27-Jähriger forscht in Israel

Hersfelder berichtet von seiner Arbeit in Gedenkstätte Yad Vashem

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Auf dem Tempelberg in Jerusalem: Das Bild zeigt Philipp Henning vor dem Felsendom.

Philipp Henning erzählt, warum der Holocaust für ihn alles andere ist als ferne Geschichte – und was ihn an Israel fasziniert. 

In der Serie „Die weite Welt und wir“ erzählen Menschen aus dem Kreis, die im Ausland leben, ihre Geschichten: Heute Philipp Henning, der in Jerusalem arbeitet.

„Während meines Studiums habe ich mich intensiv mit dem Nahen Osten und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Deswegen wollte ich auch unbedingt einmal in dieser Region leben“, sagt der 27-jährige Bad Hersfelder Philipp Henning. Aus diesem Grund sei die weltweit bekannte Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem die naheliegendste Institution gewesen, um in Israel zu arbeiten.

Die International School for Holocaust Studies gehört zur Gedenkstätte und hat das Ziel, Lehrern oder Polizisten aus aller Welt, aber auch Schülern, Soldaten und Polizisten aus Israel neueste Forschungsergebnisse über den den Holocaust zu vermitteln. „Ich arbeite innerhalb der europäischen Abteilung, die sich mit deutschsprachigen Ländern befasst“, sagt Henning. „Hauptsächlich besteht die Arbeit in der Vorbereitung und Begleitung von Seminaren.“

Aktuell stünden Seminare für Lehrer-Gruppen aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen und der Schweiz an. Diese würden meist sieben bis zehn Tage in Jerusalem bleiben und ein anspruchsvolles Programm aus Vorträgen, Workshops und Besichtigungen zum Thema Holocaust und der Frage, wie dieser heutzutage für junge Menschen zugänglich gemacht werden kann, durchlaufen. „Dabei steht auch immer ein Treffen mit einem Überlebenden des Holocaust auf dem Programm, der seine Geschichte erzählt“, sagt Henning.

Ein Holocaust-Mahnmal im Tal der Gemeinde von Yad Vashem. Dort sind alle Orte in Stein gemeißelt, aus denen Juden während des Holocaust ermordet wurden.

Henning bedeutet seine Forschungsarbeit viel, weil der Massenmord an den Juden für ihn als Zivilisationsbruch das zentrale Ereignis der jüngeren Geschichte darstellt, der der negative Auslöser für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland sei und die Gegenwart Europas immer noch präge. Übergriffe auf Juden und antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit würden wieder zunehmen, was er auch in Berlin aus der Nähe beobachten könne.

Was ihn am Staat Israel so fasziniert? „Wenn man vor dem Grab von Oskar Schindler in Jerusalem steht und sieht, dass es noch immer von vielen Leuten aus Dankbarkeit besucht wird, oder das riesige Gedenkstättengelände mit all seinen Mahnmalen besucht, dann wird einem deutlich, wie gegenwärtig der Holocaust mit all seinen Konsequenzen in Israel ist – das ist alles andere als ferne Geschichte“, sagt Henning.

Außerdem sei es die Widersprüchlichkeit und Vielfalt des kleinen Landes, die es für ihn so atemberaubend mache. „Von der modernen, liberalen und westlich orientierten Mittelmeermetropole Tel Aviv nach Jerusalem, dem traditionell-religiösen und uralten Zentrum von Juden- und Christentum sowie heiliger Stadt des Islames ist es nur eine Autostunde – mental aber eine Weltreise“, sagt Henning. Außerdem beeindrucke ihn die unsichtbare Grenze zwischen den arabischen und israelischen Stadtteilen Jerusalems.

Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem: Das Foto zeigt einen Viehwaggon der Reichsbahn, der zur Deportation von Juden in Osteuropa genutzt wurde.

Wenn der Bad Hersfelder sich nicht seiner Forschungsarbeit widmet, dann nutzt er die unzähligen kulturellen Angebote seiner Wahlheimat Berlin. Egal ob Theater, Oper, Kinos oder Ausstellungen. Besonders vermissen würde er in diesem Jahr die Berlinale – die Internationalen Filmfestspiele Berlin.

„An Deutschland fehlt mir der Winter, wenn ich die Bilder mit Schneelandschaften sehe“, sagt Henning. Außerdem seien die Lebensmittel in Israel wesentlich teurer. „Und auch wenn es die Standardantwort auf diese Frage ist: Ich vermisse – so lecker die Pita hier auch sind – das deutsche Graubrot.“

Hier liegt die Gedenkstätte Yad Vashem

Nach seiner Zeit in Israel möchte der Akademiker seine Forschungen zum Themenkomplex der Beziehungen des NS-Regimes mit der arabischen Welt ausweiten. Aus diesem Grund nutze er auch jetzt schon die Archive Jerusalems, um nach neuen Quellen zu forschen und sich mit den dortigen Historikern auszutauschen und dadurch neue Denkanstöße zu erhalten.

In der Zukunft könne er sich etwas im Bereich der Politischen Bildung vorstellen. Nach seinem Aufenthalt im Staat Israel solle sein beruflicher Werdegang aber erst mal an der Universität weitergehen. 

Zur Person

Philipp Henning wurde 1992 in Bad Hersfeld geboren. Dort besuchte er die Konrad-Duden-Schule. An der Modellschule Obersberg legte er 2011 sein Abitur ab. In Marburg, Florenz (Italien), Freiburg, Exeter (England) und Berlin studierte er Geschichte, Politik und Orientwissenschaft. Seinen Master an der Humboldt-Universität Berlin beendete er 2018 mit einer Arbeit über die NS-deutsche arabischsprachige Rundfunkpropaganda und den Antisemitismusexport in die islamisch-arabische Welt im Zweiten Weltkrieg. Während seines Studiums absolvierte er Praktika bei Staatsminister Michael Roth im Bundestag und bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. 

Wenn auch Sie, liebe Leser, jemanden kennen, der ausgewandert ist oder seit längerer Zeit in einem anderen Land lebt, dann freuen wir uns über einen Kontakt.

Daten und Fakten zu Israel

Lage: Israel liegt in Vorderasien an der südöstlichen Mittelmeerküste und grenzt an Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten. 

Einwohner: Rund 9 Millionen, also ein Neuntel von Deutschland 

Fläche: 22 380 km², also in etwa so groß wie Hessen

Bevölkerungsdichte: 374 Einwohner pro km², (Deutschland: 231 pro km²) 

Hauptstadt: Jerusalem (901 300 Einwohner) 

Amtssprachen: Hebräisch und Arabisch 

Regierungssystem: Parlamentarische Republik 

Staatsoberhaupt: Reuven Rivlin 

Regierungschef: Benjamin Netanjahu 

Währung: Neuer Israelischer Schekel (ILS) 

Bruttoinlandsprodukt: 350,9 Milliarden US-Dollar (Deutschland 3,7 Billionen Dollar) 

Wichtige Exportgüter: Hightech-Produkte (Computerhardware und -software), Medizinelektronik, Kunststoffe, Diamanten, Erdöl, Erdgas, Textilien

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