Hoffen auf Hilfe vom Land:

Jugendherbergen in Bad Hersfeld und Rotenburg bleiben weiterhin geschlossen

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Warten auf Gäste: In der Jugendherberge Bad Hersfeld gibt es genügend Platz, sodass die Corona-Abstandsregeln hier eingehalten werden könnten, sagt Leiter Sascha Forderung. 

Gespenstische Ruhe herrscht in den Jugendherbergen in Rotenburg und Bad Hersfeld. Wo sonst Kinder durch die Gänge toben, Familientreffen und Seminare stattfinden, ist nun Leere.

Wie alle kommerziellen Übernachtungsbetriebe auch, mussten die Jugendherbergen wegen der Corona-Pandemie schließen. Wann sie wieder öffnen können, ist noch nicht bekannt.

Jugendherbergen sind in einer besonderen Situation. Sie gehören dem Jugendherbergswerk an, das als gemeinnütziger Verein organisiert ist. Hier gelten andere Regeln als für Wirtschaftsunternehmen. „In der aktuellen Schließphase haben wir trotz der Tatsache, dass ausnahmslos alle Mitarbeitenden im Landesverband in Kurzarbeit sind, monatliche Fixkosten von etwa 500 000 Euro. Da wir aufgrund unserer Rechtsform als eingetragener Verein, der gemeinnützig tätig ist, keine Rücklagen bilden dürfen, wird uns die aktuelle Lage wohl noch viele Jahre mit ihren Spätfolgen beschäftigen“, erklärt Knut Stolle, Pressesprecher des Landesverbandes Hessen des Jugendherbergswerkes. Mehr als sieben Millionen Umsatzverlust hätten die Herbergen schon jetzt zu beklagen.

Die Jugendherbergen hoffen deshalb auf die Unterstützung der Politik, damit die Organisation nicht im 111. Jahr ihres Bestehens aufhört zu existieren. „Wir sind in engem Austausch mit der Landespolitik und optimistisch, unsere Häuser wieder öffnen zu können, wenn es die Lage erlaubt“, sagt Stolle.

Das hofft auch Sascha Forderung, Leiter der Jugendherberge Bad Hersfeld. Das Haus sei groß genug, um die Hygieneregeln gut einhalten zu können, sagt er. Die Zimmer hätten eigene Nasszellen und sowohl im Speisesaal als auch beim Betreten und Verlassen des Hauses könne der Publikumsverkehr aufgrund mehrerer Türen relativ gut organisiert werden.

Dennoch geht Forderung davon aus, dass zumindest das Schulklassen-Geschäft in diesem Jahr nicht mehr in Gang kommen wird. Schon jetzt seien Klassenfahrten bis zu den Herbstferien verboten. Und er befürchtet, dass die Gäste aus den Partnerstädten Bad Hersfelds, die jedes Jahr zum Lullusfest und dem Lollslauf anreisen, ausbleiben werden.

Umso mehr hofft Sascha Forderung auf Individualreisende, unter anderem, weil Auslandsreisen in diesem Sommer wohl schwierig werden, auf Radwanderer, Chöre, Sportverein und all die anderen Gruppen, die sonst regelmäßig buchen.

Die Jugendherberge Rotenburg wurde in den letzten Jahren verstärkt frequentiert. 

Darauf setzt auch die Jugendherberge in Rotenburg, die unter der Leitung von Anja Dietrich in den letzten Jahren eine erfreuliche Entwicklung genommen hat, wie Knut Stolle erklärt. 35 bis 40 Prozent der Jahresbelegung seien Schulklassen. Familien und Seminargruppen machten den Großteil der Gäste aus. Bei ihnen sei das Haus sehr beliebt, verweist Stolle auf steigende Übernachtungszahlen.

Während der Schließung wird die Zeit für Grundreinigungen und Instandhaltungsmaßnahmen genutzt. „Ich bin jeden Tag hier, auch um Vandalismusschäden zu verhindern“, sagt Sascha Forderung.

„Wir hängen im luftleeren Raum“

„Beschissen“, sagt Rainer Reul, der Inhaber des Schullandheims Villa Phantasia in Oberstoppel auf die Frage, wie es dort läuft. Seit März sind auch dort keine Gäste mehr und bis einschließlich der Herbstferien werden auch keine Schulklassen mehr erwartet. „Wir hängen im luftleeren Raum und wissen nicht, ob es unser Haus im nächsten Jahr noch gibt“, macht Reul die Dramatik der Lage deutlich. Als Kleinunternehmen habe die Villa Phantasia nie öffentliche Gelder erhalten und auch keine Rücklagen erwirtschaften können.

Keine Gäste im Schullandheim Villa Phantasia: Rainer und Sabine Reul fürchten um die Zukunft ihres Hauses in Oberstoppel.

 Die Einnahmen aus dem Schullandheimbetrieb reichen nach Abzug aller Kosten noch nicht einmal zum Überleben. Seit drei Jahren arbeiten Sabine und Rainer Reul auch noch in Teilzeit in einem Altenheim in Hünfeld. „Wir hoffen, dass das Kultusministerium wenigsten die Übernachtungskosten für die abgesagten Klassenfahrten bezahlt“, meint Reul. Sorgen macht sich der engagierte Herbergsvater aber nicht nur um die Villa Phantasia, sondern auch um die Kinder, die dort regelmäßig zu Gast sind. „Zu uns kommen viele Schulklassen aus Brennpunktgebieten,“ erklärt Reul. Für diese Kinder sei die Bewegung in der Natur ganz besonders wichtig. Zudem hätten sie zuhause meist niemanden, der sie beim Lernen unterstützen könnte. Reul befürchtet negative Langzeitfolgen. Er hat sich schon überlegt, mit einem Lern- und Kreativangebot an die Schulen zu fahren. Zum Beispiel Indianerzelte bauen: Da muss die Größe und das Material berechnet werden, da erfährt man etwas über das Leben einer anderen Kultur und kann handwerklich aktiv und künstlerisch kreativ werden, erläutert er. Wie bei so einer Gemeinschaftsaktion Abstand gehalten werden kann, ist ihm allerdings noch unklar. 

Als besonders belastend – „durchschlafen kann ich nachts schon lange nicht mehr“ – empfindet Rainer Reul die Ungewissheit. Er wüsste einfach gerne, wann es wieder losgehen kann in dem idyllisch am Fuß des Stoppelsberges gelegenen Schullandheim. Dabei ist ihm bewusst, dass genau das auch die Verantwortlichen nicht sagen können. „Diese Entscheidungen mit all den unabsehbaren Folgen möchte ich nicht treffen müssen“, sagt Reul. Und so versucht er es mit rheinischer Gelassenheit: „Et kütt, wie et kütt“, meint der aus Köln Stammende. „Es kommt, wie es kommt.“

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