MONTAGSINTERVIEW mit Bad Hersfelds Erstem Stadtrat

Gunter Grimm: „Das Wir-Gefühl ist schnell verpufft“

Das Bild von 2019 zeigt Bad Hersfelds Ersten Stadtrat Gunter Grimm  mit Tobias Reinhardt, einem Mitarbeiter des Ordnungsamtes.  Sie präsentieren eine Durchfahrtsgenehmigung für den Hessentag.
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Viel zu tun beim Hessentag: Auch die Durchfahrtsgenehmigungen für die gesperrte Innenstadt waren ein Thema, mit dem sich Bad Hersfelds Erster Stadtrat Gunter Grimm (hier mit Tobias Reinhardt vom Ordnungsamt, rechts im Bild ) auseinandersetzen musste. Archivfoto: Karl Schönholtz

Er war beim Hessentag in Bad Hersfeld maßgeblich an der Organisation beteiligt und vor allem für das Sicherheitskonzept verantwortlich: Erster Stadtrat Gunter Grimm. Ein Jahr danach hat unsere Zeitung mit ihm über die Nachwirkungen des Landesfestes und die Coronakrise gesprochen.

Herr Grimm, was ist vom Hessentag geblieben?

Eine unglaublich schöne Erinnerung an ein Landesfest, das seinesgleichen sucht. Das waren tolle Erlebnisse und während der Festtage ein sagenhaftes Wir-Gefühl, das es auf diese Art und Weise in dieser Stadt noch nie gegeben hat.

Man hatte allerdings den Eindruck, dass dieses „Wir-Gefühl“ nach dem Hessentag schnell verpufft ist.

Nicht nur mir als Bürger, sondern auch vielen anderen Menschen ist dies aufgefallen. Das bedauere ich ausdrücklich! Bezeichnend ist vielleicht auch in diesem Zusammenhang, dass sich erst die Stadtverordnetenversammlung dafür einsetzen musste, die beiden Personen, die dieses Fest maßgeblich gestaltet haben – die Hessentagsbeauftragte Anke Hofmann und ihren Stellvertreter Markus Heide – zu ehren.

Woran hat das konkret gelegen?

Um Menschen zu binden, um Menschen zu überzeugen und Interessengruppen zusammenzuführen, bedarf es eines hohen Maßes an Empathie. Wenn wir die Geschehnisse im Nachhinein betrachten, dann kann man feststellen, dass es daran fehlt und dass dieses dauerhafte Zusammenführen nicht stattgefunden hat.

Dazu passt der Eindruck, dass Initiativen und Vorschläge aus dem Rathaus ohne Moderation oder Flankierung einfach so auf den Tisch gelegt werden. Ist das so?

Auch dazu kann ich als Bürger dieser Stadt nur feststellen, dass das erwähnte Bündeln der Interessen nicht existent ist. Bestes Beispiel ist die ICE-Trasse. Das war eine tolle Idee der Bürgerinitiativen, und wir waren uns eigentlich alle einig, dass dieser Vorschlag des Rätsels Lösung zur Trassenführung ist. Eine gemeinschaftliche Darstellung und Präsentation der Idee plus Ergänzungen hätte erfolgen müssen. Umso größer wären dann der Rückhalt und die Unterstützung gewesen. Wir haben beim Hessentag erlebt, wie uns die Staatskanzlei bei vielen Dingen unter die Arme gegriffen hat, weil es verstanden wurde, verschiedene Interessen zusammenzuführen. Das hat nach dem Hessentag eben nicht mehr stattgefunden, und die Trassenführung ist nur ein Beispiel.

In der Stadtverordnetenversammlung haben sich die zuvor starren Fronten aufgelöst. Hat sich die Zusammenarbeit Ihrer Ansicht nach dadurch verbessert?

Das kann ich unterstreichen, das hat sich eindeutig verbessert. Die starren Grenzen zwischen den Fraktionen sind nicht mehr existent. Es wird sich viel intensiver hinter den Kulissen ausgetauscht, es wird viel mehr miteinander gesprochen. Es haben auch alle Seiten verstanden, dass das Beharren auf eigenen Standpunkten nicht zielführend ist und dass die Lösung zumeist im Kompromiss liegt.

Die Folgen der Coronakrise wird auch die Stadt Bad Hersfeld zu spüren bekommen – insbesondere finanziell. Auch da wird Konsens gefragt sein. Worauf kommt es an?

Dass es (wieder) keine Einzelaktionen gibt, dass man sich abstimmt. Das Entscheidende wird sein, ob und wie man die hiesige Wirtschaft mit einbinden kann. Wir können uns ja alle möglichen Ideen vorstellen, aber wenn die Wirtschaft, das Gewerbe, der Einzelhandel gebündelt im Stadtmarketing und die Bürgerinnen und Bürgern nicht mitziehen – Stichwort „Interessenbündelung“ –, dann ist das alles Utopie.

Bad Hersfeld hat sich immer gerne mit sich selbst beschäftigt. Aber kann man nicht auch von unseren Nachbarn lernen und sich dort etwas abschauen? Etwa in Bebra oder Rotenburg?

Für mich ist es wichtig, die Vorteile von Bad Hersfeld in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist die unglaubliche Geschichte dieser Stadt, das ist die Stiftsruine, das sind die Festspiele, das ist das Lullusfest und viele andere Dinge, die mit den Bürgerinnen und Bürgern verbunden sind. Wenn wir bei der Herausstellung dieser Positionen Anregungen aus anderen Städten bekommen, warum denn nicht? Im Bereich der Touristik arbeiten wir ohnehin schon mit den Nachbarn zusammen, auch bei der Wirtschaftsförderung. Und dass das funktionieren kann, hat ja der Hessentag bewiesen.

Was wünschen Sie der Stadtpolitik für die zweite Jahreshälfte?

Dass wir relativ schnell aus dieser Lähmung des Coronavirus herauskommen. Dass wir es mit einem „Wir-Gefühl“ schaffen, das städtische Leben und die Wirtschaft wieder nach vorne zu bringen. Ich finde es zum Beispiel traurig, wenn man jetzt durch die Stadt geht und feststellt, dass die frühere Betriebsamkeit nicht mehr so existent ist. Dass es nach Corona unmittelbar nicht mehr das Gleiche sein kann, darüber bin ich mir schon im Klaren. Um das städtische Leben zu beleben, müssen alle etwas dazu beitragen: zeigen, dass man noch da ist, Kontakte beleben. Dazu gehört auch, dass die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und die Kulturschaffenden so gestaltet werden, dass sich der Weg in die Innenstadt wieder lohnt.

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