"Hair"-Premiere bei den Bad Hersfelder Festspielen:

Liebe und Frieden in der Stiftsruine: Ein Abend im Rausch des Hippie-Life

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Pralle Bilder, mitreißende Choreografien und tolle Songs: "Hair" in der Stiftsruine.

Bad Hersfeld. Mit begeistertem und langanhaltenden Applaus wurde am Freitagabend die Premiere des Hippie-Musicals „Hair“ bei den Bad Hersfelder Festspielen gefeiert.

Am Ende bleibt nicht mal ein Grab. Nur ein Stahlhelm, mit Blumen geschmückt, erinnert an Claude Hooper Bukowski, einen jungen Amerikaner, der von Liebe und Frieden träumte und doch in den Krieg zog. 

Da stehen sie nun, seine spießigen Eltern, die gehofft hatten, die Armee würde einen Mann aus ihrem langhaarigen Sohn machen. Und seine Freunde, ein bunter Haufen schriller Gestalten – vereint in Trauer. 

Auch 50 Jahre nach der Uraufführung des „American Tribal Love Rock Musicals Hair“ am Broadway gönnt uns Regisseur Gil Mehmert in seiner Inszenierung für die Bad Hersfelder Festspiele kein Happy End. Warum auch? Liebe und Frieden scheinen weiter weg als je zuvor. 

Ein praller Bilderbogen

„Hair“ in Bad Hersfeld ist ein praller Bilderbogen, farbig und rasant – und zugleich eine Zeitreise durch die amerikanische Popkultur. Wie ein außerirdischer Heilsbringer schwebt gleich zu Anfang der charismatische Berger (Riccardo Greco) im Mondfahreranzug zu seinen Hippie-Freunden hinab – und die Geschichte nimmt ihren Lauf. 

Später stößt auch Claude (Christof Messner), ein Junge aus einem konservativen, gottesfürchtigen Elternhaus in New York zu Bergers wilder Hippie-Horde und verliebt sich in dessen Freundin Sheila (Bettina Mönch), eine „kleine Demokratin aus gutem Haus“. Man lacht, liebt, tanzt und kifft – bis der Einberufungsbefehl kommt. 

„Ich war ein Mensch, jetzt bin ich eine Nummer“, sagt Claude verzweifelt. Er ringt mit sich, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflichtbewusstsein.

Dicht am Bühnenrand

Gil Mehmert inszeniert „Hair“ als „eine Hommage an eine Generation, „die für einen Sommer die Zeit angehalten hat“. Schon das Bühnenbild (Jens Kilian) gleicht einem Rockkonzert – eine Referenz an Woodstock – und die großartig-rockige Festspielband unter der Leitung von Christoph Wohlleben am E-Piano ist mittenmang. Freilich wird bei diesem Aufbau die grandiose Kulisse der Stiftsruine völlig zugestellt – sie spielt bei „Hair“ nur eine haarlose Statistenrolle. 

Dafür tobt der Hippie-Haufen direkt am Bühnenrand, sodass der Zuschauer den Schweiß spritzen sieht. Und der fließt in der Hitze der Nacht in Strömen. Vor allem im ersten Teil geht ein Song nahtlos in den nächsten über, sodass die Handlung in den Hintergrund tritt. Bewusst verzichtet Mehmert darauf, das Stück mit aktuellen Bezügen aufzumotzen. 

Dennoch zeigt er die Spannungen zwischen dem schwarzen und weißen Amerika auf dem Höhepunkt der Rassenunruhen, die auch in der Hippie-Horde aufbrechen. Makaber, wenn der Ku-Klux-Klan mit Fackeln auf die Bühne zieht und singt: „Black Boys are delicious“. 

Überzeugende Ensemble-Leistung

„Hair“ ist vor allem eine Ensemble-Leitung und überzeugt mit ausgelassener Spielfreude und tänzerischem Körpereinsatz. Die Songs kann jeder mitsingen. Atemlos jagt ein Evergreen den anderen: „Aquarius“, „Hair“, „Good Morning Starshine“, „Let the Sunshine in“ oder „Hippie Life“ – die Hymne an die Zeit. Rasant ist die Choreografie (Melissa King), fantasievoll bunt die Kostüme (Dagmar Morell). 

Trotzdem stechen einige Akteure heraus – allen voran Bettina Mönch als Sheila, die mit weißer Seele und schwarzer Soulstimme bezaubert. Auch Claude, Berger, Jeanie (Martina Lechner) Woof (Nils Klitsch), Hud (Victor Hugo Barreto) Crissy und die wie wild wirbelnden Girls vom Electric Blues Trio (Eva Zamostny, Karen Müller, Tamara Pascual) tanzen und singen sich in die Herzen. 

Ikonen der Pop-Kultur

Als netter Nebeneffekt tauchen immer wieder Ikonen der Pop-Kultur auf: Liz Taylor mit Flachmann (Kerstin Ibald), Janis Joplin, Andy Warhol, Jackie Kennedy im rosa Kostüm, die Supremes, Bhagwan, Clint Eastwood – sogar Scarlett O’Hara weint um die Toten eines anderen Krieges. 

Zum Höhepunkt stehen die Hippies nackt auf der Bühne – schutzlos, entblößt, wie von Gott erschaffen – und trotzen hüllenlos der Staatsmacht. Die Blütenträume der Flower-Power-Zeit sind entblättert. 

Zehn Minuten Applaus, Jubel, stehende Ovationen und zwei Zugaben sind der verdiente Lohn für zwei pralle Stunden Hippie-Life in Bad Hersfeld. Am Ende tanzt auch das Publikum auf der Bühne. Denn der Traum von Liebe und Frieden wird nie sterben.

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Bilder von der Fotoprobe: Musical "Hair" bei den Festspielen

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