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Punktuelles Interesse und Erinnerungen

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Bad Hersfeld - Außergewöhnlich groß war am Donnerstagabend das Zuschauerinteresse in der Bad Hersfelder Stadtverordnetenversammlung.

Auffällig waren dabei die „Gelbwesten“ der Bürgerinitiative zur Abschaffung der Straßenbeiträge, die trotz einer 33 Punkte langen Tagesordnung nicht lange auf den ersehnten Beschluss warten mussten.

Ein Großteil des Publikums war aber vor allem wegen der erwarteten Kritik an Bürgermeister Thomas Fehling wegen seines Umgangs mit dem Magistrat und einer Einladung an den ehemaligen Festspiel-Intendanten Dieter Wedel gekommen. Es wurden sogar zusätzliche Stühle herbeigeholt, damit keiner stehen musste.

Als beide Themen erledigt waren, leerten sich die Besucherplätze jedoch ziemlich schnell. Dabei stand den Parlamentariern der wichtigste Tagesordnungspunkt noch bevor: Die Entscheidung über den Bad Hersfelder Haushalt 2020 mit der Gelegenheit zur Grundsatzdebatte über die Stadtpolitik. Nicht einmal ein halbes Dutzend Zuhörer verfolgte dann noch die Königsdisziplin der Stadtverordneten. Das war schade, ist aber auch ein Indiz dafür, dass das Interesse heute bei vielen Menschen eher punktuell als global ausgerichtet ist. Ganz nach dem Motto: Was mich direkt betrifft, verfolge ich genau, und mit dem ganzen Rest beschäftige ich mich lieber nicht.

Die Nachricht vom Friedewalder Literatur-Stipendium hat Erinnerungen wach werden lassen: In der Nach-Wende-Zeit hatte der Landkreis Hersfeld-Rotenburg Schriftstellerinnen und Schriftstellern gleich mehrfach die Gelegenheit gegeben, sich als „Grenzschreiber“ über mehrere Monate hinweg mit der Situation an der Schnittstelle der beiden wiedervereinigten deutschen Staaten zu beschäftigen. Die meisten der dabei entstandenen Werke sind schnell wieder in Vergessenheit geraten, doch insbesondere das reportagige Büchlein „Trabbi, Salz und freies Grün“ von Helga Lippelt war eine gelungene Momentaufnahme der Zeit. Sie hatte den Sommer 1990 in Ausbach verbracht. Der Titel ist zwar längst vergriffen, doch auf Ebay oder bei verschiedenen Online-Antiquariaten noch für wenig Geld zu haben.

Man will nicht immer gleich losmeckern, aber wenn sich die Momentaufnahme zu oft wiederholt, dann muss es eben doch sein: Der Hersfelder Bahnhof verdreckt. Insbesondere in der Unterführung sieht es viel zu oft schlimm aus. Bei so viel herumliegendem Müll nützen auch die schönen bunten Lichter und die neuen Anzeigen nichts, der Gesamteindruck ist nicht gut. Okay, jetzt ist es gesagt. Vielleicht ändert sich ja was. Und damit sind nicht nur die Bahn-Verantwortlichen von Station & Service gemeint, sondern auch die Fahrgäste und Passanten, die hier Kaugummis, Papierchen, Essensschachteln und anderes „entsorgt“ haben.

Fast täglich marschiere ich durch die Hersfelder Innenstadt und passiere dabei häufig das sogenannte Kirchtor zum Marktplatz. Seit mehr als zehn Jahren schwärt hier eine Wunde im Stadtbild, die auch mit bunten Bildern auf dem Bauzaun nicht zu kaschieren ist. Wenn man sich bei der Stadt nach dem Stand der Dinge erkundigt, erfährt man immerhin, dass das Thema zwar keineswegs in Vergessenheit geraten, dass die Auseinandersetzung mit verschiedenen Eigentümern jedoch nach wie vor problematisch ist. Wir bleiben dran.

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