kann Nickel nur bedingt verkörpern – er ist eben kein „Bruder Mastschwein“, wie dieser Luther abfällig tituliert wird.

Starkes Ensemble

Trotzdem ragt Nickel hervor, doch auch die anderen Darsteller des durchweg hochkarätigen Ensembles prägen das Stück: Allen voran Corinna Pohlmann als lasziv, verführerische Teufelin und Robert Joseph Bartl als salbungsvoller, um Mäßigung bemühter Kardinal Cajetan. Stark auch Claude Oliver Rudolph, der als Ablasshändler Tetzel in einer Art „Papa-Mobil“ auf die Bühne rollt und im Stile eines Markthändlers auf dem Dippenmarkt Gnade und Vergebung verkauft. Herrlich verschroben spielt Uwe Dag Berlin Lucas Cranach als hippiehaften Künstler. Kraftvoll agiert auch Marcel Heupmann als rockender Ritter Ulrich von Hutten, der die Gitarrre ebenso sicher beherrscht wie das Schwert.

Auch Luthers restliche „Jünger-Gang“ – Melanchthon, Karlstadt und ihre Frauen – zeigen die Wandlung von lebenfrohen Jugendfreunde zu tief zerstrittenen Kontrahenten überzeugend, wenngleich zuweilen – gewollt – überzeichnet. Dem Verständnis hätte es zudem genutzt, wenn diese Figuren besser eingeführt würden.

Erol Sander hat als Leo X leider nicht viel zu sagen in dem Stück. Dafür hat man wohl noch nie einen Papst in Badeshorts auf der Bühne gesehen. Und auch Elisabeth Lanz bleibt als Katharina von Bora rollenbedingt blass – dabei ist sie die starke Frau hinter dem großen Mann.

Ein Sonderlob verdient Wedels Stellvertreter und Co-Autor Joern Hinkel, der an Mankers Stelle Hans Luder, den Vater von Luther, spielt. Sein Dialog mit Maximilian Pulst gehört zu den eindringlichsten Stellen des Stücks: „Vermutlich enttäuschten Väter und Söhne einander immer“, sagt Luther als Sohn traurig zum Abschied zu seinem Vater.

Filmische Einbettung

Eingebettet wird die Bühnenhandlung in Filmsequenzen in denen (nur kurz) Tagesschausprecher Jan Hofer und Moderatorin Mareile Höppner die Verbindung zur Gegenwart und den Bogen zu den Glaubenskriegen der Welt schlagen: „Die verhängnisvolle Flamme des religiösen Wahns ist noch immer nicht erloschen“, heißt es da, während zum Teil quälende Bilder von Krieg, Folter und Verheerung vom Dritten Reich bis zum IS über die Bildschirme flimmern. Das erzeugt Emotionen und treibt die Handlung. Kleine Gags, wie die angeblichen Übertragungspannen oder die Besuchergruppe im Talkshow-Studio wären indes entbehrlich.

Pralle Bilder zeichnet Wedel auch auf der Bühne. Dazu tragen auch die vielen, fanatisch prügelnden, jubelnden, tobenden Statisten bei. Diesmal nutzt Wedel die für „Luther“ wie geschaffene Stiftsruine voll aus. Ein erleuchtetes Kreuz, eine raffinierte Hebebühne, einige einfache Requisiten und stimmungsvolles Licht – das reicht als Kulisse vollkommen aus. Für den nötigen Klangteppich sorgt eine drei Mann-Combo auf der Bühne. Von „Eine feste Burg“ bis zu fetzigem Rock ist alles dabei.

Trotz vieler Stärken und guter Ideen ist Dieter Wedels Luther-Stück einfach zu lang, zu überfrachtet. Es erschlägt am Ende das Publikum. Der Autor will uns so viel sagen, doch seine Botschaft verhallt im zunehmenden Gebrüll der religiösen Fanatiker. Dennoch berührt dieses Stück, es wirkt nach, macht nachdenklich – polarisiert sicher auch. Das ist der Sinn von gutem Theater.

Als das Licht erlischt und der kauernde Luther in der Dunkelheit versinkt, dauert es eine Weile, bis der Applaus einsetzt. Verhalten zunächst, später zunehmend, rund sechs Minuten. Nicht alle waren wohl begeistert. Wedel ist angeeckt. Aber das wollte er ja.

Mehr über die lange Premierennacht und viele Stimmen von Prominenten zum Stück lesen Sie am Montag in der gedruckten Ausgabe der Hersfelder Zeitung. 

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